Acting out of character Wie Introvertierte zur Bühnenpersönlichkeit werden

Doppelportrait einer Frau -einmal ernst einmal lächelnd
Nach dem Psychologen Brian Little gibt es feste und freie Persönlichkeitszüge. Für wichtige Anliegen können Introvertierte ihre Zurückhaltung abstreifen und "außerhalb der Grundpersönlichkeit" agieren 
© Paffy69 / Getty Images
Wie kann ein zurückhaltender Mensch mit Vorträgen in den Bann ziehen oder als Politiker brillieren? Ein Persönlichkeitspychologe entwickelte dazu eine eigene Theorie 

Brian Little ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Der kanadische Psychologe von kleiner, eher gedrungener Statur mit runder Brille und freundlich blickenden Augen ist derjenige, der auf Konferenzen in der Pause auf die Herrentoilette verschwindet. Er tut dies, um die Tür abzuschließen und dem Smalltalk zu entgehen, welcher ihn erschöpft. Little beschreibt sich als ruhig und introvertiert.

Little ist aber auch Psychologieprofessor, der am Rednerpult von Elite-Colleges bei seinen Vorlesungen mit lauter Stimme spricht, der gestikuliert, mit Anekdoten um sich wirft und den seine Studenten als Mischung aus dem Komiker Robin Williams und dem Genie Albert Einstein beschreiben. Seine Vorträge begeistern an der Universität. Sie überzeugen nicht nur inhaltlich, auch die Darbietung hat sich schnell herumgesprochen: Ein Wissenschaftler mit Entertainer-Appeal. Dreimal in Folge wurde er als Lieblingsprofessor der Harvard-Studierenden geehrt.

Kann es sich bei beiden um ein und denselben Menschen handeln? Kann jemand so exzentrisch auf der Bühne agieren und in Veranstaltungspausen so ängstlich-introvertiert vor dem Geplauder in die Waschräume flüchten? Kann also jemand so gravierend zwischen Extrempolen seiner Persönlichkeit wechseln? In der Psychologie wird diese Frage als Person-Situation-Kontroverse abgehandelt. 

Bei dieser Debatte, die Persönlichkeitspsychologen umtreibt, geht es um die Frage, wie determiniert das Selbst ist, ob es feste Persönlichkeitszüge aufweist oder sich je nach Kontext und Situation manifestiert. Postmoderne Situationisten sprachen schon vom Selbst als "Rollenspieler", doch inzwischen ist der Blick etwas differenzierter. 

Trotz Schwankungen und Flexibilität der Persönlichkeit selbst über den Tag hinweg, so die vorherrschende Einschätzung, gibt es auch relativ feste und stabile Persönlichkeitszüge. Heute redet man gern von den unterschiedlich ausgeprägten "Big Five". Doch weiterhin beschäftigt Fachleute die Frage, welche Rolle der freie Wille und die Selbstbestimmung dabei spielen können: Können wir aus eigener Motivation heraus entscheiden, welche Merkmale wir wann der Umwelt von uns präsentieren? 

Eine Antwort formulierte Brian Little selbst. Der Professor hatte sich auch gefragt, warum er einerseits so mitreißende Reden hielt und es ansonsten bevorzugte, wie ein Eremit zu leben und sich in seinem Privatleben eher abzuschotten. Little entwickelte die sogenannte Free-Trait-Theorie. Danach bestehen feste und freie Persönlichkeitsmerkmale nebeneinander, sie koexistieren. 

Die Theorie der freien Persönlichkeitszüge

Für Little gibt es stabile Charakterzüge, die seit Kindheit und Jugend das Wesen eines Menschen prägen und die zwar Schwankungen durch Umwelt und spätere Lebenserfahrungen ausgesetzt sind, doch dominant bleiben – in seinem Fall die Introversion. Trotzdem sei es möglich, situativ außerhalb der Kernpersönlichkeit zu agieren. Little glaubt, dass wir quasi aus uns heraustreten und uns für unsere Lebensziele wie ein Schauspieler anpassen können. Ein introvertierter Mensch könne kurzfristig extrovertiert wie ein politischer Redner wider seine Natur handeln, wenn es für ihn um sehr zentrale Anliegen gehe, ja um Kernprojekte in seinem Leben. In einer Studie kam der Psychologe zu dem Schluss, dass die meisten Menschen etwa fünfzehn solcher zentralen Projekte verfolgen, für die sie innerlich brennen. 

Der Schlüssel ist also die Sinnhaftigkeit und emotionale Bedeutung einer Aufgabe oder Situation, die den Menschen vom introvertierten Dasein zur situativen Extraversion treiben kann. Im Fall Littles seine Liebe und Begeisterung für die Inhalte, die er lehrte. Diese weiterzugeben, den Funken in seinen Studenten und angehenden Psychologen zu zünden, entsprang einem inneren Auftrag. 

Im Dienste dessen trat Little aus seiner Persönlichkeit heraus – ein lockerer Smalltalk dagegen über das Wetter oder das Mittagessen hatten keinerlei persönliche Bedeutung und konnten ihn nicht motivieren, die frei wählbaren Züge zu mobilisieren. Littles Theorie will also erklären, warum ein extravertierter und dominanter Manager sich in privaten Situationen zurückhaltend und schüchtern verhält oder eine ruhige und introvertierte Schülerin plötzlich öffentliche Auftritte in Talkshows absolviert, wenn es um ein Herzensprojekt, etwa den Klimaschutz, geht. Die Bedeutung lässt Introvertierte über ihre Grenzen wachsen. 

Durch die Verankerung in tieferen Werten und mit Lebenssinn aufgeladenen Projekten ist eine frei gewählte Persönlichkeitsseite des Menschen für Brian Little sogar authentisch, er betont, dass er diese Seite als Ausdruck eines "wahren Selbst" betrachtet. 

Nischen sind wichtig 

Was aber zu bedenken ist: Extremes Wechseln zwischen Persönlichkeitsmerkmalen wie Intro- oder Extraversion gelingt in der Regel nur zeitlich begrenzt. Um gesund und in Wohlbefinden zu leben, braucht ein Introvertierter in den allermeisten Fällen eine Umwelt, die ihm nicht permanent Außenkontakt und Präsenz abfordert. Little selbst schreibt, dass "restorative Nischen" nötig sind, also Rückzugsorte, zum Auftanken. 

Ohne dies erschöpft ein Introvertierter langfristig, reagiert übermäßig gestresst und kann in Entfremdung oder Burnout rutschen. Ausflüge ins Reich der Extrovertierten oder auf die Bühne sollten zeitlich überschaubar bleiben. So kann der Mensch seine Gesundheit wahren und trotzdem jene Werte in die Welt tragen, die Introvertierte zumeist auszeichnet: Wissen und Beobachtungen, die sie mitunter in tage- und nächtelanger stiller Forscherarbeit gewonnen haben. 

In Therapie, Coaching und Beratung ist Brian Littles Ansatz verständlicherweise beliebt, um Schüchterne dafür zu begeistern, nicht von ihren Kernzielen abzulassen. Doch oft wird das Potenzial der freien Züge auch übertrieben und den Menschen suggeriert, dass sie alles sein könnten, was sie nur wollen. Little selbst, der das Leben in extremen Widersprüchen kennen gelernt hat, würde so weit mit Blick auf die psychische Gesundheit wohl nicht gehen. Doch in der Psychologie gilt die Persönlichkeit inzwischen immer mehr als durch Erfahrungen formbar und veränderlich – ein Leben lang. 

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