Zum Inhalt springen
Abo testen Login

Haut Wunden heilen schneller – wenn wir kuscheln

Hautkontakt und Kuscheln setzen Oxytocin frei und schaffen Bindung und Vertrauen. Könnten so auch kleine Verletzungen auf der Haut schneller heilen? Eine Studie hat dies untersucht 
Liebevolle Berührung setzt heilsame Kräfte des Hormons Oxytocin im Körper frei
Liebevolle Berührung setzt heilsame Kräfte des Hormons Oxytocin im Körper frei
© Betsie Van der Meer / Getty Images

Ein Paar verabschiedet sich und küsst sich an der Haustür, bevor sich die Wege trennen. Ein älteres Ehepaar sitzt im Restaurant und isst. Während sie spricht, streicht er eine Strähne hinter ihr Ohr, und seine Hand fährt behutsam über die Wange. Sie tastet daraufhin auf dem Tisch nach seinem Arm, drückt ihn. Vermutlich spüren beide in dieser Szene Zusammengehörigkeit, Nähe und Verbindung. Fast ohne Worte wird das Band zwischen ihnen geknüpft. Oder ein junges Paar bricht zum Bummel auf, und sie hakt sich bei ihm unter. Beide spüren durch die Symbolik der winzigen Geste binnen Sekunden, dass sie sich nahe sind, einander vertrauen und auf den gemeinsamen Ausflug freuen. 

Flüchtige Alltagsberührungen sprechen eine wortlose Sprache der Sympathie und Nähe, auf die die Biologie des Körpers intuitiv reagiert. Bereits feinste Gesten der Zuwendung und Nähe setzen das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin frei, ein Neuropeptid, das uns hilft, emotionale Bindungen und Vertrauen aufzubauen. Es entsteht im Hypothalamus des Gehirns und gerät über die Hypophyse in die Blutbahn des Körpers. Von dort erreicht es verschiedene Gewebe. Es stärkt die Bindung zwischen Lebewesen, sowohl zwischen Mensch und Mensch als auch zwischen Mensch und einem geliebten Haustier. 

Oxytocin senkt über taktile Berührung, aber auch über zugewandte Worte und Gesten das Stressempfinden, und sogar vorhandene Schmerzen können abnehmen. Oxytocin steigert positive Emotionen wie Zuversicht, Geborgenheit, Hoffnung und Glück und beeinflusst das menschliche Immun- und Hormonsystem.

Wissenschaftler gehen noch weiter: Sie glauben, dass Kuscheln und zärtliche Nähe nicht nur Verbundenheitsgefühle wecken und Stress im Körper herunterregulieren sowie Entspannung fördern, sondern dass über das freigesetzte Oxytocin auch biologische Heilprozesse angeregt werden könnten. Unter anderem die Psychoneuroimmunologie verfolgt die Hypothese, dass positive Emotionen wie Zuversicht oder Geborgenheit die Heilkräfte im Körper ankurbeln könnten und einen beständigen, feinen Dialog zwischen Körper und Geist entfachen. Diesen Austausch sollte die Medizin nach Auffassung der noch jüngeren Fachrichtung in den Blick nehmen. 

So versucht eine aktuell im Fachjournal "JAMA Psychiatry" veröffentlichte Studie die heilsame Wirkung von Oxytocin und zärtlicher Nähe bei dermatologischen Verletzungen der Haut zu ergründen. Dazu wurde das in den beschriebenen Nähe-Erfahrungen normalerweise im Körper produzierte Oxytocin Probanden und Probandinnen gezielt exogen, von außen, verabreicht, und zwar über ein intranasales Spray per Sprühstoß – mehrfach pro Woche. 

Die publizierte Studie leiteten Ekaterina Schneider vom Institut für medizinische Psychologie der Universität Heidelberg und Beate Dietzen vom Universitätsklinikum Heidelberg. Beteiligt waren auch Forschergruppen aus Zürich und Freiburg. Für die Kuschelstudie wurden zunächst 80 gesunde Paare im Alter von durchschnittlich 28 Jahren und mit mindestens einem Jahr Beziehungsdauer rekrutiert, denen zunächst in einem dermatologischen Verfahren harmlose Hautwunden zugefügt wurden, sogenannte Saugblasen-Wunden. 

In der doppelblinden Studie landeten die Liebespaare in einer von vier Gruppen. Der Zufall entschied, ob sie das Oxytocin-Nasenspray allein, das Oxytocin-Spray in Kombination mit einer partnerschaftlichen Nähe-Intervention (Partner-Appreciation-Task), oder ob sie ein Placebo-Spray oder das Placebo wiederum in Kombination mit der positiven Intervention erhielten. Die Doppelverblindung bedeutet, dass selbst die Forschendengruppen nicht wussten, wer lediglich ein wirkloses Placebo erhielt und bei wem Oxytocin in den Körper gelangte. 

Kuschelhormon-Spray: In der doppelblinden Studie zur Wundheilung wussten selbst die Forschenden nicht, wer ein Placebo erhielt und bei wem das Oxytocin in die Nase gelangte 
Kuschelhormon-Spray: In der doppelblinden Studie zur Wundheilung wussten selbst die Forschenden nicht, wer ein Placebo erhielt und bei wem das Oxytocin in die Nase gelangte 
© PixieMe / Adobe Stock

Bei der positiven Beziehungsintervention handelte es sich um Gesprächssequenzen, die Wertschätzung und Dankbarkeit für den Beziehungspartner gezielt anleiteten und Nähe fördern sollten. Die Paare mussten zudem zärtliche Berührungen, Kuscheln und Sexualität wie auch ihr Stressempfinden täglich protokollieren.

Die Studie beurteilte nun die Wundheilung direkt nach der Wundsetzung, nach einem Tag und nach einer Woche durch ausgebildete Fachpersonen. Außerdem nahmen die Forschenden zu mehreren Zeitpunkten Speichelproben der Liebenden, um die Stresshormonwerte des Cortisols zu bestimmen. Zudem wurde die Wundflüssigkeit im Labor analysiert, um Zytokine, Entzündungsbotenstoffe zu messen, die an Immunreaktion und Wundheilung beteiligt sind. 

Mit diesem Vorgehen sollten sowohl die Heilungsverläufe der Haut wie auch tieferliegende neuroendokrine und immunologische Prozesse im Körper erfasst werden.

Der Gewinner: Oxytocin-Spray und positive Nähe heilen gemeinsam 

Es zeigte sich, dass die Wunden bei jenen Paaren am schnellsten verheilten, die ein Oxytocin-Spray erhielten und besonders wertschätzend und zärtlich miteinander umgingen. Auch die Stresswerte dieser Gruppe fielen am günstigsten von allen vier Konstellationen aus. Die Gabe von Oxytocin allein beziehungsweise die alleinige positive Verhaltensintervention beeinflussten die Wundheilung nicht.

Auf immunologischer Ebene fanden sich zudem Hinweise, dass Oxytocin und positive Interaktion gemeinsam bestimmte Entzündungsbotenstoffe im Wundgebiet beeinflussten, was ein erklärender Mechanismus für die günstigere Heilung der kleinen Verletzungen sein könnte.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Zuneigung im Alltag messbare Auswirkungen auf den Körper hat. In Kombination mit Oxytocin beschleunigt es sogar die Heilung kleiner Wunden. Dies zeigt, wie eng Verhalten und das Hormonsystem zusammenwirken", erklärt eine der beteiligten studienleitenden Wissenschaftlerinnen, Professor Beate Ditzen. 

Das Forschungsteam überinterpretiert die Ergebnisse mit der jungen und gesunden Probandengruppe allerdings nicht. Exogen verabreichtes Oxytocin sei nicht als "ein Wundermittel", so die Forschenden, zu betrachten. Es sei aber offenbar in der Lage, die positiven Effekte von Nähe und guten Beziehungserfahrungen auf den Körper zu übertragen und zu intensivieren. Das Team schlägt vor, die Ergebnisse in größeren klinischen Populationen zu erhärten.  

Berührung kann wichtiger als Nahrung sein 

Wie essenziell liebevolle Berührung, Hautnähe und ganz allgemein Zuwendung für Gesundheit und Entwicklung sind, ist in der Psychologie lange bekannt seit bahnbrechenden Studien mit Waisenkindern in Rumänien. Entbehrten diese körperliche Berührung und Ansprache, verkümmerten sie nicht nur von der psychischen Reifung, sondern auch das Wachstum des Körpers stockte. 

Auch Versuche mit Attrappen von Affenmüttern illustrieren die Bedeutung von Wärme und Kuschelzeiten, um den Körper über die Versorgung mit reinen Nährstoffen hinaus gesund zu halten, ja sogar um das Überleben der Affenkinder zu sichern. Die jungen Affen bevorzugten eine Mutter aus weichem Stoff, bei der sie sich ankuscheln konnten, gegenüber einer Attrappe aus Draht, auch wenn es lediglich bei dieser Futter, eine Milchflasche, gab. Der Hunger nach emotionaler Nahrung und körperlich spürbarer Bindung war stärker als der Hunger des Magens. Dass regelmäßige Berührung für die körperliche und psychische Entwicklung eines Kindes unverzichtbar sind, gilt seitdem unter Forschenden als sicher.  

Die durch Zuwendung, Berührungen und menschliche Gesten freigesetzte Kraft von Oxytocin vermag also tief unter die Haut zu gehen und in biochemische Prozesse einzugreifen und vermutlich auch Heilung zu beeinflussen. Äußere und innere Wunden könnten durch mehr Streicheleinheiten, Signale der Nähe und emotionale Zufuhr zukünftig besser kurieren. Den Liebespartner mit wertschätzenden Mikrogesten zu stärken, lohnt also in jedem Fall.