Manche Leute achten auf ihre Mitmenschen, andere sind eher gleichgültig: Wissenschaftlern ist es nun gelungen, bei Menschen durch Stimulation bestimmter Hirnareale gezielt selbstloses - altruistisches - Verhalten anzuregen, ein wenig zumindest. "Dies etabliert eine neuronale Grundlage für Altruismus und identifiziert ein neuronales Ziel für Interventionen, um prosoziales Verhalten zu verbessern", schreibt das Forschertrio aus China und der Schweiz im Fachjournal "PLOS Biology". Sollten sich die Resultate bestätigen, ließen sich die Erkenntnisse möglicherweise eines Tages zur Behandlung von Störungen wie Autismus, Gefühlsblindheit und Psychopathie nutzen, heißt es weiter.
"Das ist die erste Studie, die kausal untersucht hat, wie das Zusammenspiel zweier Hirnareale zu altruistischem Verhalten beiträgt", sagte Alexander Soutschek von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Das Resultat sei plausibel. "Es ist gut, dass das gezeigt worden ist." Bis zu einer Anwendung sei es aber noch ein weiter Weg, so der Psychologe, der selbst nicht an der Studie beteiligt war.
"Altruismus ist die Grundlage für Zusammenarbeit und Solidarität in menschlichen Gesellschaften", schreiben Jie Hu von der East China Normal University in Shanghai sowie Marius Moisa und Christian Ruff von der Universität Zürich. Fehlender Altruismus sei ein Kennzeichen psychiatrischer und neurologischer Störungen und trage zu vielen gesellschaftlichen Problemen bei.
Hu und Ruff hatten in einer früheren Studie gezeigt, dass Altruismus mit einer verstärkten Synchronisierung der Aktivität zweier Hirnareale einhergeht - des Frontallappens (Stirnlappen) und des dahinterliegende Parietallappens (Scheitellappen). In der aktuellen Studie prüfte das Team, ob die Stimulation dieser beiden Regionen im Gleichtakt selbstloses Verhalten gegenüber Mitmenschen steigern kann.
Dies untersuchten sie an 44 Versuchspersonen anhand des sogenannten Diktator-Spiels. Dabei entscheiden die Teilnehmenden in mehreren Durchgängen, wie sie einen Geldbetrag zwischen sich und einem anonymen Mitspieler aufteilen. Dies hat am Ende Einfluss auf ihre tatsächliche Entlohnung. "Es ging um echtes Geld", sagte Ruff. Verteilt wurde demnach ein Betrag von etwa 60 Schweizer Franken (rund 65 Euro).
Bei einem Teil der Durchgänge wurden der Frontal- und der Parietallappen über zwei am Schädel angebrachte Elektroden in verschiedenen Frequenzbereichen elektrisch stimuliert, um die Aktivität zu synchronisieren. Wurden die Teilnehmer im Gamma-Bereich (bei 72 Hertz) stimuliert, waren sie ihren Mitspielern gegenüber etwas großzügiger als im Alpha-Bereich (bei 12 Hertz) oder ohne Stimulation. "Der Effekt war klein, aber deutlich", erklärte Ruff.
Altruistisches Verhalten basiere vermutlich auf der synchronen Aktivität von Frontal- und Parietallappen, folgert das Autorentrio. Der Gamma-Bereich sei generell maßgeblich für einen effizienten Informationstransfer über entferntere Regionen, erläutert Ruff - also in diesem Fall zwischen den beiden Hirnarealen.
"Unsere Ergebnisse leiten das Augenmerk darauf, dass es einen solchen Mechanismus gibt", sagte Ruff. Die optimale Frequenz und Methode für die Stimulation müsse man noch ermitteln. "Ich glaube, dass da noch mehr drin ist." Letztlich gehe es zunächst aber darum, die genauen Zusammenhänge zu verstehen. "Wir haben nun einen Anhaltspunkt, und jetzt können wir dem auf den Grund gehen."
"Das ist eine gut durchdachte und durchgeführte Studie", sagte der Psychologe Tobias Kalenscher von der Universität Düsseldorf. Sie zeige kausal, dass das Zusammenspiel der beiden Hirnareale Menschen altruistischer machen könne - auch wenn der Effekt noch relativ klein sei. Auch der Münchner Psychologe Soutschek lobt die Studie. "Beide Areale tragen zu Prosozialität bei, und sie wechselwirken miteinander."
Sollte tatsächlich das Zusammenspiel der beiden Hirnareale hinter dem Mechanismus stecken: Wie könnte man die Erkenntnis nutzen? Auch Soutschek hält Autismus, Gefühlsblindheit und Psychopathien für ein mögliches Einsatzgebiet. Aber: "Es handelt sich hier noch um Grundlagenforschung", sagt er. "Bis zu einer möglichen Anwendung ist es noch ein weiter Weg."
Der altruistische Effekt, erklärte Co-Autor Ruff, halte bei einmaliger Stimulation nur kurz an. "Aber wenn man das wiederholt macht, kann man im Prinzip möglicherweise länger anhaltende Effekte haben", betonte er - und zog eine Parallele zu Physiotherapie oder Fitnesstraining: Auch dort führten erst Wiederholungen zu einem längerfristigen Erfolg.
Das glaubt auch der Münchner Psychologe Soutschek: Sollte sich der Effekt bestätigen, könnte man die Wirkung in einer klinischen Studie testen, in der Teilnehmer etwa vier Wochen lang täglich stimuliert würden.
Der Düsseldorfer Psychologe Kalenscher verweist darauf, dass man andere Formen von Hirnstimulation therapeutisch gegen Depressionen einsetzt. Es sei durchaus denkbar, dass die nun verwendete Stimulation mittelfristig dazu beitrage, soziales Verhalten anzuregen und Empathie auszulösen.
Kandidaten dafür fallen wahrscheinlich jedem sofort ein.