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Nahrung aus dem Meer Wie Aquafarmen weltweit für mehr Ernährungsgerechtigkeit sorgen können

Fischerhafen von Tombo, Sierra Leone
Fischerhafen von Tombo, Sierra Leone: Die Ernährungssicherung der Küstenbewohner und die Existenz von Küstenfischern ist wegen der Überfischung durch die großen Trawler-Flotten bedroht
© IMAGO / Joerg Boethling
Die massenhafte Aufzucht von Tieren ist eine der wichtigsten Stützen menschlicher Ernährung. Auch für Wassergetier gewinnt sie an Bedeutung. Aquakulturen haben noch immenses Potenzial, sagen Forschende – was die Produktionsmenge, aber auch ihre Nachhaltigkeit angeht

Fisch und andere Nahrungsmittel aus Süß- und Salzwasser könnten Forschenden zufolge dazu beitragen, mehr Menschen günstig mit wichtigen Mikronährstoffen zu versorgen. Etwa 166 Millionen Fälle von Mikronährstoffmangel könnten demnach bis zum Jahr 2030 vermieden werden, wenn die weltweite Produktion von Meeres- und Süßwassernahrungsmitteln - "blaue Lebensmittel" genannt – um 15,5 Millionen Tonnen (8 Prozent) erhöht würde.

Zudem biete das eine Alternative zu rotem und verarbeitetem Fleisch, das häufig mit bestimmten Krankheiten in Verbindung gebracht werde, erläutern die Wissenschaftler um Christopher Golden von der Harvard Chan School of Public Health in Boston im Fachmagazin "Nature". Die Studie ist eine von fünf für die Initiative Blue Food Assessment (BFA) erstellten, die in "Nature", "Nature Food" and "Nature Communications" vorgestellt werden.

Die BFA ist eine internationale Initiative von mehr als 100 Forschenden aus mehr als 25 Institutionen unter Leitung des Stockholm Resilience Centre, der Stanford University und der gemeinnützigen Organisation EAT. Ziel ist es, Entscheidungsträgern Informationen und mögliche Lösungen für ein gesundes, gerechtes und nachhaltiges globales Ernährungssystem zu bieten.

Mehr als 2500 Meerestierarten ernähren eine Milliarde Menschen

Mehr als 2500 Arten oder Artengruppen von Fischen, Schalentieren, Wasserpflanzen und Algen werden der BFA zufolge weltweit gefangen oder kultiviert. Sie sichern demnach Lebensunterhalt und Einkommen von mehr als 100 Millionen Menschen und ernähren eine Milliarde.

Luftaufnahme einer Störfarm in Russland
Luftaufnahme einer Störfarm im Dorf Yermakovo auf der russischen Krim. Die Farm verfügt über 20 Wasserbehälter, mit Kapazitäten von jeweils bis zu 10 Tonnen Fisch
© IMAGO / ITAR-TASS



Als Mikronährstoffe werden lebenswichtige Stoffe bezeichnet, die der Mensch mit der Nahrung aufnehmen muss und die keine Energie liefern. Hauptsächlich sind das Vitamine und Mineralstoffe. Sie haben im Körper viele sehr wichtige Funktionen, etwa bei der Zellteilung und der Funktion des Nervensystems. Der Großteil der Mikronährstoffe kann vom Körper nicht gespeichert werden.

Von den Kindern unter fünf Jahren weltweit sind derzeit rund 149 Millionen (22 Prozent) von Unterernährung betroffen, wie das Team um Christopher Golden erklärt. Vitamin-A-Mangel sei bei Kindern in Afrika und Südasien weit verbreitet, auch Zinkmangel sei in etlichen Ländern ein großes Problem. Der Mangel an wichtigen Mikronährstoffen wie Eisen, Zink, Kalzium, Jod, Folsäure und den Vitaminen A, B12 und D führe zu etwa einer Million vorzeitigen Todesfällen jährlich. Nach Schätzungen nehme fast ein Drittel der Weltbevölkerung mindestens einen Mikronnährstoff nicht in ausreichender Menge auf.

Die Wissenschaftler werteten nun Daten der Aquatic Foods Composition Database (AFCD) aus, in der für mehr als 3750 aquatische
Nahrungsmittel-Arten wie Fische, Krustentiere und Algen der Gehalt für jeweils hunderte Nährstoffe vermerkt ist. Einige sind demnach im Durchschnitt der bewerteten Nährstoffe (Omega-3, Vitamin A und B12, Kalzium, Jod, Eisen und Zink) nahrhafter als Rind, Lamm, Ziege, Huhn und Schwein. Wertvoll sind demnach etwa Thunfisch und Hering, bestimmte Schalentiere sowie Salmoniden-Arten wie Lachs und Forelle.

Durch Steigerung der nachhaltigen Produktion könnte Fisch für arme Bevölkerungsschichten erschwinglicher werden

Obwohl sie schon jetzt zur gesunden Ernährung von Milliarden Menschen beitragen, werden "blaue Lebensmittel" noch unterschätzt und auf ihren Protein- und Energiewert reduziert, wie die Forschenden schreiben. Eine Steigerung der nachhaltigen Produktion aquatischer Nahrung um 8 Prozent über Aquakulturen und ein verbessertes Fischereimanagement könne zu einem Preisrückgang um gut ein Viertel führen, ist Goldens Team überzeugt.

Fisch und Meeresfrüchte würden so für einkommensschwache Bevölkerungsschichten weltweit erschwinglicher. Zudem böten sie ärmeren Ländern die Chance, ihre Ernährung zu verbessern, ohne die Gesundheitsrisiken der fleischintensiven Ernährung wohlhabenderer Länder zu übernehmen.

Profitieren würden der Analyse zufolge Frauen im Mittel stärker als Männer - regional gebe es dabei aber große Unterschiede je nach Nährstoff. So würden ältere Menschen in Ländern wie Tunesien, Algerien und Iran von der stärkeren Aufnahme bestimmter Fettsäuren profitieren, Kinder in vielen Ländern von einer verbesserten Kalzium-Zufuhr.

"Wir leben in einer zutiefst mangelernährten Welt, in der Milliarden Menschen unter Mikronährstoffmangel und ernährungsbedingten chronischen Krankheiten leiden", sagte Golden. "Die Suche nach Möglichkeiten, die Produktion blauer Lebensmittel nachhaltig zu steigern, bietet die Chance, den Zugang zu einer sicheren, nahrhaften und gesunden Ernährung für die Schwächsten der Welt zu verbessern."

Aquatische Lebensmittel seien ein möglicher Weg hin zu mehr Ernährungsgerechtigkeit, ist auch Mitautor Zachary Koehn von der Stanford University überzeugt. Entscheidungsträger in ärmeren Ländern sollten sich dessen bewusst sein und nachhaltig produzierte aquatische Nahrungsmittel verstärkt im Kampf gegen Ernährungsunsicherheit und Unterernährung nutzen.

Die Forschenden um Golden geben dabei auch zu bedenken, dass aquatische Nahrungsmittel zwar oft eine günstigere Treibhausgas-Bilanz haben als Fleisch von Rind und Schwein, ein Blick auf die ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen aber immer wichtig sei. Unter anderem der Unterschied zwischen Wildfang und Aquakultur könne groß sein.

Aquatische Lebensmittel könnten großes Potenzial für eine nachhaltige Ernährung bieten

Gezielt mit der Nachhaltigkeit "blauer Lebensmittel" beschäftigt sich die Studie eines Teams um Jessica Gephart von der American University in Washington. Basis bildeten Studien zu Fischereidaten sowie Angaben aus mehr als 1600 Zuchtfarmen. Die 23 berücksichtigten Artengruppen decken mehr als 70 Prozent der globalen Produktion blauer Lebensmittel ab, wie die Forschenden schreiben.

Aquatische Lebensmittel böten großes Potenzial für eine nachhaltige Ernährung, so das in "Nature" vorgestellte Ergebnis. Bisher gelte vor allem für viele Algen, Muscheln und bestimmte Karpfenarten, dass ihre Nutzung die Umwelt nur begrenzt belastet. Bei vielen anderen Arten gebe es - gerade im Bereich der Aquakultur - dafür aber noch erhebliches ungenutztes Potenzial.

Fischfarm im Hafen Port d Andratx bei Mallorca
Fischfarm im Hafen Port d Andratx bei Mallorca
© IMAGO / Hans Blossey

Die Nutzung von Algen und Zuchtmuscheln wie Austern setzt demnach derzeit vergleichsweise geringe Mengen Treibhausgase frei, beim Fang von Plattfischen und Hummern ist der verursachte Ausstoß hingegen recht hoch. Berücksichtigt wird von den Forschern zudem, wie viel Nährstoffe - etwa Stickstoff und Phosphor – in das Meer – oder Süßwasser gelangen, unter anderem bei der Fütterung. Aquakulturen schneiden hier schlechter ab als der Wildfang.

Ziel müsse es immer sein, nicht nur nahrhaft, sondern auch nachhaltig zu essen, betont Gephart. Die künftige Produktion aquatischer Nahrungsmittel müsse stärker auf geringere Emissionen und einen geringeren Ressourcenverbrauch ausgerichtet sein. Zu den möglichen Maßnahmen zählen demnach optimierte Fangmethoden beim Wildfang und eine bessere Futterverwertung in den Kulturen. "Die meisten Aquakultursysteme haben noch nicht das Effizienzniveau terrestrischer Produktionssysteme erreicht, so dass es noch erhebliche Möglichkeiten zur Optimierung und für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit gibt", sagte Mitautor Patrik Henriksson vom Stockholm Resilience Centre.

In einer weiteren Studie betrachten Wissenschaftler mögliche Einflüsse des Klimawandels auf aquatische Nahrungsmittelsysteme. Von solchen Lebensmitteln abhängige Gesellschaften liefen Gefahr, wichtige Grundlagen bei Wirtschaft, Kultur, Gesundheit und Ernährung zu verlieren, warnen sie im Fachmagazin "Nature Food". Besonders betreffe das die Fangfischerei in Regionen wie dem tropischen Afrika,
Zentralamerika und dem Indopazifik.

Aquakulturen in küstennahen Gewässern seien geringeren klimaspezifischen Gefahren ausgesetzt - Süßwasseraquakulturen hingegen hohen Risiken, erläutert das Team um Michelle Tigchelaar von der Stanford University. Die pelagische Fischerei – im uferfernen Freiwasserbereich - könne durch Verschiebungen im Verbreitungsgebiet von Arten beeinflusst werden. Korallenriff-Fischerei und Muschelproduktion bekämen durch die Versauerung der Ozeane im Zuge des Klimawandels Probleme. Ein Faktor bei Aquakulturen seien mögliche Verluste bei den an Land produzierten Futtermitteln.

"Sowohl die Eindämmung der CO2-Emissionen als auch die Anpassung an unvermeidbare Auswirkungen sind dringend notwendig", betont Mitautor William Cheung von der University of British Columbia. Vielfach fehlten gerade für die stärker betroffenen, oft ärmeren Länder aber noch Daten für gesicherte Einschätzungen, geben die Forschenden zu bedenken. Das Risiko könne etwa für Bangladesch, Kambodscha und die an den sogenannten Afrikanischen Großen Seen liegenden Länder - die zu den größten Produzenten von Süßwasserfischen weltweit zählen – weitaus höher sein als bisher angenommen. Denn vielfach werde die Inlandsproduktion dort unterschätzt.

Einer in "Nature Communications" vorgestellten Übersichtsstudie zufolge könnte sich die Nachfrage nach aquatischen Nahrungsmitteln bis 2050 gegenüber dem Stand von 2015 fast verdoppeln. Verbesserungen bei der Aquakultur, niedrigere Preise und veränderte kulturelle Präferenzen werden die Nachfrage nach Fisch, Meeresfrüchten und Algen in die Höhe treiben, schließt das Team um Rosamond Naylor von der Stanford University aus seinen Untersuchungen.

Fischerboote auf einer Aquafarm in der Provinz Liaoning
Fischer fangen vom Boot aus Fische in einer Aquafarm in der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas. In der Aquafarm werden Jakobsmuscheln und Fische gezüchtet.
© IMAGO / Xinhua

China wird demnach voraussichtlich weiter den weltweit größten Verbrauch haben, der Großteil des Nachfragewachstum wird auf asiatische Länder zurückgehen. Stark steigen könnte der Prognose zufolge zudem der Verbrauch in Afrika. Voraussetzung für den Anstieg sei allerdings, dass die Produktion mit dem Bedarf Schritt halten kann und die Preise nicht deutlich steigen.

Die Nachhaltigkeit "blauer Lebensmittel" werde bei diesem Anstieg entscheidend davon abhängen, welche Arten von Fisch verzehrt und wo und wie sie produziert werden, heißt es in der Analyse auch. Der künftige Anstieg der Nachfrage werde wahrscheinlich fast ausschließlich durch Aquakultur gedeckt werden, vor allem die in Asien angesiedelte.

Wissenschaftler um Rebecca Short von der Stockholm University betonen in ihrer Studie die Rolle kleiner Akteure in dem Bereich, die von politischen Entscheidungsträgern bisher zumeist übersehen werde. Die in "Nature Food" vorgestellte Analyse stützt sich auf 70 Fallstudien zu Kleinproduzenten, Händlern und Verarbeitern aquatischer Nahrungsmittel. In der Corona-Pandemie hätten solche kleinen Akteure eine Schlüsselrolle für die lokale Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt von Familien gespielt. In Ländern wie Kenia zum Beispiel füllten sie demnach rasch die Lücke, die von den großen, international agierenden Erzeugern hinterlassen wurde.

"Lokale Akteure sind am besten in der Lage, die Menschen dabei zu unterstützen, nahrhafte Lebensmittel zu essen, die sie wollen, in kulturell akzeptierter Weise", sagte Short. Subventionen flössen jedoch meist nur an größere Akteure, zudem würden die kleinen Anbieter kaum bei der Bewältigung der sich rasch verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels unterstützt.

Annett Stein, dpa

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