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Massentierhaltung Tierschützer entsetzt: Spanisches Unternehmen will Kraken in Aquakulturen züchten

Gewöhnliche Kraken (Octopus vulgaris) sind intelligent, sensibel – und gelten vielerorts als Delikatesse
Gewöhnliche Kraken (Octopus vulgaris) sind intelligent, sensibel – und gelten vielerorts als Delikatesse
© xLuboIvankox / Imago
Ab 2023 könnten auf der Kanareninsel Gran Canaria jährlich 3000 Tonnen Krakenfleisch produziert werden. Wissenschaft und Tierschutz protestieren. Denn Kraken sind hoch intelligent und empfindsam

Kraken sind erstaunliche Wesen. Sie muten mit ihren acht Armen und ihrem sackartigen Körper fremdartig an – und sind uns Menschen doch ähnlicher als die meisten Wirbeltiere: Sie haben ein hervorragendes Gedächtnis, sie planen, täuschen, spielen. Sie schaffen es, kindersichere Drehverschlüsse zu öffnen. Sie besitzen sogar individuelle Persönlichkeiten, sind schüchtern, neugierig oder draufgängerisch. Sie haben Vorlieben oder Abneigungen gegen Artgenossen ebenso wie Menschen.

Und noch etwas macht Kraken besonders: Sie sind in Gefangenschaft schwer zu vermehren. Doch genau das ist einem spanischen Unternehmen gelungen.

Nach Angaben der Nueva Pescanova Group konnten in einer eigenen Aquakultur erstmals Oktopusse über mehrere Generationen hinweg gezüchtet werden. Im Sommer 2022 sollen die ersten Tiere auf den Markt kommen. Ab dem Jahr 2023 sollen auf der zu Spanien gehörenden Kanareninsel Gran Canaria jährlich 3000 Tonnen Krakenfleisch produziert werden, zum Beispiel für beliebte Gerichte wie "Pulpo a la Gallega". Rund 50 Millionen Euro investiert das Unternehmen in das Projekt. Die anvisierten Hauptabnehmerländer sind Spanien, Italien, Griechenland und Japan.

Entlastet Aquakultur die Meeres-Ökosysteme?

Jährlich werden Schätzungen zufolge weltweit rund 350.000 Tonnen Kraken gefangen und verarbeitet – etwa zehnmal so viel wie noch im Jahr 1950. Die Nueva Pescanova Group argumentiert, dass sich die Zahl der Wildfänge mit der Produktion in Aquakulturen um rund zehn Prozent verringern lasse. Ob der Druck auf wild lebende Populationen durch die Massentierhaltung tatsächlich nachlässt – das allerdings ist alles andere als ausgemacht.

Biologinnen und Tierschützer warnen – ganz im Gegenteil –, dass Aquakulturen den Druck auf die marinen Ökosysteme noch verschärfen. Denn viele Speisefische sind – wie Kraken – Fleischfresser. Schon heute werden etwa ein Drittel der weltweiten Fangmengen an Tiere verfüttert, etwa die Hälfte davon in Aquakulturen.

Sicher ist Kritikern zufolge auch, dass Kraken in Aquakulturen nicht annähernd artgerecht gehalten werden können. Anders als Fische, wären sich die intelligenten Oktopusse in ihren Wassertanks über ihre ausweglose Lage im Klaren. Und sie sind Einzelgänger. Dass im Massenbetrieb der Aquakultur auf dieses elementare Bedürfnis der Tiere Rücksicht genommen wird, erscheint unwahrscheinlich. Zumal es für deren Haltung kaum gesetzliche Vorschriften gibt: Die meisten nationalen und EU-Haltungsvorgaben beziehen sich auf Wirbeltiere.

Haltungsbedingungen und Tötungsmethode: unbekannt

Zu befürchten ist auch, dass bei der Schlachtung am Fließband Schnelligkeit vor Stress- und Schmerzvermeidung geht. Auf Nachfrage der britischen BBC wollte sich das Unternehmen ebenso wenig zur Haltung der Kraken wie zur Herkunft des Futters oder zur Tötungsmethode äußern.

Schon 2019 hatten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen erklärt, Kraken in Gefangenschaft zu Ernährungszwecken zu züchten, sei eine "schlechte Idee". Und zwar nicht nur im Hinblick auf die Umwelt, sondern auch unter moralischen Gesichtspunkten. Nach Ansicht der Autor*innen ist eine Haltung von Oktopussen in Aquakulturen mit hohen Tierschutzstandards "unmöglich".

Einen besseren gesetzlichen Schutz als in Spanien genießen die schlauen Kopffüßer schon heute im Vereinigten Königreich. Dort hatten Experten mehr als 300 wissenschaftliche Studien gesichtet – und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Oktopusse "fühlende Wesen" seien. Es gebe "starke wissenschaftliche Beweise", dass die Tiere Freude, aber auch Schmerz, Stress und Verzweiflung empfinden können. Die wissenschaftliche Bewertung führte zur Aufnahme der Tiere in die Animal Welfare Bill.


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