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Sagenumwoben und verschwunden Das Bernsteinzimmer: Die Geschichte eines verschollenen Kulturschatzes

Das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg
Eine Rekonstruktion des Bernsteinzimmers befindet sich heute im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg
© IMAGO / photothek
Achtes Weltwunder, Prunkraum, Beutekunst – das legendäre Bernsteinzimmer hat im Laufe der Jahrhunderte viele Namen bekommen. Tatsache ist, dass das Kunstwerk aus Bernsteinelementen, Gold und Spiegeln bis heute verschwunden ist

Zum letzten Mal haben Augenzeugen das Bernsteinzimmer im Zweiten Weltkrieg gesehen – und seitdem wachsen die Legenden um seinen Verbleib. Ob das Bernsteinzimmer in seiner ursprünglichen Form noch irgendwo existiert, ist umstritten, aber dass es überhaupt existiert, ist schon erstaunlich genug.

Immerhin hat Friedrich I. König von Preußen, das Prachtwerk im Jahr 1701 in Auftrag gegeben und der Monarch wurde schon zu Lebzeiten wegen seines verschwenderischen Hofstaates kritisiert. Auf der anderen Seite sorgte er durch den Ausbau von Berlin zu einer barocken Residenzstadt für Anerkennung und Aufsehen. Da fiel das Bernsteinzimmer auch nicht mehr ins Gewicht.

Bernsteinzimmer wechselt im 18. Jahrhundert nach Russland

Bis 1712 wurden die Wandverkleidungen aus dem „Gold der Ostsee“ von verschiedenen begabten Bernsteinmeistern kunstvoll geschnitzt und verziert. Dass das Bernsteinzimmer letzten Endes nicht einmal wie ursprünglich vorgesehen ins Berliner Schloss Charlottenburg eingebaut wurde, wirkt wie der Startschuss für die nachfolgende Reise des Bernsteinzimmers durch die Jahrhunderte, Länder und Weltkriege.

Besonders bezeichnend beim letzten Stichwort: das Bernsteinzimmer wechselt seinen Besitzer zum allerersten Mal im Tausch gegen etwas: Soldaten. „Lange Kerls“ sind Friedrich Wilhelm I. als Nachfolger von Friedrich I. wichtiger als Kunst. Er bekommt vom Zaren Peter I. rund 250 großgewachsene russische Männer für seine Garde und das Bernsteinzimmer macht sich 1716 auf den Weg nach Russland.

Aber auch hier scheint es so, als wolle sich der Bernstein vor der Öffentlichkeit verstecken: Die kunstvoll verzierten Wandelemente des Bernsteinzimmers werden nicht eingebaut, sondern eingelagert.

Zarin Elisabeth lässt Bernsteinzimmer in Sankt Petersburg aufbauen

Bernsteinzimmer
Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gilt das Bernsteinzimmer als verschollen
© IMAGO / SKATA

Erst 1741 – also 25 Jahre später – beschließt Zarin Elisabeth, die Tochter von Peter I. und Katharina I., das Bernsteinzimmer in Sankt Petersburg endlich zusammenfügen zu lassen – und ist von seiner Pracht fasziniert. Nachdem der golden leuchtende Prunkraum zuerst im dortigen Winterpalast eingebaut wird, folgt alsbald der Umzug in die Residenz nach Zarskoje Zelo bei Sankt Petersburg. Dort im Katharinenpalast ist mehr Platz und den braucht Zarin Elisabeth auch.

Das Bernsteinzimmer soll noch größer und prächtiger werden. Um den neuen 100 Quadratmeter großen Saal zu füllen, lässt die Zarin verschiedene Gold- und Spiegelelemente von italienischen Architekten einbauen. Sogar Preußenkönig Friedrich der Große weiß diesen Einsatz zu würdigen und schenkt der Zarin weitere Bernsteinelemente, die noch in Berlin lagern.

Bernsteinstimmer als Herzstück im Katharinenpalast

Die österreichische Kaiserin Maria Theresia schickt vier kostbare florentinische Steinmosaiken. Der prachtvolle kleine Saal mit den einzigartigen Wänden wird zum Herzstück des Palastes. Ein Ort, der offensichtlich auch dem glänzenden Anspruch des Bernsteinzimmers gerecht wird.

Immerhin hält sich der einzigartige Raum ganze zwei Jahrhunderte in der Zaren-Residenz – bevor er erneut von der öffentlichen Bühne verschwindet. Im September 1941 besetzen Soldaten der deutschen Wehrmacht den Palast. 225 Jahre nach dem Umzug nach Russland macht sich das Bernsteinzimmer wieder auf den Weg zurück nach Deutschland – und das in Rekordzeit. Innerhalb von nur 36 Stunden werden alle Wandtafeln von deutschen Soldaten demontiert, in 28 Kisten verpackt und abtransportiert. Das Ziel: Königsberg in Ostpreußen.

Das Königsberger Schloss ist die neue Heimat für das altehrwürdige Bernsteinzimmer. Es wird Teil der Prussia-Sammlung zur Geschichte Ostpreußens mit insgesamt rund 240.000 Exponaten. Aber zur Ruhe kommen soll der Prunkraum auch hier nicht.Die Bomber der Alliierten haben eine immer größere Reichweite. Im März 1944 wird das wertvolle Bernsteinzimmer zur Sicherheit erneut in 28 Kisten eingelagert.

Bereits im August folgt ein großangelegter Luftangriff auf Königsberg. Die Stadt brennt. Große Teile der einst prunkvollen preußischen Königsstadt werden in Schutt und Asche gelegt. Was ist mit dem Bernsteinzimmer? Wer auch immer das heutzutage mit Sicherheit sagen könnte, würde mit Sicherheit einen Kulturpreis erhalten.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Bernsteinzimmer verschwunden

Das Bernsteinzimmer ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen. Es gibt zig verschiedenen Theorien, Vermutungen und  Behauptungen zu seinem Verbleib – von versteckt bis verbrannt. Doch manche der Hinweise könnten tatsächlich eine Tür zu dem legendären goldfarbenen Zimmer öffnen.

Hier einige der Fakten zum Verbleib des Bernsteinzimmers:

  • Das Bernsteinzimmer wird zum letzten Mal in Königsberg gesehen.
  • Das Königsberger Schloss wird 1968 als Kriegsruine gesprengt.
  • 2020 wird das Wrack des Frachters „Karlsruhe“ von Tauchern in der Ostsee entdeckt. Die Männer entdecken in 88 Meter Tiefe Militärfahrzeuge und Kisten mit unbekanntem Inhalt. Das Taucherteam vermutet, dass es sich dabei um das Bernsteinzimmer handeln könnte.
  • Einige Forscher glauben, dass das Bernsteinzimmer immer noch in Königsberg ist.
  • Andere Forscherinnen meinen, dass das Bernsteinzimmer 1945 mit der „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee untergegangen ist.
  • Britische Forschernde glauben, dass das Bernsteinzimmer 1945 durch einen von russischen Soldaten gelegten Brand im Königsberger Schloss in Flammen aufgegangen ist.

Feststeht, dass es auch heute noch zwei existierende Teile des Bernsteinzimmers gibt: ein Steinmosaik und eine Kommode. Beide Stücke sollen 1941 noch vor der Ankunft in Königsberg aus dem Gesamtensemble gestohlen worden sein. Das Mosaik wurde 1997 in Norddeutschland für 2,5 Millionen US-Dollar zum Kauf angeboten. Bevor es zum Verkauf kam, griff die Polizei ein. Im Fall der Kommode meldete sich die Besitzerin kurz darauf bei den Behörden. Beide Stücke wurden von der Bundesregierung an Russland zurückgegeben.

Heute steht eine Rekonstruktion in Sankt Petersburg

Trotz allen Rätseln rund um das verschwundene Bernsteinzimmer kann der legendäre Raum heutzutage besichtigt werden. Das goldfarbene Prunkzimmer wurde rekonstruiert. Als Vorlage dafür dienten Fotografien. So ist das ruhelose Bernsteinzimmer letzten Endes nach Russland in den Katharinenpalast zurückgekehrt – aber hat sich selbst in der Kopie gegen den Platz in der Öffentlichkeit gesträubt.

1976 wurde mit der Rekonstruktion begonnen. Erst im Mai 2003 – also fast 30 Jahre später - wurde der Nachbau des Bernsteinzimmers vom damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin offiziell eingeweiht: zum 300-jährigen Stadtjubiläum von Sankt Petersburg.

Der Weg des Bernsteinzimmers bis dahin:

  • 1701 bis 1712 – das barocke Raumkunstwerk wird erschaffen, aber nicht eingebaut
  • 1716 – Tausch mit Russland gegen großgewachsene Soldaten
  • 1716 bis 1741 – Einlagerung in Russland
  • 1741 – Einbau im Winterpalast in Sankt Petersburg durch Zarin Elisabeth
  • 1755 – Einbau im Katharinenpalast in Zarskoje Selo durch Zarin Elisabeth
  • 1763 – Sanierung und Ausbau mit 450 Kilogramm Bernstein durch Katharina die Große
  • 1941 – Ausbau des Bernsteinzimmers durch die Deutsche Wehrmacht und Einbau im Königsberger Schloss
  • 1944 – Erneuter Abbau des Bernsteinzimmers im Königsberger Schloss als Schutzmaßnahme vor alliierten Bombenangriffen und Auslagerung
  • 1945 – Ende des Zweiten Weltkrieges: das Bernsteinzimmer ist verschollen

Das "Achte Weltwunder" bleibt verschollen

Wo auch immer sich das Bernsteinzimmer heute befindet – falls es noch existiert: Die Sehnsucht und der Wunsch, den legendären Prunkraum wiederzufinden, mag zu einem gewissen Maß dem heutigen Schätzwert der Wandtafeln entspringen – immerhin rund 100 Millionen Euro.

Aber wesentlich stärker wiegt ein ganz anderer Punkt: Das Bernsteinzimmer ist ein unbezahlbarer Schatz deutscher und europäischer Kultur.

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