Weidewirtschaft betrifft grob ein Viertel der Landfläche der Erde. Gerade in ländlichen Regionen ist die Haltung von Rindern, Ziegen und Schafen eine wichtige Quelle für Unterhalt und Ernährung der Menschen - weltweit lebt davon fast eine Milliarde Menschen.
Doch vielerorts gilt Weidewirtschaft als Problem: Zum einen werden gerade in tropischen Regionen Regenwälder für Weideland gerodet - etwa im Amazonasbecken. Zudem gilt Überbeweidung gerade in trockenen Regionen als Ursache für Bodenerosion und die Ausbreitung von Wüsten.
Nun widerspricht ein Forscherduo dem gängigen Eindruck, dass die Weidewirtschaft weltweit zunimmt: Zwar steige die Zahl der Tiere insgesamt, doch in vielen Weltregionen sei sie rückläufig, unter anderem in Europa, Nordamerika und Australien.
"Fast die Hälfte der Viehproduktion entfällt auf Länder, in denen die Weidevieh-Bestände abnehmen", wird Ko-Autor Osvaldo Sala von der Arizona State University in einer Mitteilung seiner Uni zitiert. Auch dieser Rückgang gehe mit ökologischen Risiken einher, mahnt er zusammen mit Co-Autor José Anadón vom Spanischen Nationalen Forschungsrat (CSIC) in Saragossa in den "Proceedings" der US-nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").
Rückgang in sehr vielen Weltregionen
Die wissenschaftliche Literatur bilde das Thema sehr einseitig ab, schreiben sie: In den vergangenen 25 Jahren, so das Forscherduo, hätten sich mehr als 2.400 Publikationen mit den Problemen durch zu viel Weidewirtschaft befasst, aber nur 137 hätten sich auf den gegenläufigen Trend konzentriert. Dass die Entwicklung bei Weidevieh regional sehr unterschiedlich ist, entnehmen die Autoren Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von 1999 bis 2023.
In Regionen, die 1999 etwa 42 Prozent des Weideviehs stellten, sei die Zahl der Tiere seitdem im Mittel um 12 Prozent gesunken - von 478 auf 423 Millionen. Dies betrifft insbesondere Russland und Osteuropa mit einem Rückgang um 37 Prozent. Betroffen sind aber auch das gesamte übrige Europa und Südafrika sowie - in geringerem Ausmaß - Nordamerika, Nordafrika und Ozeanien, wozu Australien und Neuseeland zählen.
Deutlicher Anstieg der Produktion von Schweinen und Geflügel
Allerdings ist der gegenläufige Trend deutlich stärker: In anderen Weltregionen hat die Zahl der Tiere demnach um durchschnittlich 40 Prozent zugenommen - von 629 auf 882 Millionen Einheiten: in Zentralafrika um 145 Prozent, in Mittelasien um 125 Prozent, in Südamerika um 31 Prozent. Anstiege gab es demnach auch in Vorderasien, Mittelamerika sowie - in geringerem Maße - in Süd- und Südostasien.
Weltweit stieg die Zahl der Rinder, Ziegen und Schafe demnach um 20 Prozent, während der Fleischkonsum sogar um 56 Prozent zunahm. Die Autoren erklären diese Diskrepanz mit einem deutlichen Anstieg der Produktion von Schweinen und insbesondere von Geflügel, die inzwischen insgesamt fast drei Viertel (72 Prozent) des Angebots stellten. Beide Tiergruppen werden vor allem in Ställen gehalten und zählen nicht zum Weidevieh.
"Der Abbau von Weidevieh betrifft vor allem jene Regionen, wo Geflügel und Schwein die Hautquelle von Fleisch sind", schreibt das Duo. Zudem habe in wohlhabenden Ländern die Effizienz der Produktion zugelegt - etwa durch Zufütterung von Getreide, bessere Zuchtverfahren und tierärztliche Versorgung. In solchen Ländern sei die Fleischproduktion pro Tier um etwa 72 Prozent höher als in ärmeren Regionen. Ferner zeigt die Analyse, dass Weidewirtschaft vor allem in ärmeren Regionen mit einem deutlichen Bevölkerungswachstum zugenommen hat - wohl um den steigenden Fleischbedarf der Menschen zu decken.
Erhöhtes Risiko für große Flächenbrände
Zwar stelle Überbeweidung in vielen Regionen ein ökologisches Problem dar, schreibt das Team. Das bedeute aber keineswegs, dass der Wegfall von Weidewirtschaft unproblematisch sei. So könne ein dadurch verursachtes überschüssiges Pflanzenwachstum das Risiko für große Flächenbrände erhöhen. Auch sei die Auswirkung fehlender Weidetiere auf die Artenvielfalt nicht zwangsläufig positiv - unter Umständen könne dies geschützte Arten gefährden.
"Wir müssen beide Prozesse handhaben", betonte Sala. "Es ist nicht so, dass ein Abbau von Weidevieh automatisch positiv ist und wir das einfach geschehen lassen sollten."