Forschung Steckt Tierliebe in den Genen?

Eine rothaarige Frau kuschelt mit einer Hauskatze
"Magst du mich auch so sehr wie ich dich?" – Manche Menschen spüren bei Kontakt mit Tieren starke Glücksgefühle
© Larisa Stefanuyk / Getty Images
Manche Menschen sind ganz verrückt nach Hunden, Katzen oder Kaninchen – andere hingegen bleiben gelassen oder reagieren irritiert auf derlei Begeisterungsanflüge. Bleibt die Frage: Wie viel der Tierliebe ist anerzogen, wie viel ist in unseren Genen verwurzelt?

Es gibt Menschen, die an keinem Hund vorbeigehen können, ohne stehen zu bleiben, zu lächeln und kurz das Fell zu streicheln – andere registrieren das Tier hingegen kaum und laufen einfach weiter. Während die einen ihr Zuhause in eine Art Streichelzoo verwandeln und im Garten alles tun, um Vögel anzulocken und Unterschlüpfe für Wildtiere zu schaffen, hinterfragen die anderen schon die Notwendigkeit eines Insektenhotels oder gar eines einzigen Haustiers.

Woher kommt diese Leidenschaft – oder eben Gleichgültigkeit – für Tiere? Wächst die Begeisterung allein aus Kindheitserfahrungen und Erziehung, oder steckt in uns ein innerer Kompass, der schon im Erbgut festlegt, wie sehr uns das Schicksal anderer Lebewesen berührt? Forschende aus Schottland sind dieser Frage nachgegangen.

Tierliebe als Teil unserer DNA?

Am Roslin Institute der Universität Edinburgh untersuchte ein Team um die Neurobiologin und Verhaltensforscherin Dr. Sarah Brown, ob sich Unterschiede in der Tierempathie im menschlichen Erbgut widerspiegeln. Dafür gaben 161 Studierende DNA-Proben ab und füllten detaillierte Fragebögen zu ihren Einstellungen und Gefühlen gegenüber Tieren aus – etwa, wie stark sie mit leidenden Tieren mitfühlen oder ob ihnen Tierschutz ein persönliches Anliegen ist.

Die Forschenden konzentrierten sich dabei auf ein Gen, das für den Rezeptor des Bindungs- und "Kuschel"- Hormons Oxytocin (OXTR) codiert. Oxytocin spielt eine zentrale Rolle bei Vertrauen, sozialer Bindung und Empathie – bei Eltern und Kindern, in Partnerschaften, aber auch in der Beziehung zu Tieren.

Oxytocin-Rezeptor als genetischer Schlüssel

Ihr Ergebnis: Menschen mit einer bestimmten OXTR-Variante erreichten in der Studie besonders hohe Werte auf der Skala für Mitgefühl gegenüber Tieren: Sie reagierten stärker auf Tierleid, machten sich eher Sorgen um das Wohlergehen von Tieren und hatten insgesamt positivere Einstellungen zu ihnen. Das berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der internationalen Fachzeitschrift "Animals".

Frühere Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass bestimmte OXTR-Varianten mit mehr Einfühlungsvermögen, größerem Vertrauen und stärkerer Bindungsfähigkeit gegenüber anderen Menschen korrelieren. Die Ergebnisse des Forschungsteams aus Edinburgh legen nahe: Ein Teil dieser biologischen "Empathie-Signatur" richtet sich offenbar auch auf Tiere.

Wer die entsprechende Genvariante trage, sei statistisch eher bereit, Tierleid wahrzunehmen, sich davon berühren zu lassen – und daraus moralische Konsequenzen zu ziehen, etwa bei Themen wie Massentierhaltung oder Tierschutz, schreiben die Forschenden. Frauen erzielten in der Studie insgesamt höhere Empathiewerte für Tiere als Männer, was zu früheren Befunden passt, wonach weibliche Versuchspersonen meist höhere Oxytocin-assoziierte Empathiewerte zeigen.

Tierliebe ist mehr als Biologie und Genetik

Die Forschenden betonen allerdings, dass man nicht von einem "Tierliebe-Gen" im Sinne eines simplen Schalters sprechen könne. Zum einen erklären einzelne Genvarianten immer nur einen kleinen Teil der Unterschiede zwischen Menschen, und zum anderen greifen viele genetische und hormonelle Faktoren ineinander – etwa weitere Bausteine im Oxytocin- und Dopamin-System.

Hinzu kommt die Umwelt: Wer als Kind engen Kontakt zu Haustieren hatte, wer Tiere als tröstliche Gefährten erlebt oder in einer tierfreundlichen Familie gelebt hat, entwickelt mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Nähe zu ihnen – unabhängig von der OXTR-Variante. Umgekehrt können schlechte Erfahrungen mit Tieren oder kulturelle Prägungen die Tierliebe dämpfen, selbst wenn eine genetische "Empathie-Disposition" vorhanden ist. Die Studie aus Schottland zeigt also eine Tendenz im Bauplan, aber sie definiert nicht, wie ein Mensch zwangsläufig fühlen muss.

Die Studie der Universität Edinburgh reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Arbeiten, die unser Verhältnis zu Tieren als biologisch verwurzelt, aber kulturell geformt verstehen. Evolutionsbiologinnen und -biologen vermuten, dass Mitgefühl gegenüber Tieren schon früh Vorteile brachte: Wer fein auf Gefühle anderer Lebewesen reagiert, erkennt früher drohende Gefahren, versteht tierische Warnsignale – und kann Beziehungen zu nützlichen Partnern wie Hunden oder Nutztieren aufbauen.

Heute überschneiden sich diese archaischen Mechanismen mit modernen Bildern von Tierwohl, Nachhaltigkeit und Ethik. Dass wir Tierbabys mit großen Augen und rundem Kopf so anrührend finden, hängt mit neuronalen Schaltkreisen zusammen, die eigentlich auf menschliche Säuglinge geeicht sind – viele Tierarten profitieren von diesem Kindchen-Schema-Bonus. Wer genetisch dazu neigt, stärker auf soziale Signale anzuspringen, wird hier besonders intensiv angesprochen.

Was bleibt vom Mythos "Tierliebe-Gen"?

Bleibt also die Frage: Steckt Tierliebe in den Genen? Die Daten aus Edinburgh sprechen dafür, dass unser Mitgefühl mit Tieren zumindest teilweise über unsere DNA mitgeliefert wird – als Variation in einem Gen, das unsere Sensibilität für soziale Bindungen mitsteuert. Genauso klar ist aber: Ohne Erfahrungen, kulturelle Einbettung und persönliche Entscheidungen bleibt diese Anlage ein Potenzial, kein Schicksal.

Für die Praxis heißt das: Wer Tiere liebt, darf diese Leidenschaft getrost als ein Zusammenspiel aus Biologie und Biografie sehen – halb Natur, halb Lebensgeschichte. Und wer Tiere (noch) nicht mag, ist damit keineswegs genetisch festgelegt, die speziellen Gene sind nur ein Puzzleteil in einem viel größeren Bild.