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Interview Illegaler Vogelfang in Deutschland: "Jedes Jahr eine mittlere fünfstellige Summe"

Dieser illegal gefangene Stieglitz wurde in Köln beschlagnahmt
Dieser illegal gefangene Stieglitz wurde in Köln beschlagnahmt
© Komitee gegen den Vogelmord e.V.
Nicht nur in den Mittelmeerländern – auch in Deutschland werden jedes Jahr Tausende Singvögel illegal gefangen und an "Liebhaber" verkauft. In Interview mit GEO.de erklärt Alex Hischfeld vom Komitee gegen den Vogelmord e.V., wer die Täter sind – und warum es so schwer ist, sie zur Verantwortung zu ziehen

GEO.de: Beim Vogelfang mit Netzen und Fallen denken wir meist an die Mittelmeerländer. Wie sieht es in Deutschland aus?

Axel Hirschfeld: Der illegale Fang von Singvögeln für Vogelsammler und -liebhaber ist verbreiteter als man denkt. Wir haben Fälle aus allen Bundesländern, vom Schrebergartenbesitzer bis hin zu professionellen Gangs, die jedes Jahr Hunderte Vögel fangen, um sie als angebliche Nachzüchtungen zu verkaufen. Das ist nämlich er einzige Weg, wie man diese Tiere verkaufen kann.

Wer sind denn die Käufer?

In den Mittelmeerländern geht es um Tiere, die im Kochtopf landen. Das ist zum Beispiel in Zypern und in Italien ein Millionengeschäft. In Deutschland geht es hauptsächlich um Sammler, die ihre Volieren mit Vögeln füllen, aber auch um Leute, die Singvögel in kleinen, so genannten Gesangskäfigen halten, wo sie oft nur wenige Jahre überleben.

Um welche Arten geht es, und wie viele werden jedes Jahr gefangen?

Wir gehen davon aus, dass allein in Deutschland jedes Jahr eine mittlere fünfstellige Summe von Vögeln illegal der Natur entnommen werden. Es sind vor allem sieben oder acht Arten, die besonders beliebt sind, darunter Buchfink, Grünfink, Kernbeißer, Stieglitz oder der Erlenzeisig – Arten, die im Oktober, aber auch im November noch in größeren Mengen durch Deutschland ziehen. Und die man mit bestimmten Methoden leider sehr einfach fangen kann.

Wie funktioniert der Handel?

Die Vögel werden zum Beispiel auf Vogelbörsen oder im Internet, auf Seiten wie Ebay, Tierflohmarkt.de oder anderen, zum Verkauf angeboten. Nachzuchten tragen immer so genannte Kennzeichnungsringe, die den Vögeln, wenn sie frisch geschlüpft sind, über das Bein gezogen werden. Beim erwachsenen Tier lassen sie sich nicht mehr überstreifen. Allerdings wird mit falschen und manipulierten Ringen viel Schindluder getrieben, und manche Vögel, die online angeboten werden, haben überhaupt keine Ringe.

Erkennt man einen illegal gefangenen Vogel am Preis?

Wenn Sie bei Ebay Kleinanzeigen einen Stieglitz für 50 Euro oder weniger sehen, ist der in der Regel wild gefangen. Zu dem Preis kann keiner züchten. Alles ab 100, 150 Euro aufwärts sind die legal gezüchteten. Ein sicheres Kriterium ist das allerdings nicht, manchmal versuchen auch die illegalen Händler, solche Preise zu verlangen.

Wie kommt man den Fallenstellern auf die Schliche?

Zum Beispiel, indem man eine Falle findet und eine Zeit lang beobachtet. Wer kommt, ist in der Regel der Fallensteller. Oft werden Vögel aber auch einfach im eigenen Garten gefangen. In einem aktuellen Fall in Hessen hatte ein Rentner seinen Garten in eine riesige Vogelfalle umfunktioniert, der lockte mit Sonnenblumen und 60 oder 70 Vögeln in einer Voliere Singvögel an – und das vermutlich schon seit Jahrzehnten. Manche Leute fangen die Vögel aber auch einfach auf ihrem Balkon.

Natürlich gibt es auch den Schmuggel, zum Beispiel aus Osteuropa. Auf den werden wir aber nur durch Zufallsfunde aufmerksam, zum Beispiel, wenn bei Autobahnkontrollen nach Drogen gesucht wird. Bei einem Holländer wurden neulich in der Nähe von Passau über 120 Finken beschlagnahmt. Überall in Europa gibt es Leute, die so etwas machen.

Was passiert, wenn Sie einen Fall der Polizei gemeldet haben?

In vielen Ländern des Mittelmeerraums gibt es spezialisierte Polizeieinheiten. Wenn man aber in Deutschland die Polizei ruft, kann man absolut sicher sein, dass die Polizisten, die zum Tatort kommen, zum allerersten Mal in ihrer Karriere mit einem solchen Fall zu tun haben. Wir haben jede Menge Verfahren, die eingestellt werden, weil kein Täter ermittelt werden kann. Oder weil nicht alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Bei der proaktiven Verfolgung von Artenschutzvergehen durch die Behörden, den Zoll ausgenommen, sind wir in Europa wohl Schlusslicht.

Axel Hirschfeld ist Vogelschützer und Pressesprecher vom Komitee gegen den Vogelmord e.V. Hier versorgt er eine Rohrweihe
Axel Hirschfeld ist Vogelschützer und Pressesprecher vom Komitee gegen den Vogelmord e.V. Hier versorgt er eine Rohrweihe
© Komitee gegen den Vogelmord e.V.

Weil die Staatsanwaltschaften überlastet sind, kommt es immer wieder zur Einstellung von Verfahren gegen Zahlung eines Bußgeldes. Darum wäre aus unserer Sicht wünschenswert, dass jedes Bundesland eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Umweltkriminalität bekommt. So lange sie nicht befürchten müssen, erwischt und verurteilt zu werden, machen die Vogelfänger weiter.

Die französische Umweltministerin hat kürzlich behauptet, aus Artenschutzsicht sei die Jagd auf Singvögel mit Fallen und Netzen unproblematisch. Wie sehen Sie das?

Zugvögel wie Lerchen zum Beispiel sind in Deutschland stark bedroht. Es gibt keine Art der Bejagung, die in irgendeiner Weise nachhaltig wäre. Zudem verstehen wir uns auch als Tierschutzverein. Ob eine Vogelart kurz vor dem Aussterben steht, ist für uns nicht das ausschließliche Kriterium. Wir sind der Meinung, Singvögel, ob bedroht oder nicht, gehören nicht auf den Teller oder in den Käfig.


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