Tödlicher Schutz Australiens Hainetze machen die Meere zur Todesfalle

Hammerhai, der sich in einem Hai-Netz verfangen hat
Die Handout-Unterwasseraufnahme von Humane World for Animals, zeigt einen Hammerhai, der sich in einem Hai-Netz vor der Küste von New South Wales verfangen hat
© Humane World for Animals / dpa
An vielen Stränden in Australien stehen Netze im Meer, die Begegnungen mit Haien verhindern sollen. Was erst einmal beruhigend klingt, stößt in der Praxis allerdings auf viel Kritik

Australien hat in den vergangenen Monaten auffällig viele Haiangriffe erlebt. Besonders ein Fall im Januar, bei dem ein 12-Jähriger an Verletzungen mutmaßlich durch einen Bullenhai starb, bewegte viele Menschen. Im Bundesstaat New South Wales setzt man auf Netze, um Bullenhaie, Weiße Haie und Tigerhaie von den Stränden fernzuhalten. Daran gibt es allerdings Kritik von Tierschützern und Experten, weil sich auch Tiere wie Meeresschildkröten darin verfangen und sterben. 

Nur etwa zehn Prozent der Tiere, die in New South Wales in die Netze geraten, seien Haie als potenziell gefährlich geltender Arten, sagt Lawrence Chlebeck, Meeresbiologe bei der Naturschutzorganisation Humane World for Animals Australia. 

In der Saison 2024/25 wurden nach Daten des Bundesstaats mehr als 200 Tiere gefangen, darunter 24 Bullen-, Tiger- und Weiße Haie. Daneben verhedderten sich 117 Haie harmloser Arten sowie 56 Rochen, 13 Schildkröten und 4 Delfine in den Netzen. Und das, obwohl diese jedes Jahr für mehrere Monate eingeholt werden, um den Beifang zu reduzieren, insbesondere zum Schutz von Meeresschildkröten während der Wanderphasen. 

Für Haie ist es leicht, am Netz vorbeizuschwimmen

Optisch riesigen Volleyballnetzen ähnlich hängen die Hai-Netze etwa 500 Meter entfernt vom Strand entfernt im Meer. Anders als viel kleinmaschigere sogenannte Hai-Barrieren, die einen Bereich komplett einzäunen - und für die meisten Strände in Australien ungeeignet sind - reichen die Netze weder bis zum Meeresboden noch bis zur Wasseroberfläche und schließen auch an den Seiten nicht ab. 

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Viele denken bei Haien unweigerlich an Mäuler voll säbelspitzer Zähne, an stumpfsinnige Räuber, die alles fressen, was ihnen vor die Schnauze schwimmt. Doch diese Vorstellung hat mit der eigentlichen Natur der formschönen Fische nicht viel zu tun. Haie haben atemberaubend feine Sinne, sie sind lernfähig, und sie schließen zuweilen Freundschaften untereinander

Es passiert darum regelmäßig, dass ein Hai daran vorbeischwimmt. Viele ins Netz gegangene Haie befänden sich auf der Innenseite, seien also gerade dabei gewesen, vom Strand weg wieder hinaus aufs Meer zu schwimmen, sagt Robert Harcourt, Meeresökologe und emeritierter Professor an der Macquarie University in Sydney.

Fangnetze, die zum Ersticken führen

Den Strand komplett abzuschirmen, sei aber auch nicht Sinn und Zweck der Netze, erklärt Harcourt. Vielmehr gehe es darum, die Zahl als potenziell gefährlich eingestufter Haie zu vermindern. Im Netz verfangene Haie sterben oft rasch: Tiere bestimmter Arten wie dem Weißen Hai müssen schwimmen, um sauerstoffreiches Meerwasser durch ihre Kiemen zu leiten, sonst ersticken sie. «Es wird gerne gesagt, dass die Netze zur Abschreckung dienen, aber es sind kommerzielle Fischernetze, die dafür gedacht sind, Fische und Haie zu fangen und zu töten», sagt Chlebeck. 

Sinnlos sind die Netze nicht, wie Harcourt betont: Die Zahl der Hai-Begegnungen werde tatsächlich deutlich gesenkt. «Die Netze sind sicher nicht perfekt, aber es sind deutlich weniger Menschen gestorben, nachdem sie eingeführt wurden.» Allerdings sind in den vergangenen Jahrzehnten auch die Haipopulationen stark geschrumpft.

Umstritten ist, ob Hai-Netze auch heute noch der beste Weg dafür sind, die Zahl der Hai-Angriffe zu reduzieren. Regionen wie Neuseeland, Hawaii oder die im Indischen Ozean gelegene Insel Réunion haben sich von der Methode verabschiedet und setzen auf Aufklärungsprogramme und verstärkte Überwachung etwa mit Hilfe von Drohnen.

Mehr als tausend Weiße Haie mit Trackern versehen

Eine weitere Möglichkeit ist, möglichst viele Haie mit Trackern zu versehen und so nachzuvollziehen, wo sich das jeweilige Tier gerade befindet. Kommt ein markierter Hai in Strandnähe, wird eine Warnung auf der «Shark Smart App» angezeigt, die es aktuell für New South Wales und Westaustralien gibt. Harcourt zufolge wurden in New South Wales bereits weit über tausend Weiße Haie sowie hunderte Bullen- und Tigerhaie markiert.

Eines der besten Mittel gegen Hai-Angriffe sei, die Menschen gut zu informieren, betont Chlebeck. Zum Beispiel sei zu vermeiden, in der Abend- oder Morgendämmerung ins Wasser zu gehen. Auch nach starkem Regen sollte das Schwimmen für ein paar Tage vermieden werden, denn manche Haie jagten gezielt in trübem Wasser, um Beute besser überraschen zu können. Zudem spüle Regen organisches Material, Abfälle und verendete Tiere aus Flüssen und Kanälen ins Meer, was kleinere Fische und damit wiederum auch Haie anlocken könne.

In New South Wales hatten aufgrund der Kritik drei Gemeinderäte geplant, die Netze an manchen Stränden zu entfernen. Kurz bevor der Versuch anstand, gab es aber einen tödlichen Haiangriff im Norden Sydneys. Daraufhin wurde entschieden, die Netze vorerst doch zu behalten.

Chiara Holzhäuser