Fidschi Sozialer als gedacht: Bullenhaie schließen Freundschaften

Group of bull sharks at Beqa Lagoon in Fiji
Group of bull sharks at Beqa Lagoon in Fiji
© Alastair Pollock Photography / Getty Images
Natasha D. Marosi/Fiji Shark Lab
Haie gelten als Einzelgänger, doch eine neue Studie zeigt: Sie suchen die Nähe zu bestimmten Artgenossen

Einsame Jäger in der Dunkelheit des Meeres: So stellen sich nicht nur Filmregisseure die Haie vor. Auch Forschende nahmen die Tiere häufig als wenig interessiert an engen Kontakten wahr. Doch eine neue Studie weist nach, dass Haie sich gezielt ihre Sozialpartner auswählen: Sie unterscheiden zwischen "Bekannten" und "Freunden", meiden aber auch einzelne Artgenossen. "Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung von Haien zeigt unsere Studie, dass sie ein recht reichhaltiges und komplexes Sozialleben führen", sagt der beteiligte Verhaltensökologe Darren Croft.

An der Studie wirkten Forschende britischer Universitäten sowie der Schweiz und Fidschis mit. Sechs Jahre beobachteten sie insgesamt 184 Bullenhaie im Shark Reef Marine Reserve auf Fidschi. Das Schutzgebiet zählt zu den weltweit ältesten Tauchplätzen für Hai-Ökotourismus. Es bietet eine besondere Gelegenheit, das detaillierte Verhalten der Individuen über viele Jahre hinweg zu beobachten, während sie wachsen, sich entwickeln und ihre sozialen Beziehungen pflegen. Die Ergebnisse erschienen nun in der Fachzeitschrift "Animal Behaviour".

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Viele denken bei Haien unweigerlich an Mäuler voll säbelspitzer Zähne, an stumpfsinnige Räuber, die alles fressen, was ihnen vor die Schnauze schwimmt. Doch diese Vorstellung hat mit der eigentlichen Natur der formschönen Fische nicht viel zu tun. Haie haben atemberaubend feine Sinne, sie sind lernfähig, und sie schließen zuweilen Freundschaften untereinander

Das Team unterschied bei den Individuen drei Alterskategorien: die jungen Haie, die noch nicht geschlechtsreif sind, die erwachsenen sowie die alten, die sich nicht mehr fortpflanzen. Die Forschenden beobachteten zum einen "großräumige" Interaktionen, bei denen sich die Individuen innerhalb einer Körperlänge voneinander aufhielten, zum anderen "feinräumige" soziale Kontakte, bei denen sie einander folgten oder parallel schwammen.

Die weiblichen Bullenhaie (hier im Bild) sind größer als die Männchen
Die weiblichen Bullenhaie (hier im Bild) sind größer als die Männchen
© Natasha D. Marosi/Fiji Shark Lab

Männchen hatten im Durchschnitt mehr soziale Kontakte als Weibchen, wobei beide Geschlechter es vorzogen, mit Weibchen zu interagieren. "Männliche Bullenhaie sind körperlich kleiner als Weibchen. Sozial integriert zu sein könnte für sie daher ein Vorteil sein, um sich vor aggressiven Konfrontationen mit größeren Individuen zu schützen", vermutet die leitende Forscherin Natasha D. Marosi. 

"Wir fangen gerade erst an, das Sozialleben vieler Haiarten wirklich zu verstehen", sagt Croft. "Genau wie andere Tiere profitieren sie wahrscheinlich davon, sozial zu sein – dazu gehören das Erlernen neuer Fähigkeiten, die Nahrungssuche und die Suche nach potenziellen Partnern bei gleichzeitiger Vermeidung von Konfrontationen."

Im Shark Reef Marine Reserve auf Fidschi wird Hai-Ökotourismus betrieben
Im Shark Reef Marine Reserve auf Fidschi wird Hai-Ökotourismus betrieben
© Natasha D. Marosi/Fiji Shark Lab

Es zeigte sich, dass erwachsene Haie den "Kern" des sozialen Netzwerks bilden, während ältere und junge Haie im Allgemeinen weniger soziale Verbindungen hatten. "Ältere Individuen verfügen über langjährige Erfahrungen. Sie haben ihre Fähigkeiten zu jagen und sich zu paaren verfeinert. Soziale Kontakte sind für ihr Überleben möglicherweise nicht so entscheidend wie für ein Individuum in der Blüte seines Lebens", vermutet Marosi.

Anders ist die Situation bei den Jungtieren. "Subadulte Bullenhaie besuchen das Schutzgebiet selten, sie halten sich meist in küstennahen Lebensräumen auf. In diesen frühen Lebensphasen müssen sie Raubtieren ausweichen – einschließlich der Bedrohung durch erwachsene Bullenhaie", erklärt Marosi. Allerdings existieren auch Ausnahmen: "Wir haben einige mutigere junge Tiere im Reservat, die soziale Bindungen zu einigen der erwachsenen Haie aufgebaut haben. Diese älteren Individuen könnten als Vermittler wirken, die die Jungen in das soziale Netzwerk einbinden und möglicherweise auch Wege für soziales Lernen eröffnen." Marosi hofft, dass ihre Forschung dazu beiträgt, die Tiere besser zu schützen.