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Historische Markierungen Sinkende Pegelstände: "Hungersteine" werden sichtbar

Ein Hungerstein mit der Jahreszahl 1707 in der Elbe bei Pirna-Oberposta, Sachsen (Archivbild vom 11.8.2015)
Ein Hungerstein mit der Jahreszahl 1707 in der Elbe bei Pirna-Oberposta, Sachsen (Archivbild vom 11.8.2015)
© picture alliance / ZB | Arno Burgi
In vielen Flüssen Deutschlands werden bei sinkenden Wasserständen sogenannte Hungersteine sichtbar. Sie dienten in früheren Jahrhunderten als Niedrigwasser-Markierungen. Und als Warnung

Ausbleibende Niederschläge und niedrige Pegelstände weltweit bringen die eigenartigsten Dinge zum Vorschein: Versunkene Städte, Wracks, Bomben aus dem 2. Weltkrieg. Und Hungersteine.

Dabei handelt es sich um gravierte Findlinge, die meist eine Jahreszahl und vereinzelt auch Namen oder Inschriften tragen. Sie markieren historisch niedrige Pegelstände. Und sie werden – anders als die Markierungen der Hochwasser – erst sichtbar, wenn sie aus dem Wasser ragen.

Der wohl bekannteste Hungerstein ist ein Findling nahe dem tschechischen Ort Decín: Bei extrem niedrigem Wasserstand wird eine traurige Inschrift lesbar: "Wenn du mich siehst, dann [weine]". Immer wieder wurde der Stein als Wasserstandsmarke verwendet. Die älteste lesbare Jahreszahl auf dem etwa sechs Kubikmeter großen Findling lautet "1616".

Älteste Markierungen aus dem frühen 15. Jahrhundert

Die ältesten, bislang entdeckten Inschriften stammen aus dem frühen 15. Jahrhundert. Gut möglich, dass es ältere gibt, denn viele Inschriften könnten im Lauf der Jahrhunderte abgeschliffen worden sein.

Botschaften wie die auf dem Hungerstein von Decín sind in Stein gemeißelte Menetekel: Sie warnen vor Hunger und Not. Denn wenn Flüsse sehr niedriges Wasser führen, dann ist Schifffahrt auf ihnen nicht mehr möglich, der Transport von Gütern wird schwierig. Den Flussschiffern fehlten die Einnahmen, Lebensmittel gelangten nicht mehr an ihre Bestimmungsorte. Gleichzeitig führten Hitze und Trockenheit zu schlechten Ernten oder gar zu Missernten – und in der Folge zu Hungersnöten.

"Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter"

Einer der Hungersteine jüngeren Datums liegt auf dem Grund der Elbe bei Bleckede (Niedersachsen). Auch er ist unlängst wieder zum Vorschein gekommen. Seine Inschrift wendet die furchterregenden Warnungen früherer Jahrhunderte ins Positive: "Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter."

Doch mit diesem sympathischen rhetorischen Trick bleibt der Stein von Bleckede wohl eine Ausnahme.

Greenpeace nahm den Dürresommer 2018 mit historisch niedrigen Pegelständen der Elbe zum Anlass, mit einem eigenen Hungerstein auf die Klimakrise hinzuweisen.

Klimaforscher*innen mahnen seit Jahrzehnten, dass im Zuge steigender Durchschnittstemperaturen auch Extremwetterereignisse zunehmen werden, darunter Hitzeperioden und lang anhaltende Dürren.

"Wenn du mich siehst, ist Klimakrise", ließ die Umweltschutzorganisation auf den Findling gravieren. Eine Botschaft, die in Zukunft noch häufiger sichtbar werden wird.


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