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FAQ Fischsterben in der Oder: Was bislang bekannt ist

Mitarbeiter vom Nationalpark Unteres Odertal, Ranger der Naturwacht Brandenburg, Mitarbeiter vom Landkreis Uckermark und freiwillige Helfer sammeln tote Fische im Gebiet des Nationalparks Unteres Odertal ein
Mitarbeiter vom Nationalpark Unteres Odertal, Ranger der Naturwacht Brandenburg, Mitarbeiter vom Landkreis Uckermark und freiwillige Helfer sammeln tote Fische im Gebiet des Nationalparks Unteres Odertal ein
© Patrick Pleul/dpa
Seit Ende Juli sterben massenhaft Fische und andere Wasserorganismen in der Oder. Inzwischen wird nach Hunderten Chemikalien gefahndet. Aber die Ursache ist noch immer rätselhaft

Inhaltsverzeichnis

Was ist über die Ursache des Fischsterbens bekannt?

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hatte am Freitag erklärt, das Fischsterben sei offenbar durch Einleitung einer "riesigen Menge" von Chemieabfällen ausgelöst worden. Als Ursprungsort kommt die Region um Breslau in Betracht. Die polnische Regierung setzte eine Belohnung von mehr als 200.000 Euro für die Aufklärung aus.

Auf polnischer Seite wird weiterhin nach Spuren von 300 Chemikalien gefahndet – bislang ohne Erfolg. Quecksilber oder giftige Schwermetalle wurden nicht nicht gefunden. Dafür Hinweise auf einen erhöhten Sauerstoff- und Salzgehalt. Zudem ist der Wasserspiegel örtlich um 30 Zentimeter gestiegen. Auch dafür ist die Ursache bislang unbekannt. Nennenswerte Regenfälle gab es im Einzugsgebiet der Oder kaum.

Für das massive Fischsterben kommt nach Einschätzung von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) mehr als nur eine Ursache in Betracht. In der kommenden Woche sollen weitere Untersuchungsergebnisse bekanntgegeben werden.

Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei hält es laut RBB auch für möglich, dass der niedrige Wasserstand, die hohen Temperaturen und der Ausbau von Buhnen auf der polnischen Oderseite das Fischsterben ausgelöst haben könnten.

Welche Tiere sind betroffen?

Erste Schätzungen beliefen sich auf 100 Tonnen tote Fische und andere Wasserorganismen, darunter Zander, Welse, Gründlinge und Steinbeißer, sowie Krabben und Muscheln. Die Zahl dürfte jedoch eine Untergrenze darstellen. Aktuellen Meldungen zufolge wurden allein auf polnischer Seite fast 100 Tonnen eingesammelt. Befürchtet wird zudem, dass Seeadler und Aas fressende Wirbeltiere, wie etwa Waschbären, Giftstoffe mit den toten Fischen aufnehmen und daran verenden könnten.

Betroffen sind auch seltene und bedrohte Fischarten wie der Ostsee-Stör, der seit dem Jahr 2007 in der Oder wieder angesiedelt wurde. Zwei Millionen Jungfische sind seither im Nationalpark Unteres Odertal ausgesetzt worden.

Die toten Tiere werden auf deutscher Seite auf dem Gelände einer Raffinerie im brandenburgischen Schwedt verbrannt.

Was wird unternommen, um die Katastrophe einzudämmen?

Die Oder ist mit einer Länge von 866 Kilometern der fünftgrößte Fluss in Deutschland. Das Fischsterben, so schätzt der BUND, betrifft eine Länge von rund 500 Kilometern: von Breslau stromabwärts.

Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel erklärte laut einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums (BMVU), die Alte Oder sei von der Oder abgetrennt worden, das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Eberswalde habe Vorsorge für die Spree und die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße getroffen. Ein möglicher Eintrag von belastetem Wasser in intakte Ökosysteme soll dadurch verhindert werden.

in verendeter Döbel und andere tote Fische schwimmen in der Oder bei Brieskow-Finkenheerd. In der Oder ist es zu einem massiven Fischsterben gekommen. Behörden in Brandenburg warnen davor, das Flusswasser zu nutzen oder in Kontakt damit zu kommen
in verendeter Döbel und andere tote Fische schwimmen in der Oder bei Brieskow-Finkenheerd. In der Oder ist es zu einem massiven Fischsterben gekommen. Behörden in Brandenburg warnen davor, das Flusswasser zu nutzen oder in Kontakt damit zu kommen
© picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt

Mehrere Ölsperren sollen zudem verhindern, dass sich Fischkadaver an der Mündung des Flusses im Stettiner Haff ausbreiten. Das Haff ist mit rund 900 Quadratkilometern etwa doppelt so groß ist wie der Bodensee und gehört zu zwei Dritteln zu Polen. Von dort verlaufen Wasserverbindungen zur Ostsee.

Es sei aber vollkommen klar, sagte der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus im Deutschlandfunk, der "Giftcocktail", der auf polnischer Seite eingetragen worden sein müsse, werde auch im Haff ankommen – oder sei schon angekommen. Noch gebe es dort aber keine "Auffälligkeiten".

Warum gibt es Kritik an den zuständigen Behörden?

Nach Angaben der polnischen Regierung hatten die Behörden schon am 26. Juli erste Hinweise auf ein massenhaftes Fischsterben in der Oder. Die deutschen Behörden wurden allerdings offiziell erst am 11. August informiert. Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki selbst beklagt, zu spät informiert worden zu sein – und entließ zwei Spitzenbeamte.

Sowohl die Bundesregierung als auch das Land Brandenburg bekräftigten am Montag ihren Unmut über fehlende Informationen aus Polen. Angaben seien nur "kleckerweise" oder "überhaupt nicht" gekommen, kritisierte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke.

Die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza"  kommentiert: "Polen ist zuletzt mehrfach von Krisen heimgesucht worden, und jedes Mal zeigte sich, dass der Standard der Regierungsführung durch die (nationalkonservative) PiS von den Standards in Europa abweicht. Die Krise um die verseuchte Oder ist ein klassisches, lehrbuchhaftes Beispiel für die "Machtkrise der PiS". Deren Kern besteht darin, dass inkompetente, wegen ihrer Parteizugehörigkeit ernannte Beamte versuchen, das Problem zu verstecken oder zu verleugnen, anstatt sich um eine Lösung zu kümmern."

Der Deutsche Angelfischer- und der Deutsche Fischerei-Verband kritisierten indes die deutschen Behörden. "Von außen wirkte die Aktivität der deutschen Behörden nicht wie ein souveränes Krisenmanagement", hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung vom Montag.

Nach dem Verursacher wird also weiter gefahndet. Inzwischen ermitteln auch polnische und deutsche Staatsanwaltschaften.

Was sind die möglichen langfristigen Folgen der Umweltkatastrophe?

"Natur­schützer bangen seit Beginn des Fischsterbens besonders um den Nationalpark Unteres Odertal," wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet. Im Nationalpark an der Oder zwischen Polen und Deutschland seien normalerweise Paddler, Angler und auch Vogel­kundler unterwegs. Doch jetzt dürfte der Natur­tourismus stark leiden, so die Befürchtungen. Vor jeglichem Kontakt mit dem Fluss­wasser wird gewarnt.

"Die Oder ist nun ein schwer geschädigtes Ökosystem. Das Ausmaß der Schädigung ist noch nicht übersehbar", heißt es in der Pressemitteilung des BMUV vom Montag. Wie lange das Ökosystem der Oder braucht, um sich von der Katastrophe zu erholen, wird entscheidend von den Eigenschaften der (mit)verantwortlichen Chemikalien abhängen – aber wohl auch von einer weiteren Verbauung des Flusses.

"Es zeigt sich erneut sehr deutlich," sagt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller, "dass unsere Flüsse dringend renaturiert und die Widerstandsfähigkeit von Fluss und Aue gegen derartige Umweltschädigungen erhöht werden müssen. Die Ausbaupläne der polnischen Regierung müssen ausgesetzt werden, stattdessen muss ein umfassendes Sanierungs- und Renaturierungskonzept für den Fluss erarbeitet werden."

mit dpa

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