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Naturschutz Die Rede von "invasiven" Arten schürt fremdenfeindliche Ressentiments

Die aus Südamerika stammenden Nutrias gelten in Deutschland als "invasiv". In der Jagdsaison 2020/21 wurden erstmals  mehr als 100.000 von ihnen erschossen
Die aus Südamerika stammenden Nutrias gelten in Deutschland als "invasiv". In der Jagdsaison 2020/21 wurden erstmals  mehr als 100.000 von ihnen erschossen
© rudiernst / Adobe Stock
Immer wieder ist zu lesen, "fremde" Arten würden sich in Deutschland breitmachen und "einheimische" Spezies verdrängen. Es ist an der Zeit, diese Rhetorik zu hinterfragen

Die Invasion steht nicht kurz bevor. Sie ist bereits in vollem Gange. Unbemerkt marschieren Heerscharen von fremdartigen Organismen über die Grenze, ohne Respekt vor heimischen Tier- und Pflanzengesellschaften, die hier seit Jahrtausenden friedlich zusammenleben. Oder lebten. Denn sie werden nun verdrängt, wenn nicht gar aufgefressen von den unheimlichen Aggressoren. Der Kampf gegen sie: aussichtslos. Armes Deutschland!

So oder ähnlich liest es sich, wenn von neuen Mitbewohnern in unserer schönen deutschen Heimat die Rede ist. Da liest man von "Killer-Shrimps", die sich im Bodensee "einfach eingeschlichen" haben und "explosionsartig" breitmachen. Die "angestammten Tieren Platz und Nahrung streitig" machen. Allein "invasive Krebstiere" sollen einer aktuellen Studie zufolge weltweit bislang Schäden in Höhe von 236 Millionen Euro "verursacht" haben. Da ist von "gefährlichen Eindringlingen" die Rede, gegen die die EU schon mal den "Kampf" aufnimmt.

Ochsenfrösche, Grauhörnchen, Riesenhornisse und Co. (die "eigentlich nicht hierher gehören"), "sorgen für Einbußen in der Landwirtschaft", "gefährden die menschliche Gesundheit" und "treiben Arztkosten in die Höhe". Auch auf GEO.de haben wir verschiedentlich über "invasive" Arten berichtet, die einheimische "verdrängen". Selbst große Naturschutzverbände wie der WWF schrecken nicht davor zurück, vor den "Gefahren der biologischen Einwanderung" zu warnen. Und schon die offizielle Bezeichnung bestimmter Arten als "invasiv" unterstellt kriegerische, imperiale Absichten.

Solche sprachliche Mobilmachung hat natürlich einen simplen Zweck: Sie soll auch jenseits von Fachkreisen Interesse wecken, indem sie ein klares Feindbild beschwört. Biologisch gesehen, ist das Gerede von den Alien-Invasoren jedoch Unsinn.

Wenn verschleppte oder ausgesetzte Spezies günstige Lebensbedingungen, viel Nahrung und wenig Fressfeinde vorfinden, vermehren sie sich. Sie sind erfolgreich. "Schuld" an der Ausbreitung ist nicht die Spezies, sondern allenfalls der Mensch: Indem er Klimazonen verschiebt, weil er Waren per Schiff um die Welt transportiert und Tiere und Pflanzen zu eigenen Zwecken aus ihrem ursprünglichen Lebensraum verschleppt.

Dass die Ausbreitung neuer Arten auch zulasten von Spezies gehen kann, die schon vor den Neulingen da waren, soll nicht abgestritten werden. Aber die Pazifische Auster ist in der Nordsee, das Indische Springkraut säumt unsere Bäche, die Chinesische Wollhandkrabbe ist da. Und sie werden nicht wieder gehen.

Ein Grund zur Panik ist das nicht. Ökosysteme sind nicht statisch. Sie haben sich immer verändert und werden es auch in Zukunft tun. Und zwar immer schneller, als Reaktion auf die galoppierende Erderhitzung und wegen des – ebenfalls vom Menschen verursachten – weltweiten Artensterbens.

Tiere und Pflanzen sind nicht "verantwortlich"

Was das Gerede von "fremden Einwanderern" so gefährlich macht: Es transportiert Ressentiments. Es suggeriert nämlich, dass es einen optimalen, idealen oder irgendwie "ursprünglichen" Zustand von Ökosystemen gebe, der gegen Veränderung von außen geschützt werden muss. Und spätestens hier wird es politisch.

Denn diese konservative Sicht auf den Naturschutz hat ihre Vorläufer in der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus. Das zeigt nicht zuletzt die Verstrickung des hoch dekorierten Pflanzensoziologen Reinhold Tüxen in die menschenverachtenden Projekte der Nazis. Tüxen entwickelte das bis heute vielzitierte Konzept der "potentiell natürlichen Vegetation" – und lieferte die Expertise für die Begrünung des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes, der Autobahnen und des Westwalls, bis hin zur fachlichen Begleitung des verbrecherischen Ost-Feldzuges.

Das Stereotyp der bedrohten Heimat

Das Eigene und das Fremde, die durch "Überfremdung" bedrohte Heimat: Kaum eine Debatte im Naturschutz bietet so viele "Anknüpfungspunkte für rechtsextreme Ideologien" wie der menschliche Umgang mit neuen, nicht-menschlichen Spezies. Solche Überschneidungen und Kontinuitäten zu erkennen und sich davon abzugrenzen: Das fällt weder Forschenden noch den Naturschutzverbänden und ihren zahlreichen Ehrenamtlichen leicht. Umso wichtiger ist es, migrationspolitische Anleihen im eigenen Sprachgebrauch zu hinterfragen und abzurüsten.

Vor zehn Jahren erklärte Innenminister Horst Seehofer (CSU), man werde sich "bis zur letzten Patrone" dagegen wehren, "eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme zu bekommen". Klar, ließe sich leicht ergänzen: weil sonst nämlich Geld für die eigenen Leute fehlt.

Die anderen und wir: Von der Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme zur Einwanderung in die deutschen Ökosysteme ist es nicht weit.


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