In der vergangenen Woche stellte Quatar Energy nach Beschuss aus Iran seine Produktion ein. In den Nachrichten fand der Vorgang kaum Beachtung. Viel weniger jedenfalls als die Preisentwicklung an den Zapfsäulen. Völlig zu Unrecht. Denn die weltweit größte Industrieanlage dieser Art in Ras Laffan produziert Harnstoffdünger, einen der wichtigsten Stickstoffdünger. Einen Stoff also, ohne den die konventionelle Landwirtschaft, egal in welchem Teil der Welt, nicht denkbar ist. Auch nicht in Deutschland.
Rund ein Drittel der weltweit gehandelten synthetischen Düngemittel stammen aus den Golfstaaten. Der Grund dafür liegt in der Verfügbarkeit von fossilen Energieträgern: Die Herstellung synthetischer Düngemittel verschlingt enorme Mengen Erdgas. Und schon jetzt, nicht einmal drei Wochen nach Kriegsbeginn, steigen wegen der andauernden Blockade der Straße von Hormus die Preise nicht nur für Öl und Gas, sondern auch für Dünger. Jenen Treibstoff also, der unsere Landwirtschaft am Laufen hält.
Energiepreise schlagen auf die Lebensmittelkosten durch
Düngemittel sind bei der Nahrungsmittelproduktion ein entscheidender Kostenfaktor. Und die Preise sind seit Beginn des Krieges um bis zu 30 Prozent gestiegen. Im ärmeren Teil der Welt wird die Düngemittelkrise das Hungerproblem verschärfen, mahnt "Brot für die Welt". Denn schon moderate Preisanstiege zwingen die Menschen, weniger zu düngen – was die Ernte schmälert. Zudem haben Preissteigerungen bei Lebensmitteln das Zeug, ganze Gesellschaften zu destabilisieren.
In reichen Ländern wie Deutschland können steigende Lebensmittelpreise immerhin noch eine allgemeine Unzufriedenheit verstärken. Vor allem aufseiten der Erzeuger, die ihre gestiegenen Produktionskosten kaum durch die Verkaufserlöse kompensieren können. Beispiel Weizen: Während zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine die Gaspreise explodierten, stieg zugleich der Preis für Weizen. Dieser Effekt blieb während des Irankriegs bislang aus.
Der Motor der Welternährung ist störanfällig
Es stimmt zwar: Billiger synthetischer Dünger, als Treibstoff einer landwirtschaftlichen Produktion im industriellen Maßstab, hat enorme Ertragssteigerungen möglich gemacht. Und damit das rasante Wachstum der Weltbevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber das System ist störanfällig: Der Krieg eines irrlichternden US-Präsidenten und seiner israelischen Verbündeten, die Sperrung einer Meerenge bringt es ins Wanken.
Wie fragil eine von fossilen Energien abhängige Ernährung ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Und es gibt, neben der Reduktion von gefährlichen Abhängigkeiten, weitere gute Gründe, den Einsatz von fossilen Düngern zu reduzieren:
Dünger aus der Landwirtschaft – sei es nun in Form von Mineraldünger oder von Gülle – belasten Grundwasser, Flüsse und Meere mit überschüssigen Nährstoffen. An jeder vierten Messstelle in Deutschland weist das Grundwasser einen zu hohen Wert auf. Die EU-Kommission hat darum schon im Jahr 2013 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet.
Mineraldünger können zudem der Bodengesundheit und der Artenvielfalt schaden – vor allem, wenn sie überdosiert werden. Und klimaschädlich sind sie allemal; nicht nur, weil bei ihrer Herstellung viel Gas verfeuert wird: Stickstoffdünger, der von Pflanzen nicht aufgenommen wird, gelangt als Lachgas in die Atmosphäre. Das Gas ist fast 300-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid.
Die Irankrise zeigt: Der Ausstieg aus den fossilen Energien muss jetzt entschlossen vorangetrieben werden – auch in der Landwirtschaft. Für mehr gesunde Böden und Gewässer, mehr Artenvielfalt und Klimaschutz. Vor allem aber: für mehr Resilienz und Unabhängigkeit angesichts einer Reihe von globalen Krisen, von denen die aktuellen vielleicht nur der Anfang sind.