Eine Bergkuppe noch, dann ist da plötzlich dieses Schimmern: Überall bricht Farbe durch das Grün, gelbe Tupfer setzen sich zwischen die Büsche und Bäume des Tanneron-Massivs in Südfrankreich. Denn jetzt überziehen wieder Tausende Blüten die Flanken des kleinen Gebirges – Mimosen. Nirgendwo sonst im Land wachsen so viele davon wie hier im Rücken der Côte d’Azur.
Für Besucher, die aus dem wintertristen Norden in die Felshügel fahren, ein ungewöhnlicher Anblick. Denn während sich hierzulande gerade erst die ersten Triebe recken, tauchen Mimosen die Provence bereits im Frühjahr in ein Meer aus Farbe: Gelb in allen Schattierungen legt sich dann auf die Landschaft. An Straßenrändern und Wanderwegen, auf Feldern und Dorfplätzen hängen die kleinen, kugelförmigen Blüten in dichten Büscheln an den Sträuchern.
Als Vorboten des Frühlings blühen die Pflanzen dort von Januar bis März und locken zahlreiche Besucher in die Region. Die feiert die Farbexplosion mit Festen und Märkten, bei Paraden werden Mimosenzweige von üppig dekorierten Wagen geworfen. Sie sollen Glück bringen – viele Familien stellen sie sich ins Haus.
Den Zauber dieser Jahreszeit können Gäste auf der "Straße der Mimosen" erleben: Über 130 Kilometer führt sie durch die Provence, von Bormes-les-Mimosas im Westen entlang von Küstenstraßen und Bergabschnitte bis in die Parfum-Stadt Grasse im Osten, wo der fein-süße Duft der Blüten in Essenzen konserviert wird.
Diese Route quert zwar einige der beliebtesten Regionen der Provence, etwa die Départements Var und Alpes-Maritimes, und ist deshalb alles andere als ein Geheimtipp – doch im Frühjahr ist sie bei weitem nicht so überlaufen wie in der sommerlichen Hauptsaison. In den Ortschaften entlang der Strecke lässt sich dann die Mimose erleben: Chocolatiers verarbeiten sie in Pralinen, lokale Händler verkaufen daraus gefertigte Seifen und Bars schenken einen Likör mit ihrem Aroma aus, Mimoncello.
Längst sind die Mimosen ein Geschäft: Bauern pflanzen die baumartigen Sträucher auf ihre Hänge und ernten die Blütenzweige im Frühjahr – noch immer per Hand, jedes Jahr eine Gesamtmenge von 600 Tonnen. Der Großteil davon geht in den Blumenhandel und in die Parfumindustrie.
Doch während sich Bauernverbände und Tourismusämter über den Blütenwald im Frühling freuen, warnen Umweltbehörden vor den strahlend blühenden Pflanzen: Sie breiten sich in der Provence aggressiv aus. Mit ihrem schnellen Wachstum verdrängt die Mimose dabei ursprüngliche Arten wie Korkeichen oder Oleander und stört auch das Wachstum der Macchia-Sträucher, die so typisch sind für mediterrane Hügel. Auch in zahlreichen anderen EU-Ländern, etwa in Spanien, Portugal und Italien gelten Mimosen als invasiv, mit hohem Risiko für die Ökosysteme vor Ort.
Heimisch sind Mimosen – eigentlich ein Akaziengewächs – in Australien. Britische Reisende brachten erste Pflanzen von dort zunächst nach Südengland und später, in den 1880er Jahren, in die Provence: Villenbesitzer in Cannes ließen sie in ihre Gärten setzen. Schnell wurde die Mimose zum begehrten Luxusobjekt und breitete sich entlang der Küste aus, später sendeten Züchter aus der Provence die Büsche in alle Regionen Frankreichs und verkauften sie auch in andere europäische Länder. Sie gedeihen seitdem überall dort, wo es trocken und sonnig genug ist, also vor allem im Mittelmeerraum.
Mittlerweile aber haben sie sich in der Provence so großflächig ausgebreitet, dass die Forstämter an der Côte d’Azur sie überwachen – und in einigen Regionen auch bekämpfen. In den Bergen von Estérel etwa, einem Naturschutzgebiet an der Küste zwischen Cannes und Saint-Raphaël, werden die Sträucher zurückgedrängt, um die wertvollen Ökosysteme dort zu bewahren.
Als problematisch gilt dabei vor allem die Silberakazie, auch "Falsche Mimose" genannt: Sie schädigt andere Pflanzenarten mit Giftstoffen und widersetzt sich hartnäckig allen Versuchen, sie einzudämmen. Auf stärkere Rückschnitte etwa reagiert sie mit extremen Wachstumsschüben. "Wir entfernen deshalb am Stamm nur einen Streifen der Rinde, so dass die Pflanze langsam verdorrt", erklärt Forsttechniker Christophe Pint-Girardot, der beim französischen Waldamt für das Estérel-Gebirge zuständig ist, "denn wenn sie über Gebühr gestresst werden, produzieren ihre Wurzeln sofort neue Triebe."
Auch die Feuerwehr in der Provence warnt vor den Sträuchern: Bei Sommerhitze fangen sie leicht Feuer und können Waldbrände anfachen. Von denen die Silberakazie sogar profitiert: Explosionsartig setzt sie dann ihre Samen frei und wächst danach umso robuster. An den Hügeln des Estérel-Gebirges werden deshalb Feuerschneisen angelegt, in denen die Mimosen radikal gerodet werden. Danach müssen die Sprösslinge über Jahre hinweg per Hand entfernt werden.
Großflächige Aktionen gegen die Mimosen sind in der Provence allerdings nicht geplant – dafür sind sie bereits zu stark in der Landschaft verankert. In den Gärten und Felder werden heute ohnehin nur noch weniger invasive Arten gepflanzt.
Und so bleibt der Region ihr gelber Schimmer erhalten, die Farbtupfer im Hügelgrün. Als Verheißung auf einen unbeschwerten Frühling – am Ende des Winters.