Pubertät Ratgeber für Eltern

Die Pubertät ist nicht nur für Jugendliche eine schwere Zeit. Auch die Eltern sind oft ratlos, wie sie mit ihren schwierig gewordenen Sprösslingen umgehen sollen
Pubertät

1. Teenager brauchen Lob!

"Das hast Du gut gemacht!" ist ein Satz, den Eltern ruhig öfter einmal sagen sollten. Zustimmung und Anerkennung beides braucht ein Teenager dringend. Ohne Wertschätzung seiner selbst und seiner Fähigkeiten wird er unglücklich, verbittert und unsicher. Ein Lob hilft über Hürden hinweg, stärkt das Selbstvertrauen und motiviert. Vorausgesetzt, es ist ehrlich gemeint und kommt von kompetenter Seite. Forscher haben herausgefunden: Erfolg führt zu Erfolg. Misserfolg, ständige Kritik und Kontrolle haben einen negativen Einfluss auf das Selbstbewusstsein eines Jugendlichen.

Trotzdem: "Lob für Kinder ist heutzutage nur allzu oft die Fast-Food-Zuwendung der Zeitmangel-Generation", behauptet der Motivationsforscher Reinhard K. Sprenger. Das klingt böse, ist aber gar nicht so falsch. Zwei, drei Generationen zuvor wurden Kinder häufig durch überzogenem verletzende Kritik in angstvoller Abhängigkeit gehalten. Doch heute neigen Eltern dazu, ihren Nachwuchs mit rückhaltloser Zustimmung und mitunter auch übertriebener Wertschätzung bei Laune zu halten.

Denn natürlich muss ein Lob in der richtigen Dosis erfolgen und zum richtigen Anlass gesagt werden. Hat Ihr Kind den Tisch gedeckt? Einen Abi-Durchschnitt von 1,0 hingelegt? Ein Fußballmatch gewonnen? Das sind ganz unterschiedlich wichtige Anlässe und sie müssen auch jeweils anders anerkannt werden. Doch wer immer nur gleichbleibend "Das hast du toll gemacht" sagt, ist fast genau so schlimm wie jemand, der sein Kind mit Desinteresse straft. Hinzu kommt: Ein Lob ist durchaus nicht immer das beste Mittel zur Leistungssteigerung. Denn ein Lob kann Neugier und Interesse sogar lähmen weil dann manchmal Leistung nur noch aus Berechnung, d.h. für die Belohnung, erbracht wird. Die Verhaltensforschung hat herausgefunden, dass Kinder, die ohne Aussicht auf Belohnung eine Aufgabe übernehmen, sie besser verrichten als Kinder, die dafür belohnt werden. Denn die verlieren bald das Interesse und bringen insgesamt geringere Leistungen, weil sie die Tätigkeit nicht an sich für wichtig halten, sondern weil die Belohnung den Sinn ersetzt.

2. Teenager brauchen Zärtlichkeit!

Der Gedanke sitzt tief in uns Erwachsenen fest: Teenager sind für elterliche Zärtlichkeiten schon zu groß. Da passt es dann ganz gut, dass sie sich kratzbürstig aufführen. So kann man ohne schlechtes Gewissen aufs Knuddeln verzichten. Nur: Eine gute Idee ist das nicht. Denn körperliche Zärtlichkeiten sind für Kinder und Heranwachsende überlebenswichtig. Umarmungen können Wut, Kummer, Niedergeschlagenheit, Stress, Einsamkeit und Angst besiegen. Und zwar in vielen Fällen besser als so manches tief schürfende Gespräch. Denn Liebe und Zärtlichkeit gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Sie verbinden mit anderen Menschen und schaffen ein Zugehörigkeitsgefühl mit der Welt und dem Leben.

Doch es genügt nicht, dass man seinem Kind einfach nur sagt: "Ich liebe dich." Das muss es vielmehr unmittelbar und am eigenen Leib spüren können. Von klein auf. Der Anthropologe Ashley Montague bezeichnet die Haut als das wichtigste Organ neben dem Gehirn. Liebe erfährt ein Kind vor allem über die Haut, seinem größten Sinnesorgan. Eine fest Umarmung bewirkt, dass Endorphine, Glückshormone, ausgeschüttet werden, die innerhalb kürzester Zeit ihre beruhigende, schmerzstillende und aufheiternde Wirkung tun. Gleichzeitig sinkt das Stresshormon Cortisol. Ein Kind, das verängstigt oder verletzt in den Armen der Mutter Zuflucht sucht, tut also instinktiv das Richtige. Aber durch Umarmungen und Streicheln werden auch Immunfunktionen fester und die fördern die Intelligenz. Streichen und kuscheln stimmt aggressive und hyperaktive Kinder friedlich und traurige Kinder fröhlich. Bei Kindern, die viel geküsst und geknuddelt werden, zeigt sich eine deutlich verstärkte Aktivität in der linken frontalen Hirnhälfte derjenigen, die für Freude und Heiterkeit zuständig ist.

Sicherheit und Selbstvertrauen gewinnen Kinder durch eine feste, verlässliche Beziehung an eine Vertrauensperson. Und dazu gehören unabdingbar die "Zwölf Umarmungen pro Tag", von der die berühmte amerikanische Ärztin und Psychotherapeutin Virginia Satir sagt, dass sie jeder Mensch zum Wachsen und Reifen braucht. Denn Kinder leiden, wenn ihre Eltern nicht zärtlich sein können.

3. Akzeptieren Sie die Clique Ihres Teenagers!

Der Zusammenschluss von Kinder oder Teenagern in der Gang oder Clique hat in fast allen Fällen nichts mit Gewalt zu tun, sondern gehört zu einer normalen Entwicklung eines Heranwachsenden einfach dazu. Nachdem ein Kind gelernt hat, mit Einzelnen Freundschaft zu schließen, so der amerikanische Psychotherapeut Lawrence E. Shapiro, ist die Fähigkeit, sich einer Gruppe anzuschließen der zweite wichtige Pfeiler, auf dem Kinder gesunde soziale Beziehungen aufbauen müssen. Während es in Zweier-Freundschaften vorrangig darum geht, sich mitzuteilen, stärkt die Mitgliedschaft in einer Gruppe das Vertrauen und Zugehörigkeitsgefühl von Kindern. Dabei entwickeln sie meist ein intensives Loyalitätsgefühl, ob die Gruppe nun gemeinsam Fußball spielt oder bastelt. Im Verlauf der Jahre kommt ihr eine ähnlich starke soziale Bedeutung zu wie der Familie.

Nicht umsonst handeln die schönsten Kinderbücher und Filme von Banden: "Die rote Zora", "Der Krieg der Knöpfe", "Emil und die Detektive", "Die kleinen Strolche". Gewiss wird dabei manches verklärt. Doch ebenso gewiss ist, dass Kinder in ihrer Gang Gemeinschaft und Gemeinsinn erleben. Hier haben Kinder Gelegenheit, sich solidarisch und einfühlsam zu verhalten und auch einmal kräftig danebenzuhauen. Denn Kinder lernen Grenzen über Grenzerfahrungen. Dafür brauchen sie Freiräume, wo auch einmal Gemeinheiten möglich sind, wo sie ihrer Lust am Kaputt-Machen und Ärgern, am Bestrafen und Bestraft-Werden nachgeben dürfen, ohne dass es gleich weit reichende Folgen hat. Eltern hingegen müssen akzeptieren, dass in der Gruppe der Gleichaltrigen andere Regeln herrschen als unter Erwachsenen.

Und die Sorge, dass die Gang einen schlechten Einfluss auf die Kinder haben könnte, ist in fast allen Fällen unbegründet. Kinder geraten auf die schiefe Bahn, wenn ihr Elternhaus lieblos, desinteressiert und zerrüttet ist. Im Gegenteil: Oft schützt die Gruppe sogar den Teenager, weil er nicht mehr allein unterwegs ist.

4. Teenager brauchen feste Regeln!

Eine Erziehung ohne Maßstäbe und Grenzen führt zu egoistischem Verhalten. Eine Familie ist ein lebendiger Organismus. Und der braucht zwar einen Schuss Chaos, aber auch Strukturen und Regeln, an die sich alle halten können. Denn nur dann können Kinder auch die wunderbare Kunst des Durchwurstelns und Improvisieresns entwickeln. Ein gewisses Chaos ist ohnehin unvermeidlich, weil Kinder immer im Hier und Jetzt leben. Sie kümmert kein Gestern und kein Morgen, und erst nach vielen Jahren können sie auf Erfahrungen zurück greifen und dann hoffentlich auch vorausblickend planen und handeln. Aber bis es so weit ist, brauchen sie Regeln und Rituale, aber natürlich auch Großzügigkeit, Phantasie und Flexibilität.

Um all das lernen zu können, braucht es allerdings eine Familie mit Rückhalt. Die kanadische Erziehungswissenschaftlerin Barbara Coloroso schreibt: "Die Familie mit Rückhalt ist mit einem Rückgrat vergleichbar, sie ist fest und dennoch flexibel. Sie bietet die nötige Unterstützung, die Kindern ermöglicht, ihr einmaliges und wahres Selbst in vollem Umfang zu erkennen und zu erfahren." Doch dafür müssen Eltern auch ausreichend streng sein. "Gute Eltern geben ihren Kindern nicht alles, was sie wollen, und bringen ihnen Manieren bei." Das hat nicht etwa ein Erwachsener gesagt das ist vielmehr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter Teenagern. Fast 70 Prozent aller Acht- bis 18-Jährigen, so das Ergebnis, wünschen sich Eltern, die Autorität und Vorbildcharakter haben.

Doch das tägliche Zusammenleben braucht Regeln, auch wenn manche von ihnen noch so banal scheinen. Zum Beispiel: Jeder sagt, wenn er nach Hause kommen wird; jeder hat Respekt vor dem Eigentum des anderen; jedes Familienmitglied hat das Recht, eine gewisse Zeit am Tag ungestört zu sein. Nur so werden aus pubertierenden Heranwachsenden stabile Erwachsene mit Humor, Ausdauer und gesundem Menschenverstand.

5. Teenager müssen sich streiten dürfen!

Kinder streiten sich untereinander, sie streiten sich mit ihren Eltern, ihren Geschwistern und mit ihren Lehrern, mit ihren Klassenkameraden und mit ihren Freunden. Das ist normal. Kinder müssen sich streiten. Streit ist für ihre persönliche Entwicklung und Reife ebenso wichtig wie Essen und Trinken und ein regelmäßiger Schulbesuch. Denn niemand kann immer nur lieb und nett sein. Allerdings: Kinder müssen schon lange vor dem Eintritt ins Schulalter gelernt haben, dass sie niemals mit einem Gegenstand schlagen dürfen, dass es verboten ist, jemanden an den Haaren zu reißen oder ihm den Finger in die Augen zu bohren. Doch wenn sich Geschwister streiten, sollten es die Eltern vermeiden, Partei zu ergreifen. Geben Sie lieber bei Streitereien jedem Kind Gelegenheit, seinen Standpunkt vorzutragen. Sagen Sie nichts zu den gegenseitigen Vorwürfen, und regen Sie die Kinder an, selbst eine Lösung für ihr Problem zu finden. Auch wenn ältere Kinder manchmal auf einen Schiedsspruch der Eltern drängen, auf eine Entscheidung, wer im Recht hat und wer im Unrecht ist machen Sie sich nicht zum Richter!

Allerdings sieht es manchmal so aus, als ob einige Kinder und Jugendliche äußerst aggressiv reagieren. Viele Pädagogen sind mittlerweile der Ansicht, dass sich die Konflikte unter Teenagern mehren und weitaus häufiger als früher in einer Form ausgetragen werden, die das Maß des Erträglichen bei weitem überschreiten. Hinzu kommt, dass es im Fernsehen oder Kino kaum noch Filme gibt, in denen es nicht um handfeste Auseinandersetzungen geht. Angesichts dessen lernen Kinder Konfliktfähigkeit und Friedfertigkeit vor allem dann, wenn sie bei ihren Eltern miterleben, dass mal der eine, mal der andere zurück steckt. Dass Mütter und Väter über sich lachen können, nicht nachtragend sind und nicht ständig dem Partner die Verfehlungen der Vergangenheit an den Kopf werfen. Wenn sich Eltern streiten, sollten sie dabei stets fair bleiben, denn ein Kind beobachtet den Streit der Eltern ganz genau. Und bei größeren Auseinandersetzungen gehören Kinder ohnehin vor die Tür. Weil sie nämlich Angst bekommen und bei der anschließenden Versöhnung in der Regel nicht mit von der Partie sind.

6. Bevomunden Sie Ihren Teenager nicht!

Eltern wissen vieles besser als ihre halbwüchsigen Kinder. Aber das ist kein Argument dafür, die Kinder zu bevormunden. Verbote und blinder Gehorsam gehören in die pädagogische Mottenkiste. Alle Menschen haben den grundlegenden Wunsch, sich zumindest in einigen Lebensbereichen als Urheber der eigenen Handlungen zu fühlen und nicht weisungsgemäß, sondern selbstinitiiert zu handeln und das gilt natürlich auch für Teenager. Befehle wie "Lass das!" oder Seufzer wie "So geht das nicht!" beraubt ein Kind dieses Urheber-Erlebnisses. Wenn durch ein lückenloses System von regeln und Geboten die guten Taten vorgeschrieben sind, werden sie auf diese Weise eher gehindert als gefördert. Wenn alles Gute schon vorgeschrieben ist, weichen Jugendliche auf der Suche nach dem Urheber-Erlebnis auf infantiles oder destruktives Verhalten aus. Und: Wenn einem Kind ständig signalisiert wird "Du kannst das nicht", führt das meistens geradewegs in eine Neurose.

Positiv gesprochen, stehen Kinder für ständige Überraschungen und spontane Veränderungen. Negativ gesehen, stehen sie für Chaos und blanke Anarchie. Eltern haben deshalb ein berechtigtes Bedürfnis, mit einer gewissen Regelmäßigkeit mit Normen, Prinzipien und Ritualen Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Doch Kinder wollen sich die Welt selbst aneignen und nicht nur in den ausgetretenen und vorgezeichneten Bahnen der Eltern voranschreiten.

Seinem Kind ein Regelwerk mit auf den Weg zu geben, schadet also nicht. Allerdings darf es nicht zu eng und zu starr sein. Aber angenehme Umgangsformen, eine verständliche Ausdrucksweise sowie die Eindämmung gewisser wildwüchsiger Impulse sollten schon sein. Manchmal müssen Teenager einfach zum Nachdenken angehalten werden: In diesem Alter funktioniert das noch nicht von allein. Deshalb sollten sich Eltern auch dafür interessieren, was ihr Kind für Beweggründe gehabt haben könnte, etwas zu tun. Der beste Weg für Kritik, ohne dass sie bevormundend wirkt: ein kurzes, persönliches Statement. Also nicht: "Das tut man nicht. Wie alt bist du eigentlich?", sondern "Ich mag es nicht, wenn du am Tisch so herum gammelst."

7. Aufklärung: Reden Sie nicht nur über Sex, sondern auch über Gefühle!

Kinder sind heute zwar mit Sicherheit besser aufgeklärt als ihre Großeltern, doch weiter gebracht hat sie das auch nicht. Die Gesellschaft hat Liebe und Sexualität in den vergangenen Jahren gründlich entzaubert; andererseits nehmen Teenager-Schwangerschaften weltweit zu, und die Anzahl der HIV-Infizierten steigt ebenfalls. Damit nicht genug. Mancher Teenager ist durch übergroße sexuelle Toleranz und Freizügigkeit bereits komplett desillusioniert. Natürlich soll die Uhr nicht zurückgedreht werden in Zeiten, wo es hieß, dass Mädchen "einen Ruf zu verlieren haben" oder Jungen "möglichst viele Erfahrungen sammeln sollen". Heute möchten Eltern ihre Kinder so aufklären, dass sie Sexualität und Liebe später einmal als schön und erfüllend erleben. Sie möchten ihm viel Wissen mitgeben, weil das der beste Schutz vor unguten Erfahrungen ist. Aber deswegen muss ein Neunjähriger noch lange nicht genau wissen, was SM bedeutet oder Oralsex ist. Damit kann er nämlich noch gar nicht umgehen.

Eltern sollten mit ihren Kinder wieder mehr von Gefühlen sprechen. Und dürfen auch nicht verschweigen, dass einem bei einer zu frühen oder unguten Erfahrung möglicherweise das Herz gebrochen werden kann. Denn jeden Tag nimmt sich in Deutschland ein Kind bzw. Jugendlicher das Leben. Nicht immer, aber sehr oft aus Liebeskummer. Deshalb müssen Teenager dringend darüber aufgeklärt werden, welche emotionalen Turbulenzen die Liebe auslösen kann. Und dass sich Geborgenheit und Sicherheit, wie sie notwendig wären, um damit zurecht zu kommen, 13- bis 15-Jährige nur in seltenen Fällen gegenseitig geben können.

Trotzdem muss ein Kind natürlich über bestimmte Dinge wie sexuellen Missbrauch Bescheid wissen. Reden Sie zudem öfter als einmal mit Jugendlichen über Verhütungsmittel, den Schutz vor Aids und ähnliches. Denn manches gerät in Teenagerköpfen rasch wieder in Vergessenheit. Und wer Schwierigkeiten hat, über Sexualität zu sprechen, sollte sich an Kinder- und Frauenärzte wenden: Dort gibt es Aufklärungsgespräche.