Zu den drei Meeren: Kanyakumari - am Südkap Indiens

Reisebericht

Zu den drei Meeren: Kanyakumari - am Südkap Indiens

Reisebericht: Zu den drei Meeren: Kanyakumari - am Südkap Indiens

Mit den Göttern und Pilgern ans indische Südkap. Ein heisser Tag auf dem Subkontinent, holprige Strassen, Palmenhaine, Vorbereitung auf die kommenden Tempelfeste, Wahlveranstaltungen und unsere Vorfreude auf das indische Ende der Welt. Sangam, bedeutet auf Sanskrit Zusammenfluss. Hier der drei Meere Golf von Bengalen, indischer Ozean und arabisches Meer. Ob man die verschiedenen Meere wohl sieht?

Am Strand der drei Meere

Lauter, indischer Techno-Pop dröhnt uns bei eisiger Kälte in den Ohren. Ich ziehe meinen Schal fester um meinen Hals und schliesse die Augen. Mein Mann fragt mich nach der Notwendigkeit, das Auto in einen Kühlschrank zu verwandeln? Es ist seine erste Indienreise... Der ruckartige „Stop and Go“ auf der holprigen Hauptstrasse vom Trivandrum (heute Thiruvananthapuram, der längste Städtenamen der Welt, heisst es) nach Kanyakumari, schüttelt unsere Mägen durch.
Unser Tagesausflug ans frühere Cape Comorin ist heiliger Ort, Südkap und Zusammenfluss der drei Meere (in Sanskrit Sangam genannt): Golf von Bengalen, indischer Ozean und Arabische See.
Bis dahin sind es je nach Aufkommen von Lastwagen, Autorikschas, Kühen, Hühnern und Löchern auf den Strassen 2-3 Stunden Fahrt. Unser junger sympathischer Fahrer hält ruckartig an und öffnet die Scheibe. Das vom Leben und der Sonne gezeichnete Gesicht des Mannes hält uns eine Schale ins Auto. „ Auch ein Tika-Zeichen?“ – Ah, ein drittes Auge, ein Punkt auf der Stirn zwischen den Augen aus Sandelholzpaste, was unter anderem die Intuition erhöhen soll. „Ja gerne!“ Darüber wäre ich schon oft froh gewesen, dann hätte ich wohl manchen Unsinn in meinem Leben gelassen.
Nach dem Passieren der „Grenze“ von Kerala nach Tamil Nadu wechseln sich dann riskante Überholmanöver, Hupen und „Löcherhopsen“ ab. Auf dem Armaturenbrett fehlt mir die sonst so häufige Götterfigur Ganesha oder eine Stellvertretung, die für eine heile Fahrt sorgen. Vielleicht ist der Taxibesitzer kein Hindu?

Nach Dörfern in Palmenhainen, überfüllten Städtchen, ersetzen nun hinduistische Tempel und Schreine die christlichen Stätten, die im Bundesstaat Kerala vorherrschen. Die Bevölkerung wirkt hier deutlich ärmer und die Gegend kaum noch touristisch. Als wir vor uns den Streifen Meer unter dem Horizont sehen, mehren sich die Pilger zu Fuss auf dem Weg zum Ende der Welt und zum Memorial von Swami Vivekananda (Mönch, Gelehrter).
Gut gekühlt und reichlich geschüttelt steigen wir aus. Trotz der gefühlten 45 Grad verzichten wir auf die überall - mit uralten und teilweise rostigen Maschinen und Handrädern - gepressten oder aufgeschnittenen fruchtigen „Erfrischungen“. Die Götter haben uns zwar die Mittel in die Hand gegeben, um auf der ganzen Welt zu reisen, nicht aber den passenden Magen dazu...

Die stark vom Tsunami 2004 gebeutelte Stadt Kanyakumari (nach der Göttin Kanya Kumari benannt) wurde in aller Eile wieder aufgebaut, was mit ein Grund sein mag, weshalb man sie kaum als malerisch bezeichnen könnte. Die 40m hohe Statue des Dichters Thiruvalluvar, (die unglaublicher Weise der grossen Welle standhielt), und die täglich badenden, betenden und meditierenden Pilger mit ihrem bunten Sein und Treiben machen alles wieder wett.
Der heilige Ort liegt nicht auf den üblichen Südindientouren der grossen Reiseanbieter, zu wenig für Europäer geeignete Hotels, tosende, gefährliche Brandung und eine teilweise „indischere“ Strecke, um einen Abstecher zu machen. Tatsächlich kommt uns hier während des ganzen Tages ein einziges Hippie-Pärchen entgegen, deren mit Henna gefärbten Haare knapp aus den wunderschönen Farben der Saris und Dupattas (Schals) herausschauen.
Vor uns breitet sich lebendiges Leben der Religion aus: Familien, Pilger, Kinder, Shiva’s Dreizacke im Sand, Stände und Kioske mit Spielzeug, Lebensmittel, Souvenirs und Devotionalien. Aus dem ganzen Land strömen sie hierher und erwarten oft zusammen den Sonnenauf- oder auch Sonnenuntergang. Das Meer ist kraftvoll und blendet glitzernd in der Mittagssonne. Die Macht der Natur ist beängstigend, die Menschenmenge und der von Sehnsüchten und Hoffnungen aufgeladene Ort beeindruckend. Die zusammen badenden Frauen und Kinder, in Kleidern im Meer sitzend, lachen und geben ein exotisches Bild ab. Die Männer verweilen mit ihren Freunden und Verwandten in Dhotis, Lunghis oder Jeans und mit schützenden Tüchern vor der sengenden Sonne auf dem Kopf.
Bevor wir uns im Schlangenstehen üben, finde ich noch einen grossen und schweren Ganesha, verstaubt und voller Sand. „Rosewood“ – da bin ich mir nun nicht ganz sicher, da alle Arten Holz oft lakonisch mit dem wertvollen „Rosewood“ bezeichnet werden. Aber dieser Sohn Shivas ist genau, was auf jeder Indienreise kurz vor dem Rückflug noch Jagdfieber in mir auslöst. Das nimmt jetzt ein glückliches Ende. Sofort nimmt sich unser Driver dem indischen Lieblingsgott an und trägt ihn den ganzen Tag. Wir scheinen jetzt schon am Ende unserer Kräfte zu sein (offenbar sehen wir so aus) , nehmen aber seine Hilfe dankbar an.
Auf Tuchfühlung und in voller Mittagshitze stehen wir mit Hunderten von Pilgern in der Warteschlange, um die kurze Boots-Überfahrt zum Memorial zu machen. Wir werden teilweise verstohlen beobachtet, teilweise unverhohlen angestarrt. Wir sind „Goras“ also Weisse. Inder haben keine Hemmungen und sind oft sehr neugierig. „Bist du Christ?“ fragt mich unser Fahrer. Dieser wunderschöne smaragdgrüne Sari mit den Tausenden aufgestickten Perlen vor mir zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. „Ich heisse Thomas Manuel!“ Er ist sehr stolz und ich irritiert. „Ich bin Christ und mein Name christlich!“ – Es beschämt mich, dass ich so unsensibel und unaufmerksam war. Zusammengehörigkeit ist für uns Mitteleuropäer eher peinlich, trotz unseren ständigen Bemühungen dazu zu gehören, mit Autos, It- Bags, Smartphones. Customizing, personalising, Selfness...
„Wie schön“ stammle ich hilflos und denke daran, dass ich nicht mehr Christin bin. „Ja, ich bin sehr stolz auf diesen Namen!“ sagt Thomas Manuel und lächelt. – Deswegen keine Götter im Auto denke ich.

Kurz vor dem Boot beginnt das Stossen, Rangeln und Kreischen. So sanftmütig die Menschen hier sind, so schnell kann die Menge ihre eigenen Gesetzmässigkeiten entwickeln. Bei über einer Milliarde Menschen erkämpft sich jeder täglich sein Stückchen Leben, sei es ein Stuhl, einen Platz beim Arzt oder sein Wasser.
Hier oben weht ein warmer und kräftiger Wind, die Menge strömt auseinander und jeder sucht seine Bestimmung hier. Mahatma Gandhi hat sie gefunden, seine Asche treibt hier im Meer.
Das Denkmal Swami Vivekanandas, dem Mönch, Gelehrten und Reformer, flüstert seine Worte in den Wind: „Es gibt so viele Ideale. Meine Pflicht sollte sein, vor dir die Ideale, die ich kenne, auszubreiten und es dir zu ermöglichen, für deine Wesensnatur das Beste herauszufinden. Nimm, was am besten zu dir passt und beharre darauf. Das ist dein erwähltes Ideal.“

Die Aussicht ist wunderbar, unsere Augen suchen „Sangam“, die ineinander fliessenden Meere. Und da ist es wieder, das Gefühl, dass hier in Indien immer wieder aufwallt:
Du bist ein Sandkorn, ein wichtiges, aber eben ein Sandkorn. Nimm nicht alles so wichtig und ernst, und mehr Zusammengehörigkeit und nicht nur Selfness, hätte in deinem Leben noch Platz....
Für die Rückfahrt hat mir meine Hindilehrerin den berühmten Suchindram-Tempel ans Herz gelegt. Wir betrachten ihn, ohne auszusteigen. Wir sind durch Fahrt, Hitze und Erlebnisse wie ein Tank voll gefüllt und nicht mehr aufnahmefähig.
Bei der stockenden Durchfahrt einer Stadt knallt es dann doch, Stossstange an Stossstange, nichts Dramatisches. Aber sofort kommt mir die Warnung in den Sinn, bei Unfällen und Ansammlungen sofort auszusteigen, da die Stimmung der umstehenden Menschen schnell kippen kann. Es ist ausser einer „Druckstelle“ nichts passiert. Thomas bleibt ruhig. Ich denke an Ganesha auf den Armaturenbrettern indischer Taxis. Es gibt keine zusammenlaufende Menschenmenge.
In dieser Nacht schlafen wir tief, ohne Abendessen. Wir sind zufrieden und unendlich müde.

Bahut danyawhad, herzlichen Dank!



Zusammenfluss der indischen Meere






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Kommentare

  • shootingstar

    Bin im Februar 2014 mit dem Zug in aller Frühe in Kanyakumari angekommen und finde es jetzt sehr interessant zu lesen, wie das für dich war. Als ich dort eintraf war das Wetter gut und trotzdem war es super windig unten am Wasser und die Fähre schaukelte gefährlich in den Wellen, so dass ich mich entschloss, erst am nächsten Tag zu fahren. Vivekananda würde warten auf uns ; ) Dass da 3 Meere aufeinander treffen, konnte man rein optisch nicht erkennen. Bemerkenswert, welche Pilgerströme dort täglich eintreffen und wie gut das ganze vor Ort organisiert wird, diese Menschenmengen auf das kleine Inselchen zu befördern.
    LG Claudia

  • kellerey

    Danke für Deinen Kommentar. Es ist schön, austauschen zu können! Bis zum nächsten Mal, alles Guten... Iris

  • Blula

    Ein Reisebericht... mal ganz anderer Art. Es hat mir sehr gefallen, wie Du hier Deine Eindrücke und Empfindungen schilderst. Habe ich mit großem Interesse gelesen.
    LG Ursula

  • sandrella2706

    Hallo, ich war 2009 im Rahmen eines Tagestrips in Kanyakumari. Wir kamen aus Kovalam und waren ziemlich gebeutelt vom Spätmonsun- dennoch möchte ich den Trip nicht missen. Wer kann schon sagen, die Südspitze Indiens zu kennen ? LG Sandra

  • u18y9s26

    Du schreibst in einer Art, die Begeisterung und Empathie für die indische Lebensart greifbar macht. Danke für den Lesegenuss!
    LG Ursula, die sich erst langsam dem indischen Kontinent nähert.

  • kellerey

    Danke Dir Ursula für Dein Kompliment! GLG Iris

  • sandrella2706

    @Ursula-Indien ist wundervoll.

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  • INTERTOURIST

    Sehr viele Reiseberichte handeln von den täglichen Belanglosigkeiten ein oder mehrerer Möchtegernabenteurer. Schwer zu lesen, selten wirklich neuer Content, noch seltener das was man in einer GEO-RC erwartet.
    Ganz anders Dein Bericht. Statt einer total langweiligen Aneinanderreihung von Reisetagen, garniert mit überall nachlesbaren geschichtlichen Fakten nimmst Du mich an die Hand.
    Du nimmst mich an die Hand und zeigst mir DEIN Indien. Es ist ein buntes wimmelndes Indien, interessant sowieso immer und überall. Vor allem aber ist es ein Teil Indiens von dem ich nichts wusste, von dem ich dachte, was da unten wohl ist? Wie es da wohl ist? Und nun kenne ich jemanden der dort war und wie selten jemand anders davon berichtet hat.
    Ich habe nichts vermisst. Den Schmutz und die Kloaken nicht. Die Kontraste und Wiedersprüche in der Gesellschaft nicht.
    In einem bin ich mir aber sicher - wir Europäer können so oft nach Indien reisen wie wir wollen, wir werden die Komplexität aus Tradition, Kultur, Glauben und Kastensystem nie ganz verstehen.

    Danke für diesen herausragend geschriebenen Bericht
    Danke für diesen 5 Sterne Ausflug (Merkzettel)

    viele Grüße
    Jörg M. Seifert

  • ursuvo

    das war wirklich mal wieder ein total interessanter Bericht!
    Wir haben in diesem Jahr die Südspitze nur überflogen - die Landschaft dort unten sah so interessant aus.........und jetzt freue ich mich, dass Du diesen schönen Bericht hier zeigst und ich so eine kleine Ahnung bekommen habe was "da unten" so alles ist. Danke!
    Viele Grüße - Ursula

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