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Sprachwissenschaft: Wörter mit "wanderlust"

Deutsche exportieren und reisen gerne. Das gilt auch für die Sprache. Deutsche Wörter sind Grenz- und Fremdgänger, wandern aus – und bleiben verwandelt in der Ferne
In diesem Artikel
Ein buterbrod in Russland gefällig? Oder doch lieber ein malzbier in Südamerika?

Als der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut vor zwei Jahren in ihrer internationalen Ausschreibung "Wörterwanderung" nach deutschen Wort-Auswanderern ins Ausland fahnden ließen, kamen 6000 Zuschriften, von Russland bis nach Südafrika. Die shupuuru (japanisch für "Spur") der dem Deutschen entlehnten Wörter mit wanderlust (US-Englisch) ist weit verzweigt, mal einfach, mal schwer zu ergründen und führt in nahezu alle Winkel unseres Planten.

Ein buterbrod in Russland gefällig? Oder doch lieber ein malzbier in Südamerika?

Wir können fahrvergnuegen und schadenfreude auf einer autobahn in Australien empfinden oder halbkaputti vor Hitze am banop ("Bahnhof") in Kamerun ankommen, wir essen quark in Brasilien, kuchen in Chile oder eben ein buterbrod (fast immer ohne Butter!) in einem der marschrutka genannten Sammeltaxen in Russland. Bekanntlich ist die deutsche bratwurst schon um die halbe Welt gegangen, als Speise und als Wort. Malzbier lässt sich in Südamerika vielleicht sogar in bierstuben trinken, Wein in Frankreich nahezu überall genießen – aber warum dem kulinarisch feinsinnigen Nachbarn nicht auch mal einen schnaps anbieten? Höchstwahrscheinlich verstünde er das Angebot.

Die unsichtbare Hand des Sprachwandels

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Wohin des Worts? Schon immer sind "fremde" Wörter ins Deutsche eingewandert – und immer schon wanderten deutsche Wörter aus

Gemuetlichkeit könnte in Amerika beispielsweise beim kaffeeklatsching über die ahnenreihe entstehen, derweil in Finnland die kaffepaussi/ kahvipaussi ("Kaffeepause") angesagt ist – zum Beispiel in einem Bus in Turku, dessen automatisierte Anzeige bei einem längeren Stopp statt eines Fahrtzieles genau dieses Wort aufleuchten ließ. Noiroozen ("Neurosen") stellen sich nicht nur, aber sprachlich in dieser Form ausschließlich in Japan ein, etwa bei pausenloser arubeito ("Arbeit"). Die unsichtbare Hand des Sprachwandels, wie es der Germanist Rudi Keller nennt, hat hier ganze Arbeit geleistet. Denn meist ist ja nicht zu ergründen, wer das deutsche Wort als erster ins Land gebracht hat: War es ein Handwerker auf der Walz oder ein viel fliegender Börsianer? Reiste es per Mail in die Ferne oder schnappte es ein junger New Yorker Zeitungsreporter auf, als er mit seiner Urgroßmutter aus Schwaben telefonierte?

Deutsche Wörter sind präzise – und vielleicht gerade dadurch so attraktiv

Lehnwörter aus anderen Idiomen existieren in nahezu jeder Sprache. Sie sind das Ergebnis eines Sprachkontakts, bei dem ein Wort von einer Gebersprache in eine Nehmersprache übernommen wird. Dabei muss die Gebersprache nicht die Ursprungssprache sein, sondern kann auch lediglich als Vermittlerin wirken. Während Flexion, Lautung und Schreibung von Lehnwörtern in der Regel an den Sprachgebrauch der Nehmersprache angeglichen werden, findet dieser Anpassungsprozess bei Fremdwörtern nicht oder nur in geringerem Maße statt. Die Übergänge sind oft fließend: So nimmt das "Fenster" heute niemand mehr als Fremdwort wahr, das es ursprünglich gewesen ist (vom lateinischen fenestra).

"Reine" Sprachen sind reine Illusion

Auch das Deutsche übernimmt laufend Begriffe aus anderen Sprachen und gestaltet sie grammatisch um: Man downloaded und hat dann schnell auch mal gedownloaded – existiert die Bildung des Partizip Perfekts mit dem Präfix ge- im Englischen ja gar nicht. Nochmals 3500 Einsendungen erreichten den Deutschen Sprachrat bei seiner diesjährigen Ausschreibung "Eingewanderte Wörter", über 3000 neue Wörter hat der Duden in seiner aktuellen Ausgabe aufgenommen. Ein normaler Vorgang, denn jede Sprache wimmelt nur so von Wörtern mit Emigrationshintergrund, die dann meist erstaunlich gut integriert werden. Diese Tatsache steht der panikartigen Angst mancher Sprachpuristen vor Überfremdung entgegen. Schließlich sind "reine", also von anderen Idiomen unbeeinflusste Sprachen vor allem eines: reine Illusion.

Manche Wörter sind gut für Neues – und fürs Klischee

Manchmal sind Germanismen einfach praktisch, weil für sie in der jeweiligen Landessprache keine oder keine so griffige Benennung existiert. So hat sich der Auto-Wischer deshalb ins Hebräische eingeschlichen, weil es dafür kein biblisches Wort gibt – es müsste wie so vieles andere im modernen Hebräisch (Ivrith) erst noch erfunden werden. Deshalb übernahm man in Israel den technischen Begriff aus dem Deutschen und passte ihn, wie in solchen Fällen üblich, den grammatischen Grundregeln an: wischerim heißt entsprechend der Plural.

"Das Deutsche ist knapp, sehr bildreich und zugleich logisch", schwärmt der Brite Adam Jacot de Boinod. Der Wortsammler muss es wissen, sucht er doch seit Jahren nach Fremd-Wörtern im Internet und Lexika – teilweise in bis zu 280 Sprachen. Für ihn ist es gerade die inhaltliche Präzision, die manche deutschen Wörter so attraktiv für nicht-deutsche Sprecher macht: Torschlusspanik, Urlaubsmuffel oder – Jacot de Boinods persönlicher Favorit – Drachenfutter. Ursprünglich war das Kompositum Drachenfutter im Deutschland des letzten Jahrhunderts eine Bezeichnung für Rosen, die zechende Ehemänner bei Blumenverkäuferinnen in den Wirtsstuben kauften, um ihre daheim wartenden grimmigen Ehefrauen zu besänftigen. Als Versöhnungsgeschenk schuldbewusster Männer für ihre Gattinnen gelangte dieser Begriff dann bis nach Amerika.

Weltschmerz hin oder her: Wir können auch loustic sein

Ein weiterer Grund für deutsche Wörter auf Wanderschaft liegt in der Natur der Sache: Positive wie negative Stereotypen über Deutschland und die Deutschen lassen sich eben besonders gut mit deutschen Begriffen einfassen. Wir alle kennen die Krauts aus britischen oder amerikanischen Kriegsfilmen. Eine angeblich landesweite Vorliebe für das auch Sauerkohl genannte Gemüse stand hier Pate, um die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu benennen.

Die German angst im englischen Sprachraum sollte wohl ursprünglich einen typisch deutschen Hang zu Weltuntergangsstimmung und Gemütsbeklemmung kennzeichnen, beispielsweise angesichts des waldsterbens. Der deutsche Wald steht immer noch und angst im Englischen mittlerweile auch ohne Herkunftsangabe fast gleichberechtigt neben "anxiety" oder "fear". Das ist auch gut so, denn wenigstens den Franzosen ist bekannt: Deutsche können auch loustic sein. Weltschmerz hin oder her.