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Geburt der Hanse Das Reich der Kaufleute

Vom späten 12. Jahrhundert ab an steigt die Hanse zu einer wirtschaftlichen Großmacht auf, vor der sich sogar Fürsten und Könige fürchten
Das Reich der Kaufleute

Lübeck ist die mächtigste aller Hansestädte. Ihren Wohlstand schützt sie mit Befestigungen wie dem Holstentor, auf dem 30 Kanonen stehen

Die Karriere der Hanse ist eines der ungewöhnlichsten Phänomene der Wirtschaftsgeschichte: Binnen weniger Generationen entsteht vom späten 12. Jahrhundert an aus losen Zusammenschlüssen niederdeutscher Kaufleute ein Handelsimperium, das Nordeuropas Warenverkehr über Jahrhunderte dominiert. Eine Macht, die die Ökonomie des Kontinents tief greifend verändert und eine eng vernetzte Warenwelt hervorbringt – und die dennoch in vielem so flüchtig bleibt wie ein Phantom.

Sicher ist: Das Fernhandelsnetz dieses Bundes, gebildet von zeitweise mehr als 200 Städten, verbindet viele kleine, isolierte Märkte zu einem großen, zusammenhängenden Wirtschaftsraum. Daneben fördert die Hanse auch die Spezialisierung einzelner Regionen: So bringen die Spediteure jener Zeit Tausende Tonnen englische Wolle und Asche aus Riga (zum Färben benötigt) nach Flandern. Ohne diese Warenlieferungen könnte die dortige Textilindustrie um 1340 nicht über zwei Millionen Meter Tuch pro Jahr herstellen.

Doch obwohl die Hanse so die europäische Wirtschaft modernisiert, ist sie als Organisation nur schwer zu greifen. Es gibt kein Gründungsdokument und keine Charta. Die Hanse führt im Namen ihrer Mitgliedsstädte zwar schon bald Kriege wie eine Großmacht, aber sie hat weder eine Flotte noch ein Heer noch eine gemeinsame Regierung. Schiffe, Soldaten,  Verhandlungsführer stellen die Städte bei Bedarf bereit – freiwillig, weil es ihrem jeweiligen Interesse entspricht. Historiker werden die Hanse daher als „handelspolitisches Eventualbündnis“ charakterisieren: als eine Allianz, die nur dann als Einheit agiert, wenn gemeinsame Anliegen bedroht sind.

Die Belebung des Handels setzt bereits im 11. Jahrhundert ein, als Nordeuropas Bevölkerungszahl rapide zu wachsen beginnt, damit auch die Nachfrage nach Waren aller Art zunimmt und überregionaler Handel erstmals seit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 wieder zu einem lohnenden Geschäft wird. Immer mehr Kaufleute sind nun zu Land und zur See unterwegs. Und sie schließen sich auf ihren Reisen zu Bündnissen zusammen: als Schutz vor Überfällen; um auf den ausländischen Märkten gemeinsam höhere Preise durchzusetzen; um die Kosten zu reduzieren; und um fremden Herrschern, die begierig sind nach Luxusgütern aus der Ferne, Zollvergünstigungen und manchmal sogar Handelsmonopole abzutrotzen.

Bald schon entstehen Bündnisse („Hansen“) von Kaufleuten aus mehreren Handelsstädten, die ähnliche Interessen haben. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts assoziieren sich dann die Städte selbst. Darunter befinden sich Metropolen wie Köln und Lübeck, aber auch unbekanntere Orte wie das pommersche Stolp oder das livländische Kokenhusen. Immer wieder sind es dabei Krisen, die die Handelsstädte in verschiedenen Regionen zu einem koordinierten Vorgehen zwingen, sie enger zusammenschweißen – und schließlich aus den vielen Bündnissen eine deutsche Hanse werden lassen. So zieht die Allianz beispielsweise 1368 geschlossen in den Krieg, als der Dänenkönig Waldemar massiv ihren Handel bedroht, und besiegt den Monarchen.

Aber auch auf dem Höhepunkt seiner Macht um 1400 hat das Bündnis keine feste Organisation, keine Satzung, keine gemeinsame Kasse, kein Siegel, beruht weiterhin auf Freiwilligkeit. Und als nach 1500 eine neue Kaufmannsgeneration die Handelshäuser übernimmt, hat sich der Bund, so scheint es, als Gemeinschaft überlebt: Denn während junge, risikobereite Händler neue Märkte erschließen (etwa die Iberische Halbinsel und Island) und neue lukrative Handelsgüter wie Zucker und exotische Hölzer entdecken, bleiben andere auf die alten Hansestützpunkte fixiert, obwohl die meisten kaum mehr profitabel sind. Die nun unterschiedlichen Interessen der Händler legen den Keim für den Abstieg der Hanse. Der vollzieht sich wie ihr Aufstieg über Jahrhunderte – und ist ebenso schwer greifbar: Keine Urkunde dokumentiert das Ende der Hanse, und ebenso wenig präzise wie ihre Gründung ist ihr Schlusspunkt zu bestimmen. Denn auch nach dem letzten Hansetag im Jahr 1669, auf dem sich Abgesandte von nur sechs Städten versammeln, bleiben Teile der Allianz lebendig. Und so wird die hanseatische Gesandtschaft, welche die Städte Bremen, Hamburg und Lübeck gemeinsam in Berlin unterhalten, erst am 30. Juni 1920 aufgelöst.