GEO: Frau Siegert, in Ihren Tiktok-Videos klären Sie über Themen wie Holocaust und Nationalsozialismus auf. Ihr Profil trägt den Namen "keine.erinnerungskultur". Warum?
Susanne Siegert: Als ich 2022 mein erstes Video hoch lud, brauchte ich spontan einen Namen. Wenige Tage zuvor hatte ich einen Podcast gehört, in dem Jens-Christian Wagner, der Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, gesagt hat, dass der Appell "Erinnert euch!" nicht richtig ist. Auch der Begriff Erinnerungskultur ist unpassend. Menschen können sich eigentlich nur daran erinnern, was sie persönlich erlebt haben. Wir haben den Nationalsozialismus nicht persönlich erlebt, deshalb können wir an die NS-Zeit und die NS-Verbrechen im eigentlichen Sinne nicht erinnern. Auf diesen Gedanken verweist mein Profilname. Aber es gibt ganz andere Auslegungen von diesem Begriff.
Welche?
Eine etwas breitere Auslegung wäre das kulturelle Gedächtnis, das nicht nur durch eigene Erinnerungen geprägt ist, sondern auch durch Erzählungen, Bücher und andere Medien. Aber mir geht es gar nicht um diese Begriffsarbeit.
Worum geht es Ihnen dann?
Es geht mir darum, die bevorstehende Zäsur zu markieren. Unsere aktuelle Erinnerungskultur ist geprägt von den Überlebenden und ihren Lebensgeschichten – sie breiten ihre Erinnerungen an die NS-Verbrechen vor uns aus. Für uns Nachgeborene ist das ein passiver Prozess des Annehmens. Aber was machen wir, wenn es bald keine lebenden Überlebenden mehr gibt? Wenn es keine Überlebenden mehr gibt, müssen wir Nachgeborene aktiver werden. Deshalb kann man vielleicht von Gedenkarbeit sprechen. Denn der Begriff kennzeichnet, dass es für uns alle Arbeit wird.
Das "Gedenken neu denken" ist Titel und Thema Ihres Buches. Darin beschäftigen Sie sich mit der Frage, wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Was genau ist Ihre These?
Gedenken neu zu denken, bedeutet für mich, alle Menschen individuell einzuschließen. Ich appelliere an jede und jeden Einzelnen, sich als Akteurin und Akteur vom Gedenken mitzudenken, unabhängig davon, wie der eigene familiäre Hintergrund aussieht. Gedenken ist eine private Beschäftigung. Mein Ziel ist, dass die Menschen sich mit dem Thema beschäftigen: dass sie bei der nächsten Gedenkveranstaltung teilnehmen oder auf Instagram sehen, was zu einem Gedenktag gepostet wird, dass sie beginnen, darüber nachzudenken, warum, von wem, was wie gesagt und was nicht gesagt wird. Mir geht es um die persönliche, private Beschäftigung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten. Denn damit hat es bei mir auch angefangen.
Mit welcher persönlichen Geschichte haben Sie sich beschäftigt?
Ich habe mich mit einem ehemaligen Tatort in meiner Heimatregion und einer Familiengeschichte beschäftigt: Ich bin im Landkreis Altötting in Südostoberbayern in der Nähe der österreichischen Grenze aufgewachsen. Im Nachbarlandkreis Mühldorf am Inn gab es ein ehemaliges Außenlager von Dachau. 8000 Häftlinge wurden ins KZ-Außenlager Mühldorfer Hart verschleppt, um in Zwangsarbeit eine unterirdische Flugzeugfabrik zu bauen. Doch in der Schule habe ich von diesem Ort nie etwas gehört. Als ich das erste Mal gehört habe, dass das ehemalige Lagergelände sich nur ungefähr 20 Kilometer entfernt von meinem Elternhaus befindet, war ich erstaunt. Vor sechs Jahren, damals war ich 27, habe ich mir zum ersten Mal das Gelände des Außenlagers vor Ort angeschaut. Für mich war es ein schockierender Moment.
Was hat Sie damals so bewegt?
Ich hatte wenige Wochen zuvor die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Ich dachte, ich bin fast 30 und war noch nie in diesem ehemaligen Lager im Nachbarlandkreis, bin aber sogar in ein anderes Land gefahren, um mir das Auschwitz-Memorial anzuschauen. Ich habe in dem Moment gemerkt, dass ich etwas nachholen muss. Das habe ich getan und viel dabei gelernt. Ich habe die Geschichte des Außenlagers recherchiert und sie dann erst auf Instagram und später auch auf Tiktok gepostet.
Seitdem veröffentlichen Sie Videos, in denen Sie NS-Verbrechen erklären. Wie funktioniert "Holocaust Education" auf Tiktok?
Wenn man zwischen Tanzvideos und Schminktipps mit einem Thema wie dem Holocaust konfrontiert wird, kann es erst einmal ein leichtes Störgefühl geben. Die Person hält vermutlich kurz inne und fragt sich, warum ihr ein Holocaust-Video auf Tiktok angezeigt wird. Es gibt aber mittlerweile viele Inhalte in den sozialen Medien, die politisch bilden. Ich schaue mir an, welche Inhalte andere Content-Creatorinnen und -Creator zu anderen Themen produzieren. Deshalb wirken meine Videos vielleicht thematisch als Fremdkörper, aber nicht optisch. Das ist mein Geheimnis.
Heute folgen Ihrem Account mehr als 200.000 Menschen. Wie schaffen Sie es, mit einem so schwierigen Thema so viele zu erreichen?
In meinen Videos picke ich mir einen kleinen Teilaspekt heraus, den ich erkläre, zum Beispiel: SS-Wachhunde in Lagern, Menstruation bei weiblichen Gefangenen oder Holzschuhe als Mittel, die Häftlinge zu quälen. Oft beginne ich damit, dass ich etwas selbst nicht gewusst habe, und dann erkläre ich, was ich bei meiner Recherche lernen konnte. Dabei ist die Ansprache wichtig: Ich rede die Menschen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger an. Ich versuche, meine Followerinnen und Follower auf Augenhöhe anzusprechen, und biete Raum für Fragen. Ich möchte keine Klassenzimmeratmosphäre, in der sich die Menschen nicht trauen oder sich schämen, Fragen zu stellen. Begriffe wie Euthanasie oder Partisanen setze ich nicht voraus. Ich erkläre niedrigschwellig. Zudem geht es darum, Themen aus der Lebenswelt der Menschen aufzugreifen. Ich versuche, die Fragen aus meiner Community ernst zu nehmen und greife sie in meinen Videos immer mal wieder auf. Oft sind Fragen dabei, die auch mich verwundern.
Welche zum Beispiel?
Mir wird oft die Frage gestellt, wie es sein kann, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden, weil doch gar nicht so viele jüdische Menschen damals in Deutschland gelebt hätten. Einige Menschen wissen heute nicht, dass nicht nur deutsche Jüdinnen und Juden, sondern auch jüdische Menschen aus Polen, den Niederlanden und der heutigen Ukraine ermordet wurden. Ich merke, dass dahinter oft Fragen stecken, die Schülerinnen und Schüler im Unterricht nicht stellen können oder wollen, weil sie sich schämen oder sich nicht trauen, eine vermeintlich dumme Frage zu äußern. Daraus entsteht falsches oder fehlerhaftes Wissen bis hin zur Verschwörungstheorie. Ich sehe mich als ein Korrektiv – aber auf Augenhöhe.
Wie korrigieren Sie diese Annahmen?
Wenn es gerade einen Trend auf Tiktok gibt, versuche ich den in meinen Inhalten aufzugreifen, nicht um jeden Preis, aber wenn es passt. Als Point-of-View-Videos zu historischen Themen trendeten, habe ich ein Video gemacht zu "POV: You wake up in Auschwitz".
Darin stelle ich Dinge richtig, die in diesen Point-of-View-Videos falsch dargestellt wurden. Dabei arbeite ich immer mit Originalquellen, zum Beispiel aus dem Arolsen Archives, der Online-Sammlung des "United States Holocaust Memorial Museums" oder den Datenbanken von Yad Vashem, dem "World Holocaust Remembrance Center" in Israel. Das sind öffentlich zugängliche Datenbanken für Originaldokumente, aus den NS-Lagern oder von den Gerichtsprozessen in der Nachkriegszeit, in denen man Hinweise zu Verbrechen, zu Tätern und zu den Opfern findet. Für mich ist es wichtig, diese Primärquelle zu zeigen, denn das sind eindeutige Beweise.
Zu Ihren Followern gehören viele junge Menschen. Ab welchem Alter sollte Kindern und Jugendlichen das Thema Holocaust überhaupt erst nähergebracht werden?
Ich bin keine Pädagogin oder Geschichtsdidaktin, deshalb habe ich darfür keine pauschale Empfehlung. Wenn mich eine Person fragt, ob sie ihr Kind zu einer Lesung oder einer Gedenkveranstaltung mitnehmen kann, sage ich meistens, dass die Person ihr eigenes Kind am besten einschätzen kann. Es gibt wahrscheinlich nicht das eine Alter, das für alle Kinder richtig ist. Es ist unterschiedlich, ab wann Kinder vielleicht selbst das Bedürfnis haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Fragen zu stellen. Ich habe großen Respekt vor den Menschen, die Kindern vor Ort und im direkten Austausch das Thema Holocaust vermitteln. Ich komme nicht in die Situation, dass mir Kinder im Schulunterricht eine Frage stellen, auf die ich vielleicht erst einmal keine Antwort finde. Das ist mein Vorteil. Ich kann meine Antworten in Ruhe erarbeiten.
Eine internationale Umfrage unter 18- bis 25-Jährigen hat gezeigt, dass etwa 40 Prozent von ihnen nicht wissen, dass sechs Millionen Jüdinnen und Juden getötet wurden. Jeder fünfte junge Mensch kennt der Umfrage zufolge kein einziges Konzentrationslager mit Namen. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?
Es ist eine traurige Realität, dass manche Menschen nicht wissen, was Auschwitz war. Ich finde die Ergebnisse zwar teilweise schockierend. Aber mir stößt vor allem bei der Berichterstattung über diese Umfrage auf, dass die Ergebnisse zum Satz "Unsere Jugend ist so dumm" verkürzt werden. So ist es nicht. Es sollte nicht das Ziel sein, dass man alle NS-Lager und ihre korrekten Jahreszahlen chronologisch aufzählen kann.
Inwiefern versuchen Sie, diese Wissenslücke mit Ihren Inhalten zu füllen?
Es ist nicht allein meine Aufgabe, dagegen anzusteuern. Das ist eine Arbeit, die Hand in Hand von verschiedenen Bildungseinrichtungen wie Schulen und Gedenkstätten getragen werden sollte.
Bedarf es neben der Schule weiterer Bildungsangebote über den Holocaust?
Auf Plattformen wie Tiktok und Instagram verbringen viele – nicht nur junge – Menschen, sehr viel Zeit. Es ist doch nur eine logische Konsequenz, dass die Bildungseinrichtungen auch online präsent sein sollten – das sind aber leider die wenigsten. Da gibt es Nachholbedarf, denn dort erreicht man heutzutage die jungen Menschen. Eine gute und vor allem niedrigschwellige Strategie für Social Media fehlt vielen Bildungseinrichtungen.
Die deutschen Gedenkstätten haben vergangene Woche in einem offenen Brief ein konsequentes Vorgehen gegen KI-generierte Inhalte auf Social-Media-Plattformen gefordert. Das verzerre die Geschichte. Inwiefern sehen Sie in KI-Bildern eine Gefahr?
Ich halte die KI-generierten Bilder für sehr gefährlich. Früher haben wir vielleicht noch über unsere Oma gelacht, die auf derartige Inhalte hereingefallen ist. Aber mittlerweile sind die KI-Bilder so täuschend echt und realistisch gestaltet, dass auch ich teilweise darauf hereinfalle und das nicht mehr unterscheiden kann.
Eine Forderung der Gedenkstätten ist, die KI-Inhalte ausnahmslos zu kennzeichnen und bei Verstößen gegen diese Kennzeichnungspflicht den Inhalt zu entfernen. Für wie realistisch halten Sie das?
KI-generierte Inhalte sind ein generelles Problem. Auch KI-Darstellungen zu tagesaktuellen Themen sollten markiert und als solche benannt werden. Markierungen könnten helfen. Ob die Kennzeichnungspflicht in Zukunft auch umgesetzt wird, da bin ich pessimistisch. Aber oft treffen die KI-generierten Inhalte einen Nerv.
Was meinen Sie damit?
Oft wird ausgeblendet, dass Posts mit KI-generierten Inhalten eine enorme Resonanz bekommen: Tausende kommentieren darunter. Das zeigt: Sehr viele interessieren sich für das Thema. Da gibt es Austauschbedarf, diese Bilder bewegen die Menschen, sie lösen etwas in ihnen aus. Egal, ob sie direkt erkennen, dass es sich um ein KI-generiertes Bild handelt oder nicht. Es wird viel nachgefragt, und es besteht Lernbedarf. Auf dieses Interesse sollte man eingehen.
Wie?
Vielleicht kann man dem etwas entgegensetzen, indem man eigene Accounts und Inhalte schafft. Das würde ich mir von jenen Institutionen wünschen, die diesen offenen Brief unterschrieben haben. Es ist eigentlich ihre Aufgabe. Aber viele Gedenkstätten haben keinen Account, um den KI-generierten Inhalten etwas Eigenes entgegenzustellen.
Würden Sie also empfehlen, KI-generierte Inhalte in der Vermittlung von NS-Verbrechen zu nutzen?
Ich bin unsicher, ob Content-Creatorinnen und -Creator in Zukunft KI nutzen sollen. Wenn ein KI-Avatar von Anne Frank die Menschen direkt anspricht und ihre Geschichte erzählt, also sagt: "Ich bin Anne Frank, und ich wurde ermordet", hat das für mich einfach einen Beigeschmack. Es gibt genug Bilder und Dokumente, die man zeigen kann. Da muss man nicht auf KI zurückgreifen.
In einer Zukunft, in der KI eine immer größere Rolle spielt und es keine Überlebenden mehr gibt, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten können, wie kann die Erinnerung an den Holocaust und andere NS-Verbrechen "unverfälscht" bleiben?
Wenn es bald keine Überlebenden mehr gibt, bleibt uns das, was sie gesagt, geschrieben oder gemacht haben: Diese autobiografischen Quellen bleiben uns erhalten; Bücher, Filme, Videointerviews oder Podcasts, die wir weiterhin nutzen können. Aber wenn ihre Präsenz und ihre unmittelbaren Appelle wegfallen, müssen wir selbst auf das Gedenken drängen. Wir schulden es ihnen, die NS-Verbrechen zu erinnern.