Am 21. Januar 1976 beginnt ein neues Kapitel für die Luftfahrt, denn das Ultraschallflugzeug vom Typ Concorde nimmt den Betrieb auf. An jenem Mittwochvormittag starten gleich zwei Jets in Paris und London mehr oder weniger zeitgleich zu einem Passagierflug. Viele verfolgen im Fernsehen, wie die Menschheit in das Zeitalter der Überschall-Verkehrsluftfahrt eintritt.
"Meine Damen und Herren, hier spricht der Kapitän. Wir haben soeben unsere Reisegeschwindigkeit von Mach 2,02, also etwa 2.200 Kilometer pro Stunde, erreicht. Guten Flug!", dröhnt es nach einigen Minuten aus den Lautsprechen der Concorde. Die Passagiere sind begeistert.
Zweihundert Menschen - hundert in der Air-France-Maschine von Paris über Dakar und weitere hundert in dem Jet von British Airways unterwegs von London nach Bahrain - hatten sich ihre Plätze teils schon Jahre zuvor reserviert. Sie erfüllten sich mit diesem Flug einen Traum. Die Concorde erreichte bis zu etwa 2405 Kilometer pro Stunde und war damit deutlich schneller als herkömmliche Flieger - eigentlich. Denn schon bei den Jungfernflügen kam es zu Verspätungen.
Die Fluggäste von Air France seien sich bei ihrer Rückkehr in Paris einig gewesen, dass sie eine unvergessliche Reise erlebt hätten, trotz einer technischen Störung, die zu einer 40-minütigen Verspätung führt, berichtet damals die Zeitung "La Croix".
Während die Passagiere des ersten kommerziellen Concorde-Flugs ein Souvenirgeschenk erhalten, begibt sich die Besatzung zum Élysée-Palast, wo Präsident Valéry Giscard d'Estaing sie in Begleitung des Direktors für Flugtests der Concorde zum Frühstück einlädt.
Der Empfang zeigt: Bei der Concorde ging es nicht bloß um die Entwicklung eines Flugzeugs, sondern auch um Prestigedenken. Die Concorde galt Briten und Franzosen als Symbol des nationalen Stolzes. Das Überschallflugzeug wurde auf Basis eines britisch-französischen Abkommens von 1962 entwickelt.
Luxus und Leckereien
Bei Start und Landung imponierten die Überschallflugzeuge, und ihre Piloten und Passagiere wurden beneidet. Die Liste der prominenten Fluggäste wurde über die Jahre immer länger - ob Madonna, Richard Gere, Sir Paul McCartney, Mike Tyson oder Claudia Schiffer. Und auch die britische Königin Elizabeth II., der französische Präsident Jacques Chirac sowie diverse britische und französische Regierungschefs haben die Concorde gerne als Transportmittel genutzt, um sehr schnell von einem Ort zu einem anderen Ort auf der Welt zu gelangen. Zu den regelmäßigen Passagieren gehörten neben Geschäftsleuten, Stars oder Angehörigen des Hochadels auch Menschen, die sich einmal im Leben einen solch luxuriösen Flug leisten wollten, echte Überschallflugzeugfans.
Die verkürzte Flugzeit ermöglicht manch rasante Aktion: 1985 tritt Phil Collins beim Rockfestival Live Aid erst in London und wenig später in Philadelphia auf, weil er mit einer Concorde von einem Konzertort zum nächsten flog.
Die Menükarte bei den Concorde-Flügen las sich wie die eines Sterne-Restaurants: Kaviar, Hummer, Chateaubriand, Rührei mit Trüffeln oder marmorierte Gänseleber mit Trüffeln und Bordeaux-Weingelee etwa, dazu Champagner und ausgewählte Weine. Ein Luxus, für den die Passagiere tief in die Tasche greifen mussten: Im Jahr 2001 kostete das billigste reguläre Rückflug-Ticket für die Strecke London-New York 10.900 Euro, ab Paris wurden 8.100 Euro verlangt.
Heiße Phase im Kalten Krieg: Russen stehlen die Show
Sehr teuer und sehr laut war das mit Milliardenaufwand entwickelte Überschallflugzeug aber auch im Betrieb, was erklärt, dass am Ende nur 20 Maschinen für Air France und British Airways gebaut wurden. Keine der 17 anderen Airlines, die insgesamt 76 Jets vorbestellten, beschafften die Concorde tatsächlich. Mit wirtschaftlicher Vernunft ließ sich das Überschallflugzeug nicht erklären, weshalb Amerikas Flugzeugkonstrukteure sich am Ende gegen den Bau einer auf den Reißbrettern längst konzipierten "amerikanischen Concorde" entschieden.
Allerdings schickte die Sowjetunion im damaligen Wettlauf zwischen Ost und West ihr Überschallflugzeug, die der Concorde ähnlich sehende Tupolew Tu-144, schon am 29. Dezember 1975 und damit zwei Wochen vor der Concorde auf den kommerziellen Erstflug. Damit stahlen sie den Briten und Franzosen die Show. Dass, anders als Fernsehbilder glauben ließen, bei diesem Flug noch keine Passagiere, sondern nur Fracht an Bord war, wurde erst später bekannt. Anders als die Concorde blieb die unausgereifte Tu-144 aber nur kurz im Liniendienst und wurde nach nur gut 100 Flügen 1978 ausrangiert.
Unterdessen sahen sich Air France und British Airways mangels Nachfrage schnell gezwungen, Ziele wie Rio, Mexiko oder Singapur wieder vom Flugplan der Concorde zu nehmen. Bald blieben als einzige reguläre Flugrouten die Strecken von London und Paris nach New York. Und dabei gab es um das Anfliegen der USA zunächst Streit, weil Umweltschützerinnen und Umweltschützer sowie Anwohnerinnen und Anwohner der Flughäfen sich schon damals gegen den extrem spritfressenden und lauten Jet wehrten. Erst im November 1977 konnte die erste Concorde in New York landen.
Kettenreaktion löst Katastrophe aus
Zum Ruhm der Concorde trug auch bei, dass sie lange das einzige Düsenverkehrsflugzeug der Luftfahrtgeschichte ohne verhängnisvolle Unfälle blieb. Dann aber kommt es am 25. Juli 2000 zu einem Absturz bei Paris. Eine gecharterte Concorde, die knapp 100 Deutsche zum Ausgangspunkt einer Kreuzfahrt nach New York bringen soll, zerschellt nur knapp zwei Minuten nach dem Start in einem Flammenmeer. Insgesamt gibt es 113 Tote. Wie eine Schockwelle verbreitet sich die Nachricht vom Absturz damals in der Welt und vor allem in Deutschland.
Wie Untersuchungen nach der Katastrophe ergaben, war die Concorde beim Start über ein 40 Zentimeter langes Metallstück gerollt, das ein zuvor abgeflogener Jet der damaligen US-Fluggesellschaft Continental Airlines verloren hatte. Das löste eine verhängnisvolle Kettenreaktion aus: Die Lamelle ließ einen Reifen am Fahrwerk der Concorde platzen, Gummiteile durchschlugen einen Tank des Flugzeugs, und das ausströmende Kerosin fing Feuer.
Concorde bleibt für immer am Boden
Das Unglück beschleunigte das Ende der prestigeträchtigen Concorde, die mit zunehmendem Alter immer pannenanfälliger und wartungsintensiver wurde. Zwar wurde der nach dem Absturz unterbrochene Betrieb der Concorde im November 2001 wieder aufgenommen und die Maschinen dazu mit Millionenaufwand modernisiert. Auch vor dem Hintergrund der Luftfahrtkrise nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stellten Air France und British Airways den Betrieb der Concorde 2003 schließlich ein.
Bewundert werden kann der schicke Überschall-Jet heute nur noch am Boden. Etliche der Maschinen sind in Großbritannien und Frankreich ausgestellt. Eine Concorde steht auf dem Gelände des Flughafens Charles de Gaulle in Paris, eine im Luftfahrtmuseum Aerospace im britischen Bristol und auch im Technikmuseum Sinsheim in Baden-Württemberg kann eine ausgemusterte Concorde bestaunt werden: Sie ist dort neben einem Exemplar ihrer früheren Rivalin, einer Tu-144, ausgestellt.