Der Tod kam mit der Graböffnung. Am 13. April 1973 betrat ein Forschungsteam die Krypta von König Kasimir IV. in der Wawel-Kathedrale in Krakau – nachdem die Gebeine des 1492 verstorbenen Monarchen dort fast 500 Jahre lang unbehelligt geruht hatten. Im Jahr nach der Graböffnung häuften sich die Todesfälle: Reihenweise starben beteiligte Wissenschaftler und Handwerker, insgesamt gut ein Dutzend Personen.
Zufall? Oder der Fluch des Königs? Eine Rache dafür, in der Totenruhe gestört zu werden? So jedenfalls deuteten Medien in Polen viele Jahre lang die mysteriösen Todesfälle. Wissenschaftler fanden schließlich eine andere Erklärung: giftige Sporen eines Schimmelpilzes. Und ausgerechnet von diesem Pilz erhofft sich die Forschung jetzt neue Möglichkeiten in der Krebstherapie.
Kasimir IV. herrschte 45 Jahre über Polen
König Kasimir IV. gehört zu den berühmtesten Monarchen der Geschichte Polens: Er entstammte der Dynastie der Jagiellonen, wurde 1440 zunächst Großfürst von Litauen, sieben Jahre später zudem König von Polen. In seiner 45-jährigen Herrschaft unterwarf er den Deutschen Orden und formte aus Polen und Litauen eine europäische Großmacht. Als er im Alter von 64 starb, wurde er – genau wie andere Könige Polens – in der Gruft der Wawel-Kathedrale der damaligen Hauptstadt Krakau bestattet.
1973 öffneten Forschende und Handwerker das Grab für Restaurierungs- und Konservierungsarbeiten – allerdings ohne Atemschutzmasken. Ein verhängnisvoller Fehler, wie sich bald herausstellen sollte. Der polnische Mikrobiologe Bolesław Smyk, der ebenfalls das Grab untersuchte und Proben vom Staub auf dem Grab entnahm, identifizierte später im Labor mehrere Arten von Schimmelpilzen, darunter Aspergillus flavus, den Gelben Gießkannenschimmel. Er produziert hochgiftige Stoffe, Aflatoxine, die in mikroskopisch kleinen Sporen enthalten sind. In hoher Dosis eingeatmet oder verschluckt, können sie schwerwiegende Folgen haben: Sie können Erbrechen und Atemnot hervorrufen, in den Blutkreislauf gelangen und Schlaganfälle und Herzinfarkte auslösen. Außerdem erhöhen sie das Risiko für Leberkrebs beträchtlich.
Als Bolesław Smyk das gefährliche Potenzial von Aspergillus flavus erkannte, war es zu spät: Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der Graböffnung starb die erste Person aus dem Forschungsteam nach einem Schlaganfall, wenige Monate später zwei weitere. Innerhalb von zehn Jahren kamen ein Dutzend der an den Arbeiten in der Krypta Kasimir IV. Beteiligten um. Der Mikrobiologe Smyk blieb dagegen verschont: Er starb erst 27 Jahre nach der Graböffnung, litt aber lange an Gleichgewichtsstörungen, die er ebenfalls auf die giftigen Sporen zurückführte.
Aspergillus flavus weckt Hoffnungen in der Krebsforschung
Möglicherweise, so eine Vermutung, steckt ein Schimmelpilz der Aspergillus-Gruppe auch hinter dem legendären "Fluch des Pharao": In den Jahren nach der Öffnung des Grabes von Tutanchamun 1922 waren mehrere Personen gestorben, die die Stätte betreten hatten. Rückstände von der Art Aspergillus flavus wurden dort aber bislang nicht gefunden.
Quelle: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Fest steht dagegen: Aspergillus flavus gedeiht nicht nur in feuchten Grabkammern. Er befällt auch Getreidepflanzen, vor allem Mais, sowohl direkt im Boden über die Wurzeln als auch in Lagerstätten. In den vergangenen Jahrzehnten führte das in Afrika und Asien immer wieder zu massiven Ernteausfällen. Seit 1981 sind in Kenia nachweislich mehrere Hundert Menschen durch den Verzehr von Mais gestorben, der mit Aspergillus flavus kontaminiert war.
Der Pilz, dessen Aflatoxine Menschen töten können, hat aber offenbar auch heilende Fähigkeiten: 2025 analysierte ein Forschungsteam der University of Pennsylvania Aspergillus flavus und isolierte spezielle Moleküle, die Asperigimycine. Sie hemmen – zumindest im Labor – die Zellteilung von Leukämiezellen, haben also eine Anti-Krebs-Wirkung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, dass sich durch die weitere Erforschung der Asperigimycine neue Wege in der Krebstherapie ergeben. Und dass Bestandteile von Aspergillus flavus eines Tages Leukämie-Patientinnen und Patienten retten können.