Januar 2009 Das "Wunder vom Hudson River": Als Pilot Chesley Sullenberger 155 Leben rettete

US Airways Jet liegt im Hudson River
Helferinnen und Helfer umgeben auf Booten und Schiffen einen Airbus A320 der Fluggesellschaft US Airways, der nach einer Notwasserung auf dem Hudson River vor Manhatten treibt
© MICHAEL APPLETON / NYT / Redux / Laif
Mit einer spektakulären Notlandung auf dem New Yorker Hudson River verhindert der US-Pilot Chesley Sullenberger im Jahr 2009 eine Katastrophe. Nun wird "Sully" 75 Jahre alt

Ganz sachlich beschreibt Chesley Sullenberger den Start von US-Airways-Flug 1549. Wie fast jeder Flug in seinen 42 Pilotenjahren sei auch dieser Start völlig normal nach Plan verlaufen - "in den ersten 100 Sekunden". Doch dann habe er die Vögel gesehen, drei Sekunden vor der Kollision. Die Motoren hätten ein schreckliches Geräusch gemacht - "es war ein plötzlicher, kompletter Verlust der Antriebskraft". So etwas habe er noch nie zuvor erlebt, schildert der Pilot den Beginn des Flugs, der in einer spektakulären Notwasserung auf dem New Yorker Hudson River endete. 

Captain Chesley Burnett 'Sully' Sullenberger
US-Pilot Chesley 'Sully' Sullenberger bei einer Ausstellungseröffnung im Jahr 2024
© Peter Zay / Anadolu / picture alliance

Was sich am 15. Januar 2009 abspielte, zeichnete der "Held vom Hudson" zehn Jahre nach dem Vorfall in Dutzenden Tweets nach. Diese Erinnerungen sind inzwischen auf Sullenbergers Instagram-Account zu finden, wo der weltweit bekannte Pilot mehr als 170.000 Follower hat. Der US-Amerikaner mit dem Spitznamen "Sully" feiert am 23. Januar seinen 75. Geburtstag. 

Chesley Sullenberger sieht sich selbst nicht als Held

Der "Held vom Hudson" ist dabei bescheiden geblieben. "Gegen das 'H'-Wort habe ich mich immer gewehrt", sagte Sullenberger einmal im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Fliegerei sei ein "Teamsport" und wie so oft im Leben habe Zusammenarbeit damals zum Erfolg geführt und Leben gerettet. "Wenn wir uns auf Mitmenschlichkeit besinnen und zusammenarbeiten, gibt es kaum etwas, was wir nicht schaffen können", betont er damals. 

Für viele ist er dennoch ein Held. 155 Menschen waren an Bord des US-Airways-Flugs 1549, nach einer Stunde Flug sollte der Airbus in Charlotte im Bundesstaat North Carolina landen. Doch kurz nach dem Start auf dem New Yorker LaGuardia Flughafen fielen durch die Kollision mit einem Gänseschwarm beide Triebwerke aus. Die Motoren brannten, die Schubkraft war weg, an eine Rückkehr zur Startbahn oder den Anflug eines anderen Flughafens war nicht zu denken. Copilot Jeff Skiles gab das Steuer an Sullenberger ab.

Der schlimmste Tag meines Lebens

"Ich wusste sofort, dass dies ein einzigartiger Notstand ist, die größte Herausforderung, der schlimmste Tag meines Lebens", erinnert sich Sullenberger. Schnell habe er gewusst, dass dieser Flug wohl nicht unversehrt auf einer Landebahn enden würde. Doch sein Ziel sei klar gewesen, die Maschine intakt zu Boden zu bringen und damit alle Menschen an Bord zu retten. 

"Wir gehen auf den Hudson runter", funkte der damals 57-Jährige mit ruhiger Stimme an den Tower. Die Landung im eisigen Hudson River vor der Skyline von New York war eine fliegerische Meisterleistung. Der Airbus überschlägt sich nicht, bricht nicht auseinander, als er mit hohem Tempo auf das Wasser knallt. "Das war weniger schlimm als erwartet", hätten er und der Copilot fast gleichzeitig gesagt, schreibt Sullenberger in den Tweets. 

Als Letzter von Bord

Eine Schnittwunde am Bein einer Stewardess ist die schlimmste Verletzung. In kurzer Zeit und fast ohne Panik klettern die Passagiere auf die Tragflächen des schwimmenden Fliegers. Boote kommen sofort zur Rettung. Sullenberger, ein ehemaliger Militärpilot mit 40 Jahren Flugerfahrung, geht als Letzter von Bord. Er sucht zuvor noch einmal die sinkende Maschine ab, um auch wirklich niemanden zurückzulassen. Das Wasser habe ihm damals fast bis zur Taille gereicht, erinnert sich der Pilot. Seiner Frau Lorrie und den beiden Töchtern daheim in Kalifornien berichtete er kurz danach am Telefon ruhig: "Hier gab es einen Unfall."

Nach dem "Wunder vom Hudson" bricht eine regelrechte "Sullymanie" aus, auch wenn der bescheidene "Held" in Hunderten Interviews und Talkshows immer wieder seine Crew lobt. Noch-Präsident George W. Bush gratuliert dem Piloten, dessen Nachfolger Barack Obama lädt ihn kurz nach dem Unglück zu seiner Vereidigung nach Washington ein. "Dies war eines der großen Highlights", sagte Sullenberger. Auch seine Crew und deren Familien durften zu den Feierlichkeiten kommen. 

"Sully" wird verfilmt

Sullenberger schrieb eine Autobiografie ("Man muss kein Held sein") - später die Vorlage für Clint Eastwoods Film "Sully" (2016). Der drehte sich auch um das weniger bekannte Nachspiel des Flugdramas - die monatelange Crash-Untersuchung der Flugsicherheitsbehörde und den Medienrummel. Tom Hanks spielt den Piloten mit grauen Haaren und ordentlich getrimmten Schnauzbart. Seit 2010 ist Sullenberger im Ruhestand und setzt sich als Experte weiter für Flugsicherheit und Unfallermittlungen ein. 2021 nominierte ihn der damalige US-Präsident Joe Biden als US-Botschafter für den Rat der internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO). Diese Aufgabe bezeichnet der Pilot auf seiner Webseite als eine der "größten Ehren seines Lebens". 

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Kritik am neuen Chef der US-Luftfahrtbehörde

Scharf kritisierte er im vorigen Jahr die umstrittene Nominierung von Bryan Bedford zum Chef der US-Luftfahrtbehörde FAA durch US-Präsident Donald Trump. Bedford würde Sicherheitsvorschriften aufweichen und damit die Flugsicherheit gefährden, warnte Sullenberger. 

Evakuierung des verunglückten Flugzeugs im Hudson River
Wie durch ein Wunder überleben alle 155 Menschen an Bord den Sturz in die eisigen Fluten
© Bebeto Matthews / AP Photo / picture alliance

Im vorigen Januar, 15 Jahre nach dem "Wunder vom Hudson", traf der Pilot mit einigen Passagieren und Crewmitgliedern von Flug 1549 in New York zusammen. Er sei "immer dankbarer" für den glücklichen Ausgang des Vorfalls. "Ich denke, dass es eine Zeit war, zu der wir eine Geschichte brauchten, die uns Hoffnung gab", sagte Sullenberger weiter. "Und ich denke, es ist diese hoffnungsfrohe Vision für die Menschheit und die Zukunft, an der wir uns in schwierigen Zeiten festhalten können."