Interview Archäologie im KZ: "Es geht darum, Raubgräbern zuvorzukommen"

Zwei Personen nehmen Bodenmessungen im Wald vor
Vom ehemaligen KZ-Außenlager Weferlingen in Sachsen-Anhalt sind heute nur Überreste vorhanden. Links im Hintergrund: Die Archäologin Dr. Anna Swieder vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt leitet das Grabungsprojekt
 
© Lukas Augustat / LDA Sachsen-Anhalt
Forschende untersuchen die Überreste des KZ-Außenlagers Weferlingen in Sachsen-Anhalt. Ihr Ziel: Fundstücke bergen, bevor illegale Sondengänger die Befunde zerstören

GEO: Frau Dr. Swieder, im KZ Weferlingen, einem Außenlager von Buchenwald, mussten 1944/45 rund 500 Häftlinge unterirdische Produktionsstätten für die Rüstungsindustrie ausbauen. Sie leiten nun eine Grabungskampagne und sichern die Überreste des Lagers. Was kann die Archäologie über diesen Ort preisgeben, was wir nicht schon von Schriftquellen und historischen Fotos wissen? 

Dr. Anna Swieder: Es gibt zwar Schriftquellen, aber wir haben kaum Informationen über das alltägliche Leben im KZ Weferlingen. Wie und wo nahmen die Häftlinge ihre Mahlzeiten ein? Hatten Sie so etwas wie persönliche Gegenstände? Wie war der Verpflegungsgrad? Aus welchen Materialien waren die Baracken beschaffen, in denen sie schliefen? Wie groß waren diese Gebäude überhaupt? Bei solchen Fragen hilft die Archäologie weiter.

Und warum graben Sie gerade jetzt, gut 80 Jahre nach Kriegsende?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen gab es in Sachsen-Anhalt bislang gar keine gezielten Forschungsgrabungen in KZ-Außenlagern. Und zum anderen ist dieser Fundort bedroht.

Gabel im Sand
Weit mehr als 100 Objekte haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Gelände des ehemaligen KZ Weferlingen gefunden, darunter diese Gabel
©  Anna Swieder / LDA Sachsen-Anhalt

Wodurch?

Direkt im Bereich des ehemaligen Lagers wird Quarzsand abgebaut, und der Tagebau hat in der Vergangenheit Teile der Fundstelle beschädigt. Dieser Ist-Zustand sollte dokumentiert werden. Vor allem aber geht es darum, Raubgräbern zuvorzukommen.

Was suchen Raubgräber auf dem Gelände eines Konzentrationslagers?

Nicht nur hier, deutschlandweit bedrohen Raubgräber KZ-Standorte und Kriegsgräber. Das sind illegale Sondengänger, die auf Militaria, also zum Beispiel Porzellan mit Hakenkreuz-Bodenmarke, militärische Orden oder Weltkriegsmunition, aus sind. Die schrecken vor nichts zurück: Wir haben in der Nähe des Lagers zwei Raubgrabungslöcher entdeckt, eines davon drei Meter lang, fast zwei Meter breit und 80 Zentimeter tief. Offensichtlich haben die Personen alles durchwühlt und das mitgenommen, was für sie von Interesse ist. Glasflaschen, Emaille-Geschirr, Grubenlampen, Spulen und Filter aus dem Untertagebetrieb haben sie achtlos zurückgelassen. Genauso wie Schuhsohlen: Das war quasi das letzte Hab und Gut der Häftlinge. Eine Sohle wies kyrillische Einprägungen im Gummi auf, gehörte also wohl einer Person aus der Sowjetunion. Mich hat dieser Anblick sehr berührt, weil das ja persönliche Gegenstände aus der eigenen Groß- oder Urgroßeltern-Generation sein könnten. Jedenfalls zerstören die Raubgräber Befunde, die auch das Häftlingsleben widerspiegeln.

KZ-Außenlager Weferlingen

Im August 1944 richtete die SS südlich von Weferlingen (heute Sachsen-Anhalt) ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald ein. Etwa 500 männliche Häftlinge mussten unter Tage in Schächten Produktionshallen für die Rüstungsindustrie ausbauen. Erst waren die Häftlinge in Zelten untergebracht, im Dezember 1944 zogen sie in ein Barackenlager. Bei den meisten der Häftlinge handelte es sich um französische Widerstandskämpfer. Mindestens 13 Menschen starben an Entkräftung, Darmerkrankungen und Abszessen. Am 12. April 1945 befreiten US-amerikanische Truppen das Lager. In den Folgejahren wurden die Baracken abgerissen, sodass heute nur noch die Fundamente übrig sind.

Wie sind denn diese Gegenstände in die Gruben gelangt, außerhalb des Lagers?

Wir gehen davon aus, dass während der NS-Zeit Müllgruben im Wald angelegt wurden, in denen Menschen Dinge aus dem Rüstungsbetrieb oder dem KZ verscharrt haben.

Welche Erkenntnisse konnten Sie über das Lager gewinnen?

Wir haben die Überreste der Baracken untersucht: Demnach waren diese Gebäude 10 mal 35 Meter groß und das gesamte Lager von etwa 50 mal 100 Metern Größe war umzäunt. Überrascht hat uns das Fundament der Baracken. Die Binnenstruktur zeugt von einem Fundament aus Estrich, der flächig aufgetragen wurde, nicht etwa streifenförmig, wie man das in einer Zeit der Materialnot erwarten würde. Offenbar sparte die SS hier aber nicht an Material. Das spricht vielleicht dafür, dass das Lager für sie einen hohen Stellenwert hatte. Außerdem konnten wir den Standort der zum Lager gehörigen Latrine bestimmen. Wir werden den Untergrund noch genauer untersuchen, um daraus Erkenntnisse über die sanitären Bedingungen im Lager zu gewinnen.

Und auf welche Alltagsgegenstände sind Sie gestoßen?

Zum Beispiel auf Reste von Porzellan und Glasflaschen, einen Kamm, Besteck wie Löffel und Gabel. Wir haben sogar ein Blechgeschirr gefunden, das eine Person mit einem Vornamen markiert hat. Ob ein Gegenstand zu einem Häftling oder einem Aufseher gehört hat, lässt sich häufig nicht so einfach sagen. Je billiger das Material und je schlechter der Zustand, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Gegenstand aus dem Häftlingsbereich stammt. Eindeutig einem Aufseher gehörte aber eine Tube Zinkpaste, die wir entdeckt haben. Daneben konnten wir Tütchen und Verpackungsreste mit englischen und französischen Aufschriften sicherstellen, die die globalen Bezüge widerspiegeln. 

Was passiert nun mit diesen Gegenständen?

Wir reinigen, fotografieren und dokumentieren jedes einzelne Fundstück – in diesem Fall handelt es sich um mehrere hundert Objekte. Dann schauen wir, inwiefern sich die Fundsituation, aber auch die Konstruktion des Lagers, mit anderen Außenlagern in Deutschland vergleichen lässt. Und schließlich hoffen wir, dass wir ein Teil der Objekte in einer Ausstellung des Heimatvereins in Walbeck der Öffentlichkeit zugänglich machen können.