In der Nacht auf den 8. September 1943 hallt ein schmerzerfüllter Schrei durch die Kellergewölbe unter dem Reichstag in Berlin. Einige Meter tief unter dem Gebäude liegt Herta Frieda Waligora in den Wehen, während alliierte Flieger über die deutsche Hauptstadt ziehen. Wenige Nächte zuvor hatten die Briten Teile Berlins aus der Luft schwer getroffen, Dutzende Menschen starben oder wurden schwer verletzt.
Doch in dieser Nacht ist die Entbindende tief unter der Erde Berlins relativ gut geschützt vor den möglichen Bombenschlägen. Und bringt ihren Sohn Walter sicher zur Welt. Herta Frieda Waligora kann aufatmen. In den vergangenen Wochen ist die Hochschwangere fast jeden Abend mehrere Kilometer von ihrer Wohnung zum Reichstag gelaufen. Denn der Keller des Parlamentsgebäudes ist zu einer Art Geburtshaus geworden.
Etwa 80 Menschen werden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges in dem Bunker unter dem deutschen Parlamentsgebäude geboren. Nach ihrem berühmten Geburtsort nennen sie sich heute "Reichstagsbabys". Während der Luftschlacht um Berlin gehören die Kellergewölbe zu den sichersten Orte für eine Entbindung in der deutschen Millionenstadt.
"Schutzraum für Kinder und Wöchnerinnen"
Den ersten Luftangriff erlebt die deutsche Hauptstadt in der Nacht vom 7. auf den 8. Juni 1940: Ein einzelner französischer Marineflieger wirft acht Brand- und Sprengbomben auf ein Industriegebiet im Norden Berlins. Offizielle NS-Medien schreiben damals von "geringen Schäden", konkrete Zahlen zu Verletzten oder Toten werden nicht überliefert. Doch die Luftschlacht um Berlin hat begonnen.
Zu diesem Zeitpunkt tagt schon lange kein demokratisches Parlament mehr in dem Bauwerk am Ufer der Spree. Nach dem Brand am 28. Februar 1933 zog das Parlament der Weimarer Republik aus dem Reichstag aus – von den Nationalsozialisten wird das Gebäude in der Folge nur sporadisch genutzt als Kulisse für Propagandaveranstaltungen. Zu Kriegsbeginn ordnet Hitler an, dass der Keller des Reichstags ein "Luftschutzraum für Kinder und Wöchnerinnen" werden solle. Das Bauwerk wird zu einer Art Festung ausgebaut: Auf den Ecktürmen werden Flakstellungen installiert und Dutzende Fenster zugemauert.
Ab Februar 1943 fliegen Einheiten der britischen, französischen, US-amerikanischen und sowjetischen Luftstreitkräfte immer häufiger Angriffe auf Berlin. Als die Luftattacken der Alliierten im Sommer 1943 immer intensiver werden, verlegt das Hauptstadtkrankenhaus Charité, seine Geburtenstation, in die Kellergewölbe unter dem nahegelegenen Reichstag: So entsteht der Kreißsaal im Parlamentsgebäude.
Verschollen, vernichtet und vergessen
In den letzten Apriltagen des Jahres 1945 liefern sich Wehrmachtssoldaten und Rotarmisten heftige Kämpfe um den symbolträchtigen Reichstag. Ob die Untergeschosse bis zum letzten Kriegstag als Geburtsklinik genutzt wurden, ist unklar. In den Wirren der Nachkriegszeit gehen die Spuren verloren, die davon erzählen könnten, dass unter dem Gebäude Dutzende Kinder geboren wurden. Doch die Geburtsurkunden der "Reichstagsbabys" zeugen noch von dieser Geschichte – auch wenn sie über Jahrzehnte in Vergessenheit gerieten.
Erst nachdem das deutsche Parlament nach der Wiedervereinigung zurück ins Reichstagsgebäude in Berlin gezogen ist, forschte ein Bundestagsabgeordneter der CDU danach. "Ich bin Städteplaner von Beruf und habe daher einen etwas anderen Blick auf Städte und ihre Gebäude. Ich stelle mir oft vor, was da passiert ist", sagte Peter Stein, ein Abgeordneter aus Rostock, zum Bundestagsmagazin "Das Parlament". 2019 feierte das Gebäude an der Spree einige Jubiläen, "etwa 125 Jahre Erstbezug und auch die erste Bundestagssitzung nach dem Umzug von Bonn vor 20 Jahren", sagt Stein. "Ich hatte das Gefühl, dass niemand dieses für das Gebäude so bedeutende Jahr auf dem Schirm hatte, deswegen habe ich nachgeforscht."
In einem Zeitungsartikel las Stein von einer Frau, die im Reichstag geboren sein soll, zumindest sei in ihrer Geburtsurkunde "Reichstagsgebäude" als Geburtsort eingetragen. So entdeckte Stein, dass unter dem Plenarsaal des heutigen Bundestages einmal Babys geboren wurden. Vermutlich befand sich der Schutzraum, der für 204 Kinder und 39 werdende Mütter ausgelegt war, im Nordostteil des Reichstagskellers neben Heizungs-, Lüftungs- und Versorgungsräumen. Wo genau der Kreißsaal war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.
Um diese erstaunliche Geschichte zu feiern, suchte der Deutsche Bundestag medienwirksam die "Reichstagsbabys" per Aufruf: Alle in der provisorischen Geburtsstation zur Welt gekommenen Kinder wurden zu einer Jubiläumsfeier in den Bundestag eingeladen.
"Reichstagsbabys" unter sich: Emotionales Zusammentreffen am Geburtsort
Vierzehn Menschen nahmen damals die Einladung an. Unter ihnen war auch Walter Waligora. "Wenn ich die Kuppel sehe, sage ich gern laut, dass das mein Geburtsort ist", sagte er zum Bundestagsmagazin "Das Parlament". An jenem 8. September feierte er seinen Geburtstag am Ort seiner Geburt.
Eine etwas weitere Anreise zu dem Treffen hatte Heidi Mangino, die damals 75-Jährige lebte in den USA. Zum Besuch im Bundestag begleitete Heidi ihre 95-jährige Mutter Annemarie Lehmann aus Berlin-Moabit. Die erinnerte sich bei dem Treffen 2019 noch daran, wie sie ihre Tochter am 29. Juli 1944 im Keller unter dem Reichstag auf die Welt brachte: "Meine Mutti konnten sie nicht erreichen. Beim Fliegeralarm war sie im Bunker am Bahnhof Zoo hängengeblieben. Also war ich allein mit dem Baby. Keine schöne Erinnerung", sagt sie bei dem gemeinsamen Besuch im Bundestag und ergänzt: "Aber ich freue mich, dass wir jetzt beide hier sind. Das kann uns keiner mehr nehmen."
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble begrüßte damals die besonderen Gäste: "Der Reichstag hat eine unglaubliche Geschichte in so vielerlei Beziehungen." Ihre Geschichte zeige auch etwas Schönes: "Selbst im größten Elend brennt irgendwo ein Lichtlein, und es geht dann doch wieder weiter. Und das Symbol, das in diesen entsetzlichen Kriegsjahren in diesem Gebäude Leben entstanden ist, ist eigentlich auch fantastisch."
Als es bei der anschließenden Führung durch den Bundestag in den Keller ging, staunten die Gäste. "Wie das ausgesehen haben muss, als wir dort geboren wurden, ist jetzt natürlich schwer nachzuvollziehen", sagte Mareile Van der Wyst bei der Führung durch die modernen Flure im Untergeschoss des Reichstags. In den Wochen vor ihrer Geburt 1944 sei ihre Mutter jeden Abend aus Lichtenberg nach Mitte gefahren, um in der Geburtsstation sicher entbinden zu können – falls die Wehen einsetzen sollten. "Und wenn ich morgens nicht angekommen war, ist sie wieder zurück nach Hause gefahren. So ging das jeden Abend, jeden Morgen hin und her, bis ich geboren wurde", so Mareile Van der Wyst.
In der Nacht vom 15. September 1944 war es so weit. "Ich finde es so toll. Also, es ist so ein spezieller Geburtsort. Spezieller kann er nicht sein", sage Van der Wyst bei der Jubiläumsfeier. Auf Initiative der Seniorin wurde ein Jahr später eine Tafel im Untergeschoss des Ostflügels im Reichstagsgebäude angebracht, die Besuchende über die Kinder informiert, die während des Zweiten Weltkrieges in den letzten Kriegsjahren in den Kellerräumen des Parlamentsgebäudes zur Welt kamen.