Gegen die Einsamkeit Neue Freiheit auf drei Rädern: Zufallsidee wird zur weltweiten Bewegung

Ein Rikscha-Rad kostet zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Manche Kommunen beteiligen sich, meist aber finanzieren sich die Projekte mithilfe von Spenden
Ein Rikscha-Rad kostet zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Manche Kommunen beteiligen sich, meist aber finanzieren sich die Projekte mithilfe von Spenden
© Ole Kassow
Ältere Menschen vereinsamen schnell, gerade, wenn sie in Heimen leben. "Radeln ohne Alter" bringt sie wieder in die Gemeinschaft – auf Rikscha-Rädern

Als der Däne Ole Kassow 2012 in Kopenhagen ein dreirädriges Rikscha-Rad auslieh, wollte er eigentlich nur einem älteren Nachbarn aus dem Pflegeheim eine Freude machen. Doch die spontane Fahrt wurde zum Beginn einer Bewegung: Heute gibt es "Radeln ohne Alter" in 41 Ländern. Auch in Deutschland ist ein Netzwerk der Menschlichkeit in über 80 Städten entstanden, von Kiel bis München. 

Das Prinzip ist einfach: Drei Räder, vorn ein Doppelsitz, dazwischen ein Elektromotor, auf dem Fahrersitz radelt eine ehrenamtliche "Pilotin" oder ein "Pilot". Gemeinsam mit ihren Mitfahrenden, meist Seniorinnen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität, rollen sie durch Parks, Innenstädte und über Kopfsteinpflaster. "Ich glaube daran, große, komplexe Probleme mit sehr einfachen Lösungen anzugehen", sagt der Unternehmensberater Kassow, 59. "Das hier ist keine Raketenwissenschaft, aber es verändert Leben." 

Er hatte miterlebt, wie sein an Multipler Sklerose erkrankter Vater vereinsamte. "Wenn ältere Menschen in ein Heim ziehen, wird ihre Welt kleiner – bis sie nur noch in ihrem Zimmer leben." Das Trishaw sei, sagt er, eine einfache, aber tiefgreifende Antwort: frische Luft, Begegnung und das Gefühl, wieder Teil der Gemeinschaft zu sein. 

Das Recht auf Wind im Haar

Die Idee verbreitete sich schnell. Heute fahren weltweit mehr als 50.000 Freiwillige zwischen 15 und 86 Jahren in 3.600 lokalen Gruppen, getragen von fünf Grundprinzipien: Großzügigkeit, Langsamkeit, Geschichten erzählen, Beziehungen aufbauen und "alterslos". Eine blinde Mitfahrerin nannte es einmal "das Recht auf Wind in den Haaren". Der bisher jüngste Mitfahrer war ein Fünfjähriger mit Ernährungssonde, der sich sehnlichst wünschte, einmal mit seinen Kameraden zum Kindergarten zu radeln. Manche Rikschas können sogar Rollstühle befördern. 

In Berlin organisiert der Verein Radeln ohne Alter e.V. regelmäßig Touren mit Bewohnerinnen von Pflegeeinrichtungen durch die Hauptstadtparks. In Freiburg und Kiel kooperieren lokale Gruppen mit Seniorenzentren, in Hamburg gehört das auffällige Dreirad längst zum Stadtbild. Für die Passagiere sind die Fahrten immer kostenlos. Manche Kommunen unterstützen die Anschaffung – ein Rad kostet zwischen 10.000 und 15.000 Euro –, doch meist finanzieren sich die Projekte durch Spenden und Ehrenamt. "Verglichen mit dem, was Einsamkeit die Gesellschaft kostet, ist das wenig", sagt Kassow. "Bei jeder Fahrt passiert Magie." Manche Pfleger berichten, auf den Fahrten sähen sie ihre Schützlinge aufleben oder zum ersten Mal seit langem lachen. 

Mehr Wohlbefinden, weniger Einsamkeit

Das Projekt ist weit mehr als eine nette Idee. Studien aus Dänemark, Kanada und Schottland bestätigen, was auf den Straßen sichtbar wird: Die gemeinsamen Touren steigern nachweislich Wohlbefinden, Lebensfreude, Resilienz und wirken gegen das, was im Alter oft am schwersten wiegt: Einsamkeit. 

Die 97-jährige Mitfahrerin Elizabeth Wright bestätigt das: "Früher habe ich mich oft gefühlt, als wäre ich unsichtbar geworden. Jetzt winken mir Kinder zu, Menschen bleiben stehen, reden mit uns. Ich habe wieder Geschichten zu erzählen." Der Fahrtwind zupft an der Decke auf ihren Knien, ihre blauen Augen blitzen unterm Sonnenhut. Für einen Moment scheint sie wieder jung. 

Für Kassow ist genau das der Kern: "Unsere Gesellschaft braucht Brücken zwischen den Generationen", sagt er. "Und jedes dieser Räder ist so eine Brücke." 

Wenn die roten Dreiräder durch deutsche Städte gleiten, entsteht Bewegung im Innern und Äußeren. Menschen, die sonst kaum mehr hinauskommen, genießen die Sonne, die Landschaft und den Kontakt. Und wer sie fährt, erlebt, wie es sich anfühlt, generationenübergreifende Begegnungen zu ermöglichen – Tritt für Tritt. "Die Leute glauben, ich tue etwas Gutes für andere, aber in Wahrheit verändert jede Fahrt auch mich", sagt der Pilot John Seigel-Böttner, 70.

Als er seiner Begleiterin am Ende der Fahrt aus dem Sitz hilft, bedankt sich Elizabeth Wright: "Das war das Schönste heute." Und er antwortet: "Für mich auch." 

Erschienen in GEO 02/2026