Endlich verstehen Warum Sonne und Mond am Himmel manchmal riesig wirken

Supermond
Wie groß mag dieser  Mond wohl sein? Seine Scheibe wirkt gigantisch am Nachthimmel
© Thomas Lindemann / Wirestock Creators / Adobe Stock
An manchen Tagen erscheinen Sonne und Mond, wenn sie am Horizont stehen, riesengroß. Doch was wir dort am Himmel sehen, ist nicht echt. Wie uns unser Gehirn in die Irre führt

Manchmal scheint es, als würde der Himmel ein wenig übertreiben – oder als wollten Sonne und Mond mal so richtig angeben: Ein Vollmond, der am Abend knapp über der Dachkante hängt, wirkt plötzlich dramatisch groß, fast zum Greifen nah. Oder die Sonne, die morgens als tiefrote Scheibe am Horizont aufgeht, scheint viel mächtiger zu sein als mittags, wenn sie grell und klein im Zenit steht. Mit Blick in den Himmel fragt man sich: Wie kommt es, dass Sonne und Mond hin und wieder so riesengroß erscheinen?

Das Gehirn lässt sich täuschen

Die Antwort: Tatsächlich verändern weder Sonne noch Mond spontan ihre Größe, wenn sie sich dem Horizont nähern. Ihr Durchmesser am Himmel – gemessen anhand des Winkels, den sie von unserem Standpunkt aus einnehmen – bleibt nahezu gleich. Würde man den Arm ausstrecken, könnte ein Finger die Sonnenscheibe ebenso verdecken wie die des Mondes. Dass uns die beiden Himmelskörper trotzdem mal riesig und mal unscheinbar vorkommen, liegt an der Art und Weise, wie unser Gehirn Entfernungen und Größen konstruiert.

Entscheidend ist der Horizont. Wenn Mond und Sonne knapp über einer Landschaft stehen, bekommen sie eine Bühne voller Vergleichsobjekte: Bäume, Häuser, Strommasten, Kirchtürme oder eben eine Aussichtsplattform wie im Bildbeispiel oben. In dieser Szenerie wirkt die helle Scheibe wie ein massiver Körper, der hinter den Dingen steht – räumlich eingebettet in eine Welt, deren Maße wir gut kennen. Unser Gehirn interpretiert den Himmelskörper daher als weit entferntes Objekt und tut, was es in solchen Situationen immer tut: Es "rechnet" sie größer. Denn im Alltag gilt die Erfahrung, dass ein Gegenstand in der Ferne kleiner auf unserer Netzhaut abgebildet wird. Wenn etwas in der Ferne trotzdem relativ groß erscheint, muss es – so die unbewusste Schlussfolgerung – gewaltig sein. Das Bild auf der Netzhaut ist beim Horizontmond zwar nicht größer als beim Zenitmond, aber unser inneres Modell der Welt bläst ihn auf. Diese optische Illusion lässt sich bei der Sonne genauso beobachten.

Untergehende Sonne in München
Über München geht die Sonne unter – und zeigt sich als große Scheibe am Abendhimmel
© Cyril Gosselin / Getty Images

Ganz anders wirken Sonne und Mond, wenn sie hoch oben am Himmel stehen. Dann fehlt nämlich jede räumliche Referenz. Kein Baum, kein Haus, kein Berg erlaubt eine intuitive Schätzung der Entfernung. Die Scheibe schwebt scheinbar an der Himmelskuppel, deren Distanz wir nicht wirklich einschätzen können. Der Mond wird dann nicht als Körper in einer mehrschichtigen Landschaft wahrgenommen, sondern als isolierter Fleck auf einer abstrakten, leeren Fläche. In diesem Setting vergleicht das Gehirn die Sonnen- oder Mondscheibe eher mit dem gesamten Himmelszelt – und vor diesem gewaltigen Hintergrund wirkt sie zwangsläufig kleiner. Was physikalisch gleich geblieben ist, verschiebt sich psychologisch: Hoch am Himmel schrumpfen Sonne und Mond im Kopf, nicht am Firmament.

Begriff der "Mondtäuschung"

Dieses Zusammenspiel aus Erwartung, Erfahrung und Kontext wird gemeinhin als "Mondtäuschung" bezeichnet – obwohl sich dies genauso bei der Sonne beobachten lässt. Wer den Effekt testen möchte, kann einen simplen Versuch machen: Die "riesige" Mond- oder Sonnenscheibe mit ausgestrecktem Arm und leicht gekrümmtem Zeigefinger "einrahmen", sich die Größe merken – und später denselben Test mit dem hoch oben stehenden Himmelskörper wiederholen. Die Fingerstellung wird nahezu identisch sein. Noch konsequenter ist der Einsatz eines kleinen Zettels mit Loch oder einer Kamera: Das Motiv mag enttäuschen, aber es zeigt, wie hartnäckig unser Gehirn an seiner übergroßen Einschätzung festhält.

Umlaufbahn von Sonne und Mond schwanken

Neben der beschriebenen Täuschung gibt es allerdings auch eine echte, wenn auch eher subtile Veränderung: Der Mond umkreist die Erde nicht in einem perfekten Kreis, sondern auf einer leicht elliptischen Bahn. Dadurch ist er der Erde manchmal etwas näher und manchmal etwas weiter von ihr entfernt. In erdnahen Phasen erscheint die Scheibe deshalb tatsächlich ein paar Prozent größer als am fernsten Punkt. Wenn ein solcher erdnaher Vollmond zufällig in die Nähe des Horizonts fällt, überlagern sich reale Vergrößerung und Mondtäuschung. Die Folge: ein sogenannter "Supermond", wenn er der Erde am nächsten steht, erscheint er bis zu 14  Prozent größer und rund 30  Prozent heller als der "Minimond" – hoch am Himmel und weit von der Erde entfernt. Ähnliches gilt für die Sonne: Auch ihre Entfernung zur Erde schwankt im Jahreslauf geringfügig, was sich allerdings im Alltag noch weniger bemerkbar macht.

Der eigentliche Zauber liegt also nicht in plötzlichen Launen von Sonne oder Mond, sondern in einer hochkomplexen Sehmaschine in unserem Kopf. Das visuelle System arbeitet nicht wie eine Kamera, die die Welt neutral abbildet, sondern wie ein geschulter Erzähler, der aus fragmentarischen Informationen ein stimmiges Bild konstruiert. Linien am Horizont, Größen bekannter Objekte, Erinnerungen an Landschaften – all das fließt in die Deutung ein. Dass der Mond manchmal riesig wirkt, ist ein Nebeneffekt dieser kreativen Datenverarbeitung. Der Himmel bleibt dabei nüchtern, aber unser Gehirn macht daraus großes Theater.

Das Phänomen selbst – also die Mond- oder Sonnentäuschung – kann übrigens zu jeder Jahreszeit gleich auftreten. Entscheidend sind der niedrige Stand von Sonne oder Mond über dem Horizont und genügend Vergleichsobjekte in der Landschaft. 

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