Das kurze Gespräch zum Wetter oder der schnelle Austausch an der Kaffeemaschine über die Benzinpreise: Das sind typische Smalltalk-Themen, die viele Menschen zunächst als banal und langweilig einschätzen. Doch genau diese Erwartung kann trügen, zeigt eine neue Studie, die nun im Fachmagazin "Journal of Personality and Social Psychology" erschienen ist.
"Wir neigen dazu anzunehmen, dass ein Gespräch langweilig sein wird, wenn das Thema langweilig klingt", sagt Elizabeth Trinh von der Universität Michigan in den USA. "Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass oft die scheinbar uninteressanten Themen sogar überraschend fesselnd sind."
Unterhaltungswert von Themen systematisch unterschätzt
In einer Reihe von neun Experimenten mit insgesamt rund 1.800 Teilnehmern stellten die Wissenschaftler fest, dass Menschen den Unterhaltungswert solcher Gespräche systematisch unterschätzen und auch nicht erkennen, dass die Themenwahl deutlich unwichtiger ist, als sie annehmen.
Die Versuchsteilnehmer sollten zunächst vorhersagen, wie viel Freude ihnen Gespräche über bestimmte Themen machen würden: etwa Börsenfragen, Weltkriege, Sachbücher, Katzen oder Ernährung. In einigen Fällen sollten die Teilnehmer selbst ein Thema nennen, das sie langweilig fanden. Anschließend unterhielten sie sich zwei bis fünf Minuten lang mit anderen Personen: mal mit Freunden, mal mit Fremden, sowohl online als auch persönlich, und sie bewerteten im Anschluss, wie ihnen die Unterhaltung gefiel.
Das Ergebnis: Die Erwartungen lagen regelmäßig deutlich unter der tatsächlichen Erfahrung. Gespräche, die im Vorfeld als wenig reizvoll eingeschätzt wurden, empfanden die Teilnehmer im Nachhinein als überraschend angenehm und fesselnd – sogar dann, wenn beide Gesprächspartner das Thema ursprünglich als langweilig eingestuft hatten.
Ein systematischer "Denkfehler" kommt zum Tragen
Das Team erklärt dieses Phänomen mit einem psychologischen "Denkfehler". Vor einem Gespräch konzentrieren sich Menschen für eine Bewertung vor allem auf die Punkte, die sie leicht einschätzen können, also etwa das Gesprächsthema. Während des Gesprächs tritt dann etwas anderes in den Vordergrund: die Interaktion zwischen den Beteiligten – das dynamische Element.
"Was den Spaß wirklich ausmacht, ist das Engagement der Gesprächspartner", sagt Versuchsleiterin Trinh. Zuhören, reagieren, nachfragen: Diese dynamischen Elemente entstehen erst während eines Gesprächs und lassen sich im Voraus schwer einschätzen. Gerade sie sorgen jedoch dafür, dass selbst banale Themen plötzlich an Bedeutung gewinnen.
Lerneffekt ist möglich – aber Ausmaß unklar
Kann man mit der Zeit lernen, den Interessantheitsgrad von Gesprächen besser einzuschätzen? Da ist sich das Team der Universitäten Michigan, Cornell und des Campus Europa noch nicht ganz sicher. Aber es scheint zumindest leichter zu werden, wenn der Gesprächspartner ein Bekannter oder Freund ist: "Soziale Nähe scheint die Diskrepanz zwischen Vorhersage und Erfahrung verringert, aber nicht beseitigt zu haben", so das Team. "Dies deutet darauf hin, dass ein gewisser Lerneffekt möglich ist, dessen Ausmaß bleibt jedoch unklar."
Generell treten die Fehleinschätzungen jedoch sowohl bei Gesprächen zwischen Freunden als auch zwischen Fremden auf und im Virtuellen genauso wie bei persönlichen Begegnungen. Das hat Konsequenzen weit über den einfachen Small Talk hinaus: Denn soziale Interaktionen gelten als zentral für das psychische und körperliche Wohlbefinden. Zahlreiche Studien zeigen, dass sie mit größerer Lebenszufriedenheit und einem geringeren Risiko für Einsamkeit verbunden sind.
Experten raten zum Smalltalk
Wenn Menschen aus Angst vor Langeweile Gespräche gar nicht erst beginnen, verpassen sie wertvolle Gelegenheiten, soziale Kontakte zu knüpfen und in einen gemeinsamen Austausch zu gehen. "Man muss sich deswegen jetzt jedoch nicht wahllos langweilige Interaktionen suchen", erklärt das Team um Erstautorin Elizabeth Trinh: "Aber wir plädieren dafür, die Anforderungen daran, was ein 'lohnenswertes Gespräch’ ist, etwas zu senken."
Selbst ein kurzer Plausch über Alltägliches könne überraschend bereichernd sein – etwa weil die Gesprächspartner dabei mehr entdecken als nur das Thema selbst, einander besser kennenlernen und Spaß am Austausch haben.