Rohstoffe 300 Milliarden Barrel: Woher Venezuelas sagenhafte Ölreserven kommen

  • von Jonas Lüth
Ölförderpumpe im Orinoco-Schweröl-Gürtel in der Nähe von El Tigre, Venezuela
Ölförderpumpe im Orinoco-Schweröl-Gürtel in der Nähe von El Tigre, Venezuela
© Bloomberg / Getty Images
Venezuela verfügt über die größten Ölreserven der Welt – kein anderes Land Lateinamerikas schafft es in die Top Ten. Warum ausgerechnet Venezuela diese Sonderstellung innehat

Am Morgen des 3. Januar 2026 ist Venezuela plötzlich in aller Munde. Eine Spezialeinheit des US-amerikanischen Militärs hat gerade den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro nach New York City entführt, als sich US-Präsident Donald Trump vor die Kameras stellt und sagt: "Wir werden unsere US-Ölunternehmen hinschicken, damit sie die kaputte Öl-Infrastruktur reparieren und anfangen, Geld für das Land zu machen." 

Venezuela besitzt Schätzungen zufolge mit etwa 300 Milliarden Barrel die größten Erdölreserven der Welt, fast ein Fünftel des global bekannten Bestandes. Im Weltranking ist das Land die Nummer eins, noch vor Saudi-Arabien und Kanada. Das nächste lateinamerikanische Land auf der Liste ist Brasilien auf Platz 15 mit "nur" 16 Milliarden Barrel.  

Wenn die Region sonst kaum in dem Ranking vertreten ist, warum sticht Venezuela so hervor? 

Entstehung im Orinoco-Becken

Etwa 80 bis 90 Prozent des venezolanischen Erdöls befinden sich im Orinoco-Becken, dem ausgedehnten Einzugsgebiet des Orinoco-Flusses. Darunter schlummert ein gigantischer Ölgürtel, mit ungefähr 55.000 Quadratkilometern so groß wie Kroatien. Er gilt neben den kanadischen Ölsanden als das größte zusammenhängende Ölfeld der Welt. "Im ostvenezolanischen Becken gab es eine riesige Ölküche. Das ist der Bereich, in dem sich das Erdöl bildete", sagt Martin Pein, Geologe bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).  

Karte Venezuela
Erdölfelder in Venezuela
© Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Venezuela liegt im Norden Südamerikas am Karibischen Meer, wo die südamerikanische und die kleinere Karibische Erdplatte aufeinandertreffen. Hier entstanden vor Millionen von Jahren ausgedehnte  Lagunen und Schelfmeere (Flachmeere)  im Bereich des heutigen Orinoco-Beckens. Durch ihre geringe Tiefe waren sie besonders nährstoffreich. Ideale Lebensbedingungen für Plankton und Algen – das organische Material, aus dem Erdöl entsteht.  

Im Bereich des heutigen Venezuela transportierte der Orinoco, der zweitgrößte Fluss Lateinamerikas, große Mengen an Sedimenten in diese Flachmeere; hinzu kam Material aus den Anden, das über kleinere Nebenflüsse eingetragen wurde. Nach ihrem Absterben sanken die Kleinstlebewesen auf den Meeresboden und vermengten sich dort mit  den angeschwemmten Sand- und Gesteinsablagerungen aus den Flüssen – Zutaten des späteren Muttergesteins des Erdöls.  

Langsam und stetig schob sich die karibischen Platte ostwärts und drückte das Muttergestein schnell in Tiefen ab, in denen sich das organische Material durch Druck und Hitze zu Erdöl wandeln konnte.  

Erhaltung im Sandstein

"Für ein Ölfeld braucht man neben dem Muttergestein ein geeignetes Speichergestein und eine abdichtende Formation", sagt Martin Pein. "Speichergesteine sind meist Sandsteine oder Karbonate, abdichtende Formation oft Tonsteine oder Salzlagen."   

Entstandenes Erdöl bleibt in großer Menge erhalten, wenn es sich vom Muttergestein löst und waagerecht durch poröse Schichten in ein Speichergestein sickern kann, ohne an die Oberfläche zu entweichen. Im Orinoco-Becken wanderte der Rohstoff über Jahrmillionen Hunderte Kilometer Richtung Süden – in das Speichergestein am Hauptlauf des Orinoco. Sandsteine saugten das Öl wie ein Schwamm auf, darüber eine undurchlässige Decke aus Tongestein. Es ist also eine geologische Fügung, dass genau hier perfekte Bedingungen für die Entstehung und Erhaltung des Orinoco-Schweröl-Gürtels herrschten, auf den es US-Präsident Trump nun abgesehen hat.  

Aufwendige Förderung

Nur zwischen 250 und 1200 Meter unter der Erdoberfläche liegt dieser Erdölgürtel. Doch das  Schwer- und Schwerstöl  ist zähflüssig und hat einen hohen  Schwefel- und Metallgehalt. Anders als das leicht zu fördernde amerikanische Fracking-Öl ist seine Gewinnung aufwendig und deshalb teuer.  

Bei der Bemessung der Ölreserven eines Landes spielt auch der Preis der Förderung eine gewichtige Rolle: Nicht die Gesamtheit des im Boden vorhandenen Erdöls wird gezählt, sondern lediglich diejenigen Reserven, deren Bergung wirtschaftlich sinnvoll erscheint. Unter Berücksichtigung moderner Fördertechniken wurde der  venezolanische Orinoco-Schweröl-Gürtel Mitte der  2000er-Jahre  unter anderem vom United States Geological Survey neu bewertet, später von der OPEC standardisiert. Damals sprangen die Schätzungen der Ölreserven in Venezuela von 100 auf 300 Milliarden Barrel, plötzlich war das Land Weltspitze.  

Doch viele dieser Barrel sind nur mit hohem Aufwand zu gewinnen. Auf dem Papier ist Venezuela also ein Ölparadies, es bleibt aber abzuwarten, ob US-Konzerne hier tatsächlich hohe Gewinne erwirtschaften können. 

Nicht nur Venezuela

Dass Venezuela der Staat mit den größten Ölreserven ist – und das einzige Land in Lateinamerika mit derartigen Vorkommen – könnte auch eine Momentaufnahme sein. Bereits in den 1930er-Jahren wurde hier Erdöl entdeckt. Genug Zeit also, um das Ausmaß der Lagerstätten zu bestimmen. "Venezuelas Nachbarland Guyana hat sich seit den Offshore-Funden ab dem Jahr 2015 in kürzester Zeit von einem Nicht-Produzenten zu einem der am schnellsten wachsenden Ölförderländer weltweit entwickelt", sagt Martin Pein vom BGR. Die Exploration hat hier erst begonnen, aktuell werden die Ölreserven auf elf Milliarden Barrel geschätzt. Aber das ist wohl nur der Anfang.