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Wegen Hormonen Das weibliche Gehirn schrumpft in der Schwangerschaft

Ein Arzt schaut sich ein Röntgenbild eines Gehirns an
Während der Schwangerschaft kommt es im Körper zu großen Veränderungen. Ein Forscher-Team aus Barcelona konnte zeigen, dass sogar das Gehirn schrumpft
© Cavan Images/ Imago
Während der Schwangerschaft kommt es im Körper der Mütter zu starken Veränderungen. Forschende haben herausgefunden, dass sogar das Gehirn schrumpft. Sind Schwangere deswegen häufig vergesslich? Und bildet sich die Hirnmasse wieder zurück?

Während einer Schwangerschaft verändert sich der weibliche Körper radikal: Die Gelenke im Becken der Frau werden lockerer, das Baby schiebt die Organe im Bauch der Mutter beiseite. Schwangerschaftshormone sorgen unter anderem für Übel-, Müdigkeit und Rückenschmerzen.

Was man erst seit einigen Jahren weiß: Eine Schwangerschaft hat auch Auswirkungen auf das weibliche Gehirn. Forschende konnten zeigen, dass die graue Masse im Gehirn während und nach der Schwangerschaft abnimmt. Oder drastischer formuliert: Das Gehirn schrumpft.

Das klingt ziemlich unheimlich. Sind Schwangere deswegen häufig so vergesslich? Und wird das Gehirn nach der Geburt wieder größer?

Unheimliche Veränderung: Hirnvolumen nimmt in der Schwangerschaft ab

Für eine Studie der Universität Barcelona haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Magnetresonanzbilder von 25 Erstgebärenden vor und nach der Schwangerschaft untersucht. Zum Vergleich wurden 19 erstmalige Väter sowie eine Kontrollgruppe aus 20 Frauen und 17 Männern ohne Kinder untersucht. Die Forschenden sammelten Informationen über die Teilnehmenden über einen Zeitraum von fünf Jahren und vier Monaten.

Das Ergebnis: Das Hirnvolumen nahm bei den schwangeren Teilnehmerinnen ab. Die graue Hirnsubstanz ging unter anderem in den Arealen des präfrontalen und des temporalen Cortex zurück.

"Diese Veränderungen waren so deutlich, dass ein Computeralgorithmus sogar automatisch identifizieren konnte, ob eine Frau zwischen den beiden Untersuchungen schwanger gewesen war oder nicht", sagt die Neurowissenschaftlerin Dr. Erika Barba-Müller, welche die Studie mitverantwortete. "Eine spätere Untersuchung der Frauen zeigte, dass die Veränderungen über längere Zeit anhielten und auch zwei Jahre nach der Geburt des Kindes noch bestanden."

Eine Wiederholung der Studie brachte dieselben Ergebnisse

Die Ergebnisse der Studie wurden 2016 in "Nature Neuroscience" veröffentlicht. Hauptautorin war Dr. Elseline Hoekzema. Die Naturwissenschaftlerin hat sich nochmals der Thematik angenommen, und die Studie an der Universität Amsterdam wiederholt. Bei 40 schwangeren Frauen wurden kurz nach der Geburt wieder Hirnscans durchgeführt, bei 28 der Frauen wiederholte man diese ein Jahr später. Mit demselben Ergebnis: Im Vergleich zur Kontrollgruppe (40 nichtschwangere Frauen) waren die Gehirne der Schwangeren wieder kleiner, wie die Ergebnisse der im November 2022 veröffentlichen Studie zeigen.

Das Gehirn schrumpft, zeigt aber mehr Leistung

Schwangere berichten immer wieder über Vergesslichkeit und ein schlechtes Gedächtnis. Doch die Forschenden beider Studien konnten keine Veränderungen kognitiver Funktionen bei den Schwangeren beobachten. Im Gegenteil.

"Die Ergebnisse deuten auf einen Anpassungsprozess hin, der mit dem Vorteil einer besseren Erkennung der Bedürfnisse des Kindes verbunden ist, wie zum Beispiel die Identifizierung des emotionalen Zustands des Neugeborenen", sagt Oscar Vilarroya, ein Leiter der Studie in Barcelona. Das bedeutet, dass Mütter durch die Veränderung in ihrem Gehirn die Bedürfnisse ihres Babys deutlicher erkennen könnten.

Gehirn bei Müttern spezialisiert sich

Doch warum wird das Gehirn bei zusätzlicher Leistung kleiner, und nicht größer? Das Team aus Spanien geht davon aus, dass bei Schwangeren ein ähnlicher Prozess im Gehirn ablaufen könnte wie bei Jugendlichen in der Pubertät. Bei Teenagern werden Nervenverbindungen, die wenig genutzt und damit überflüssig werden, abgebaut. Häufig gebrauchte Nervenverbindungen werden dafür gestärkt. Die Folge: Bereiche des Gehirns können effizienter arbeiten. Dieses Phänomen gibt es auch bei anderen Säugetieren.

Eine solche Spezialisierung im Gehirn könnte auch bei Schwangeren stattfinden, vermuten die spanischen Forschenden. Denn kognitive Einbußen zeigten die Probandinnen nach der Schwangerschaft nicht. Das Gehirn funktionierte wie zuvor. Der Rückgang des Hirnvolumens bedeutet also nicht, dass die Schwangerschaft mit dem Verlust von Hirnzellen verbunden ist.

Schwangerschaftshormone sorgen dafür, dass die graue Hirnsubstanz abnimmt

Doch warum kommt es überhaupt dazu, dass bei Schwangeren das Gehirn schrumpft? Die an beiden Studien beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass die starken hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft Auswirkungen auf das Gehirn haben. Den genauen Grund für den leichten Volumenrückgang konnte beide Studie nicht klären. Auch auf die Frage, ob sich das Gehirn irgendwann wieder ausdehnt, hatten die Foschenden keine Antwort.

Die Untersuchungen in Barcelona ergaben, dass das Gehirn der Mütter auch zwei Jahre nach der Geburt des Kindes noch kleiner war, als vor der Schwangerschaft. Der Grund könnte sein, dass der Effekt anhält, da in der Kleinkind-Phase das Wohlergehen des Kindes besonders stark von der Bindung an die Mutter abhängig ist. Bei der Studie aus Amsterdam stellten die Forschenden aber fest, dass sich das Hirnvolumen der Schwangeren zu großen Teilen wieder in den Zustand von vor der Schwangerschaft ausgedehnt hatte. Vor allem im Hippocampus-Komplex, der vorwiegend für die Gedächtnisleistung zuständig ist.

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