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Pause im Kopf Mind Blanking: Was im Gehirn passiert, wenn die Gedanken stillstehen

Frau schaut in die Ferne
Der Blick ist starr, die Gedanken sind losgelöst und Ruhe kehrt ein im Kopf: beim Mind Blanking kommen wir kurz zum Stillstand
© simona - Adobe Stock
Man ist hellwach und trotzdem abwesend – manchmal geht der Blick ins Leere, für einen Moment lang scheint der Kopf stillzustehen. Ein belgisches Forschungsteam hat nun untersucht, was in solchen Momenten im Gehirn passiert

Einfach mal innehalten, den Blick in die Weite richten und im Kopf auf Durchzug schalten – das Gefühl, für einen Moment lang alles um sich herum zu vergessen, dürfte jeder und jedem bekannt vorkommen. In den Zeiten von WhatsApp, Social-Media-Plattformen, Streamingdiensten und ständiger Erreichbarkeit ist das allerdings gar nicht so einfach.

Doch ab und zu geschieht es noch: Meist völlig unerwartet, werden die Augen starr und der Geist bekommt Flügel. Unsere Gedanken scheinen ins Nirgendwo zu wandern. Nach einer Weile dann kommen wir wieder zu uns selbst zurück – ohne genau zu wissen, wo wir mit unserem Kopf eigentlich gerade waren.

"Mind Blanking" mit Hirnscanner untersucht

Diesen Zustand, in dem die Gedanken wie weggewischt zu sein scheinen, nennt die Wissenschaft "Mind Blanking" ("Gedankenausblendung"). Das Phänomen tritt häufiger auf, wenn wir müde werden, zum Beispiel nach einem anstrengenden Tag oder einer Aufgabe, die hohe Konzentration erfordert.

Ein belgisches Forschungsteam um den Psychologen Sepehr Mortaheb von der Universität Lüttich hat sich der Frage angenommen, was genau während des Mind Blankings im menschlichen Gehirn passiert. Dazu untersuchten die Forschenden 36 Probandinnen und Probanden mit einem Hirnscanner.

In seinem Versuch schob das Forschungsteam alle Versuchspersonen in einen MRT, um mit der funktionellen Magnetresonanztomografie deren arbeitendes Gehirn sichtbar zu machen. Dann spielten die Forschenden den Probanden zu zufälligen Zeitpunkten ein kurzes Geräusch in der Maschine vor. Die Probandinnen und Probanden sollten im Anschluss an das Geräusch beschreiben, was gerade in ihren Köpfen vorging. Waren sie konzentriert, nahmen sie aktiv ihre Umgebung wahr, schweiften sie in Tagträume ab – oder aber dachten die Männer und Frauen in dem Moment des ertönenden Geräuschs an rein gar nichts?

Bestimmtes Hirnsignal geht mit dem "Mind Blanking" einher

Tatsächlich herrschte in den seltensten Fällen komplette Leere in den Köpfen der Versuchspersonen. Doch in den Fällen, in denen die Probandinnen und Probanden von einer solchen Situation berichteten, schauten sich die Wissenschaftler deren Hirnaktivität genauer an.

Mittels künstlicher Intelligenz gelang es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, ein spezifisches Muster der Hirnaktivität dem "Mind Blanking" zuzuordnen. Den Forschenden zufolge arbeiten währenddessen die verschiedenen Hirnregionen deutlich synchroner als sonst, sie bezeichnen diesen Zustand deshalb als "Ultra-Konnektivität". Die Vermutung: Möglicherweise sei es für das Gehirn in einem solchen Moment schwieriger, dem Bewusstsein neue Informationen hinzuzufügen, woraus die erlebte Leere im Kopf resultieren könnte.

Fragezeichen an der Studie gibt es trotzdem. Denn aus der Vorgehensweise des Experiments lässt sich nicht zweifelsfrei ableiten, dass die Versuchspersonen, die angaben, zum Zeitpunkt des Geräuschs an rein gar nichts gedacht zu haben, dies auch wirklich nicht taten – sich also im "Mind Blanking" befanden.

Möglich wäre auch, dass die Probandinnen und Probanden in dem Moment, als sie im Hirnscanner lagen und das ertönende Geräusch hörten, schlicht nicht aufmerksam genug waren und aus diesem Grund keine Angaben darüber machen konnten, was in ihren Köpfen vor sich ging. Trotzdem: Mit seinen Beobachtungen ist das belgische Forschungsteam nicht allein.

Schlaf und Wachzustand vermischen sich

Ähnliche Untersuchungen hatten australische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Monash University in Melbourne im Jahr 2021 durchgeführt. Sie hatten die Gehirnaktivität gesunder junger Menschen mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) untersucht, um besser zu verstehen, was im menschlichen Gehirn passiert, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, und dabei insbesondere beobachtet, ob zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen – wandernden Gedanken, Mind Blanking und Schlaf – ein Zusammenhang bestehen könnte.

Die Neurowissenschaftler und Psychologen beobachteten während ihrer Versuche am EEG schlafähnliche langsame Wellen im Gehirn, wenn Menschen müde wurden und im Wachzustand in eine Art Gedankenleere eintauchten – ein charakteristisches Muster der Gehirnaktivität für die Schlafphase.

Eine solch auffällige Hirnaktivität könne den Forschenden zufolge so ein breites Spektrum von Aufmerksamkeitsstörungen erklären – von Zerstreung und Konzentrationsproblemen über Mind Blanking bis hin zu Trägheit.

In einem Beitrag für die Monash University schreibt Studienautor Thomas Andrillon: "Unsere Ergebnisse in dieser Studie liefern Hinweise darauf, wie Schlaf und Wachsein im menschlichen Gehirn vermischt sein können und dass dies ein ganz alltägliches Phänomen darstellen könnte."

Ob "Mind Blanking" eine automatische Reaktion des Gehirns ist, die den Körper vor einer Überlastung schützt, ist noch nicht wissenschaftlich geklärt. Allerdings könnten weitere Forschungen Licht ins Dunkel bringen und die Frage klären, ob und wie solche vermischte Schlaf-Wach-Zustände beispielsweise mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) zusammenhängen könnten.

Dem Neurowissenschaftler Thomas Andrillon zufolge hätten von ADHS betroffene Erwachsene und Kinder in der Vergangenheit häufig von Schlaf- und Wachsamkeitsstörungen berichtet und zwar in Verbindung mit Schwierigkeiten, sich auf wenig anspruchsvolle Aufgaben zu konzentrieren.

Aktuell arbeitet das australische Forschungsteam an einer neuen Studie, die den Zusammenhang zwischen Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen bei ADHS genauer untersucht. Ziel ist es, die Mechanismen im Gehirn zu entschlüsseln, die die inhärente Instabilität der menschlichen Aufmerksamkeit erklären, und therapeutische Ziele wie die Verbesserung der Schlafqualität herauszufinden.

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