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Psychologie Trypophobie: Wenn die Angst vor kleinen Löchern krank macht

Trypophobie - Angst vor Löchern / Beispielbild
Nahaufnahme einer reifen Samenhülse der Indischen Lotosblume. In Trypophobie-Gruppen werden Fotos der Pflanze oft gezeigt
© mauritius images / Ekkaluck Sangkla / Alamy
Wer sich beim Anblick einer Bienenwabe oder der kleinen Blasen auf dem Schaum des Cappuccinos unwohl fühlt, der soll womöglich unter Trypophobie leiden. Betroffene verspüren beim Anblick von kleinen Löchern Angst. Das Phänomen nimmt zu, seit es in den sozialen Medien diskutiert wird. Was die Wissenschaft dazu sagt und was gegen die Phobie hilft

Wer Anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Dieses sprichwörtliche große Loch betrifft Menschen mit Trypophobie nicht. Sie haben im Gegenteil Angst oder Abscheu vor kleinen Löchern. Je mehr Löcher auf dem Haufen sind, desto größer die Angst – und das Phänomen nimmt zu, seit es im Internet diskutiert wird.

Das Faszinierende an dem Phänomen der Trypophobie ist, dass oft niemand genau sagen kann, wie die Angst begründet ist und warum sie überhaupt auftaucht. Während eine Fata Morgana ihren physikalischen Ursprung ganz klar als Spiegelung in warmen Luftschichten hat, sieht das bei der Trypophobie ganz anders aus.

Trypophobie: Wortherkunft nicht eindeutig belegt

Es beginnt schon damit, dass nicht verbrieft ist,  wer den Begriff "Trypophobie"wann in die Welt gesetzt hat. Mal ist im Internet die Rede davon, dass eine irische Bloggerin im Jahr 2005 den Begriff als Anleihe ans Griechische erschaffen hat: Der Mix aus Neugriechisch für Loch "trýpa" und altgriechisch für Angst oder Phobie "phóbos".

Dann ist wiederum die Rede davon, dass ein New Yorker Student das Wort 2009 kreiert hat, als er eine Internetseite für Menschen mit Trypophobie online gestellt hat. Wie diese beiden Menschen wohl heißen könnten, ist offenbar in der löcherigen Welt des Internets verschwunden.

Unwohlsein und Angst als Reaktion beim Anblick von Löchern

Inzwischen gibt es diverse Internetseiten und Onlineforen, in denen sich Menschen über ihre Angst vor Lochansammlungen austauschen und auch eine Art "Best of" der extremsten Bilder von kleinen Löchern posten. Die eigenen Reaktionen werden von leichtem Unwohlsein beim Anblick der Muster bis zum starken Übelkeitsgefühl oder auch Angst mit Symptomen wie Gänsehaut, Schwitzen oder Zittern bis hin zur Panikattacke beschrieben. Was aber genau ist Trypophobie nun eigentlich?

Menschen mit Phobie vor Löchern melden sich zunehmend

Definiert wird das Phänomen der Trypophobie als Angst oder Abscheu vor kleinen Löchern. Das kann das Muster einer Samenkapsel ebenso sein wie die Löcher in der Oberfläche eines Badeschwamms, bei technischen Gegenständen oder im Schaum auf dem Kaffee - weshalb die Reaktion auch "coffee bubble phobia" (deutsch "Kaffeeblasen-Phobie") genannt wird. Ebenso phänomenal: Je länger Trypophobie im Internet oder auf Social Media diskutiert und als Begriff verbreitet wird, desto mehr Menschen mit dieser Abneigung und Phobie melden sich zu Wort.

Die US-amerikanische Psychaterin und Angstexpertin Carol Mathews glaubt deshalb, dass es dieses Verhalten wahrscheinlich schon sehr lange gibt. Die Benennung und anschließende Verbreitung des Begriffs der Trypophobie über die Massenmedien habe lediglich dazu beigetragen, entsprechende Rückmeldungen von Menschen zu bekommen.

Fakt ist, dass Trypophobie inzwischen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, in der medizinischen Fachliteratur sowie Psychologie auftaucht und sogar wissenschaftlich untersucht wird – auch wenn die Medizin Trypophobie bisher nicht als Angststörung anerkennt.  Schlichter Ekel vor kleinen Löchern sowie Unwohlsein und manchmal Angst als festgestellte Reaktionen reichen dafür per Definition nicht aus.

Psychologie erforscht die Trypophobie

Erforscht haben die Trypophobie unter anderem die beiden Psychologen Geoff Cole und Arnold Wilkins an der britischen University of Essex. In ihrer Studie im Jahr 2013 haben bei 286 Teilnehmern insgesamt 46 Probanden bestätigt, dass sie den Anblick von  Mustern mit kleinen Löchern kaum ertragen können. Bezogen auf die Gesamtgröße der Gruppe waren das elf Prozent der befragten Männer und 18 Prozent der befragten Frauen. Aber auch die nicht-trypophoben Teilnehmenden zeigten eine Reaktion auf die Bilder. Sie empfanden generell die Fotos mit Lochmustern unangenehmer als die Bilder ohne Trypophobie auslösende Motive.

Selbsttest: Habe ich Trypophobie?

Wenn Sie nun selbst testen möchten, ob Sie Trypohobie haben, können Sie das ganz einfach tun. Klicken Sie sich durch die nun folgende Fotogalerie und horchen in sich hinein, wie Sie sich beim Anblick fühlen. Bekennende Trypophobiker reagieren zum Beispiel auf die folgenden sechs Bilder:

Wissenschaft: Muster lösen Reaktion als Schutz im Gehirn aus

Was aber nun genau die Ursache für den Ekel oder die Angst vor den Ansammlungen kleiner Löcher ist – dazu gibt es bisher verschiedene Theorien und keine einheitliche Aussage der Wissenschaft. Cole und Wilkins kommen zu dem Schluss, dass die Muster von tödlichen Tieren wie einigen Schlangen, Spinnen oder Skorpionen ähnliche Strukturen aufweisen und deshalb der Anblick von kleinen Lochansammlungen eine alarmierende Reaktion bei Trypophobikern auslöst. Sie sprechen deshalb davon, das Trypophobie eher ein Reflex ist, der durch eine biologische Ekelreaktion im Gehirn ausgelöst wird, als eine kulturelle erlernte Angstreaktion.

Studie zeigt Bilder von kranken Körperteilen in Löchern

Tom Kupfer, Autor einer Studie zu Trypophobie an der Universität von Kent, pflichtet diesen Ansichten zur Trypophobie im Prinzip bei - kommt aber zu dem Schluss, dass der Mensch mit der Reaktion der Trypophobie seine eigene Gesundheit schützen will. Dafür hat der Psychologe 300 bekennende Trypophobiker aus Onlinegruppen und parallel 300 Studierende ohne selbstzugeschriebene Trypophobie untersucht. Die Probanden bekamen insgesamt 16 verschiedene Fotos gezeigt. Acht Motive zeigten kranke Körperteile mit lochartigen Schäden. Die anderen acht Motive  zeigten Muster wie Löcher in Ziegeln oder übereinander gestapelte Metallrohre.

Alle 600 Probanden empfanden die Fotos mit den erkrankten Körperteilen als abstoßend. Aber nur die 300 Tryptophobiker sahen auch die anderen, neutralen Lochbilder als ekelerregend an. Kupfer schloss daraus, dass Trypophobie wahrscheinlich einenatürliche Abwehrreaktion ist, damit wir keine Krankheiten wie Masern, Pocken oder Typhus bekommen – also eine Art Schutzmechanismus. Auch ein Parasitenbefall des Körpers oder der Haut könne lochartige Strukturen oder Wunden hinterlassen.

Trypophobie als evolutionäre Anpassung

Unterstützt werden die beiden Theorien zur Trypophobie durch eine Aussage der Angstforscherin Carol Mathews: "Alle Phobien sind irgendwann durch eine evolutionäre Anpassung entstanden." Allerdings seien noch viele neue Forschungen notwendig, um den Zustand der Trypophobie in Gänze zu verstehen.

Was auch die Frage aufwirft, ob Trypophobie heilbar oder zumindest behandelbar ist. Die bisherige Antwort von Seite der Wissenschaft: Einfach wegsehen. Dass die Aversion gegen die Ansammlung von kleinen Löchern nicht als Angst einzustufen ist, sondern in den meisten Fällen als Ekel – dafür hat eine Studie der US-amerikanischen Emory University den Beweis erbracht.

Pupillenerweiterung als Indiz für Ekel oder Angst

Ein Team der US-Universität hat ihren Probanden verschiedene Fotos gezeigt und dabei die Reaktion der Testpersonen anhand der Pupillenreaktion gemessen. Die jeweilige Erweiterung der Pupillen gilt als eindeutiges Indiz dafür, ob ein Mensch nur Ekel oder etwa Angst empfindet. Das Ergebnis: Der angreifende Tiger hat Angst ausgelöst und die zu löcherigem Schaum reduzierte Soße eher Ekel.

Fazit: Greift ein Tiger an, möchte man sich evolutionsbedingt also eher in einem Loch verkriechen – nur auf eines ist dabei unbedingt zu achten: Zu klein darf es natürlich nicht sein.


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