Kognitionsforschung Enkel als Jungbrunnen? Wie Oma-Sein die geistige Fitness stärkt

Enkerlin mit Großmutter am Strand - schauen aufs Meer
Enkelkinder haben einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess ihrer Großmütter
© Oliver Rossi / Getty Images
Nicht nur für viele Kinder ist es super: Großmütter, die regelmäßig ihre Enkelinnen und Enkel betreuen, könnten davon womöglich geistig profitieren

Zeit mit den Enkeln zu verbringen, ist wohl für die meisten Großeltern eine besondere Glücksquelle – und bei Frauen könnte es sogar ihrer geistigen Gesundheit zugutekommen. Großmütter, die in die Kinderbetreuung eingebunden waren, bauten in kognitiven Aufgaben über einen längeren Zeithorizont hinweg weniger stark ab als andere, schreibt ein Forschungsteam von der Universität Tilburg in den Niederlanden im Fachjournal "Psychology and Aging". Dieser Zusammenhang konnte nur bei Frauen nachgewiesen werden. 

"Viele Großeltern kümmern sich regelmäßig um ihre Enkelkinder – eine Betreuung, die Familien und die Gesellschaft im weiteren Sinne unterstützt", sagte die federführende Forscherin Flavia Chereches. Bislang offen gewesen sei, ob sich diese Betreuung auch positiv auf die Gesundheit der Großeltern auswirkt.

Sich kümmernde Großeltern wortgewandter und besser im Erinnern

Um dieser Frage nachzugehen, werteten Chereches und ihre Kollegen Daten von 2.887 Großeltern aus, die Teil einer Langzeitstudie aus Großbritannien – der English Longitudinal Study of Ageing – waren und in diesem Rahmen zwischen 2016 und 2022 dreimal Fragen beantworteten und kognitive Tests absolvierten. Im Schnitt waren die Teilnehmenden 67 Jahre alt, alle waren älter als 50. 

Die Befragten gaben neben vielen anderen Details auch an, wie oft sie sich um ihre Enkel kümmerten und was genau sie mit ihnen machten – von Spielen, Fahrdiensten oder bei den Hausaufgaben helfen bis hin zu Betreuung über Nacht. 

Großeltern, die sich um ihre Enkelinnen und Enkel kümmerten, schnitten bei Gedächtnisübungen und sprachlicher Gewandtheit im Mittel besser ab als solche, die dies nicht taten. Der Effekt blieb auch dann nachweisbar, als das Forschungsteam Faktoren wie Alter und körperliche Gesundheit herausrechnete. 

Henne oder Ei?

Es zeigte sich also ein statistischer Zusammenhang - ursächlich nachgewiesen wurde er mit der Analyse allerdings nicht. Denn: Großeltern mit generell höheren geistigen Fähigkeiten zu Beginn der Studie waren stärker in vielfältigere Aktivitäten mit ihren Enkeln eingebunden und kümmerten sich häufiger um diese. Das wirft die Frage auf, ob der gefundene rein statistische Zusammenhang möglicherweise eher in umgekehrter Richtung zu interpretieren ist: Großeltern, die das dank guter geistiger Fitness noch gut können, kümmern sich eher und häufiger um ihre Enkel. Die Autoren führen dies in ihrer Studie als Einschränkung an – eine umgekehrte Kausalität könne nicht ausgeschlossen werden.

Obwohl nur für Frauen ein positiver Effekt im Zeitverlauf nachgewiesen werden konnte, sagt Altersforscher Stephan Getzmann vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: "Ich würde schon sagen, dass beide Gruppen von Kinderbetreuung profitieren." Bei Männern sei der Effekt sehr klein, doch das könne auch daran liegen, dass weniger Großväter die Aufgaben übernähmen. In der untersuchten Generation hätten selbst Väter in der Betreuung eine geringere Rolle gespielt. Da liege die Vermutung nahe, dass auch die Großväter weniger involviert seien. "Vielleicht ist das in 30, 40 Jahren ganz anders, wenn Großväter viel stärker in die Betreuung eingestiegen sind." 

Egal war, wie oft und wie genau sich die Großeltern kümmerten

Ein Hinweis könnte sein, dass es für die geistige Fitness keine Rolle spielte, wie oft sich die Großeltern um die Enkel kümmerten und welche Aufgaben sie konkret übernahmen. Den Daten zufolge sei für die kognitiven Funktionen offenbar die Tatsache wichtiger, dass betreut werde, als die Häufigkeit oder die Art der Aktivitäten, so Studienautorin Chereches. 

Eine Begründung haben die Forschenden nicht – womöglich reiche für den schützenden Effekt die "allgemeine Erfahrung, sich um die Enkelkinder zu kümmern", mutmaßen sie.

Dem externen Experten Getzmann zufolge decken sich die Befunde mit anderen Erkenntnissen in der Altersforschung. Tätigkeiten, bei denen Kognitives, Körperliches und Soziales zusammengebracht werde – wie etwa auch beim Tanzen – hätten einen positiven Einfluss auf den Alterungsprozess.

Larissa Schwedes