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Gerüchte im Internet Sechs Behauptungen zur Corona-Impfung – und warum sie Quatsch sind

Frau wird geimpft
Rund um die Corona-Impfung gibt es viele Irrtümer
© geargodz/Adobe Stock
Vor allem in sozialen Medien kursieren rund um die Corona-Impfung viele Gerüchte. Doch nicht alle Behauptungen im Netz sind richtig. Wir räumen, unterstützt von Fachärztin Dr. Anahita Fathi, mit sechs verbreiteten Irrtümern auf

Irrtum 1: "Mein Immunsystem ist gut – eine Impfung brauche ich nicht."

Dr. Anahita Fathi ist Internistin am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) und hat an einer Corona-Impfstoffstudie am UKE mitgearbeitet. Sie schildert: "Wir wissen, dass das Alter ein wesentlicher Faktor für einen schweren Verlauf von einer Covid-19-Infektion ist. Wir sehen auch, dass bestimmte Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen eher schwere Covid-19-Verläufe bekommen. Hingegen sehen wir bei Kindern oder jungen Menschen, die keine Vorerkrankungen haben, eher selten schwere Verläufe." Doch auch für Gesunde bestehe eine Gefahr: "Wir können aber nicht ausschließen, dass Personen, die gar kein Risiko-Profil haben, schwer an Covid-19 erkranken". Heißt: Junge, gesunde Menschen haben zwar ein geringeres Risiko, schwer an Sars-CoV-2 zu erkranken, doch auch für sie besteht die Gefahr für einen schweren Krankheitsverlauf.

Was auffällt: Einige Patientinnen und Patienten entwickeln auch nach einem milden Verlauf Folgeerscheinungen. "Sie fühlen sich noch lange nach der Erkrankung abgeschlagen und weniger leistungsfähig. Sie leiden an Long Covid." Die Impfung schütze sowohl vor einem schweren Krankheitsverlauf als auch vor Long Covid, erklärt die Internistin.

Irrtum 2: "Der Impfstoff ist nicht ausreichend erforscht und es könnte zu Langzeitfolgen kommen."

Dr. Anahita Fathi
Dr. Anahita Fathi ist Internistin
© Axel Kirchhof, UKE

"Wir müssen hier zwei Dinge unterscheiden: Langzeitfolgen sind schwere Nebenwirkungen, die auftreten und über einen langen Zeitraum andauern oder gar nicht mehr verschwinden. Diese seltenen Nebenwirkungen treten aber bereits kurz nach der Impfung auf. Dies konnten wir auch bei den Impfstoffen gegen Covid-19 sehen – zum Beispiel die selten auftretenden Herzmuskelentzündungen. Die Frage nach Langzeitstudien hingegen ist die Angst davor, dass die Impfstoffe nicht gut genug erforscht sind. Die Corona-Impfstoffe sind aber so gut untersucht, wie kein anderer Impfstoff, weil sie schon Milliarden Menschen verabreicht wurden – auf der ganzen Welt schaut man dabei auf mögliche Nebenwirkungen und die Wirksamkeit."

Dass normalerweise Impfstoff-Studien länger dauern, liege nicht daran, dass sie zehn Jahre lang untersucht werden, sondern im Normalfall gar nicht in einer so kurzen Zeitspanne – wie bei den Corona-Impfstoffen – so viele Daten generiert werden können. Das habe mehrere Gründe: "Studien sind weniger gut finanziert, es muss im Verlauf geprüft werden, ob sie noch weitergeführt werden können oder es gibt gar nicht so viele Menschen, die die Krankheit haben", erklärt Fathi.

In sozialen Medien wird immer wieder auf den Zusammenhang der Schweinegrippe-Impfung und Spätfolgen verwiesen. 2009 gab es nach der Impfkampagne auffällig viele Narkolepsie-Fälle – vor allem in skandinavischen Ländern. Erst viele Monate nach den Impfungen sind aber die Narkolepsie-Fälle entdeckt worden. Heißt: Die Krankheit wurde bei vielen Betroffenen erst Monate später von Ärztinnen und Ärzten diagnostiziert. Doch eine Studie zeigt, dass die meisten Betroffenen bereits wenige Tage nach der Impfung beziehungsweise innerhalb von sechs Wochen nach der Impfung erste Symptome gespürt haben. Das bedeutet: Die Narkolepsie war eine seltene Nebenwirkung, die bereits kurz nach der Impfung auftrat – viele Fälle sind nur erst später entdeckt worden. Es handelt sich folglich nicht um eine Spätfolge. Weil die Diagnose bei vielen Betroffenen so lange gedauert hat, kann der fälschliche Eindruck entstehen, dass die Schweinegrippe-Impfung noch Monate nach der Impfung Narkolepsie auslösen könnte. Das ist aber falsch.

Später hat man festgestellt, dass diese Nebenwirkung nur bei dem Impfstoff "Pandemrix" aufgetreten ist und nicht bei anderen Schweinegrippe-Impfstoffen. Ursache der Nebenwirkung soll ein Impfverstärker gewesen sein. Den finnischen Behörden war bereits einige Wochen nach dem Impfstart mit dem Impfstoff "Pandemrix" ein 17-facher Anstieg der Narkolepsie-Fälle bei Kindern und Jugendlichen aufgefallen. Deshalb wurde schnell ein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und der seltenen Nebenwirkung hergestellt. Doch durch die Seltenheit des Phänomens hatten es Forschende in den ersten klinischen Studien nicht entdeckt. Heißt: die seltene Nebenwirkung konnte durch zu wenige Studienteilnehmende nicht erkannt werden.

Um Auffälligkeiten, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung stehen, zu erkennen, ist es wichtig, dass diese an die Behörden gemeldet und ausgewertet werden. So können seltene Nebenwirkungen erkannt werden. Durch dieses Vorgehen konnte auch die extrem seltene Sinusvenenthrombose entdeckt werden, die nach Impfungen mit dem Impfstoff von AstraZeneca und Johnson & Johnson aufgetreten war und dadurch die Impfempfehlungen für diese Wirkstoffe angepasst wurden.

Irrtum 3: "Die Impfung kann auch Long Covid auslösen."

"Long Covid ist eine Erkrankung, die man nur bekommen kann, wenn man an Covid-19 erkrankt war. Es ist nicht möglich, durch die Impfung Covid-19 beziehungsweise Long Covid zu bekommen. Das ist so, weil die Impfstoffe nur den Bauplan eines Teils des Virus beinhalten oder einen Teil des Virus in abgeschwächter oder inaktivierter Form, aber kein Impfstoff beinhaltet ein Virus, dass Covid-19 auslösen kann", sagt Fathi. Heißt: Weder die Corona-Infektion selbst noch die Folgeschäden, die man als Long Covid bezeichnet, können durch die Impfung ausgelöst werden.

Irrtum 4: "Totimpfstoffe sind sicherer."

"Das Konzept der Totimpfstoffe gibt es schon sehr lange. Es wird das Virus abgetötet und es werden Teile oder letztlich das ganze Virus geimpft. Von Totimpfstoffen spricht man, wenn die Viren beziehungsweise die Virusbestandteile nicht mehr vermehrt werden können. Dies ist bei mRNA-Impfstoffen auch der Fall. Deswegen sind sie mit Totimpfstoffen vergleichbar." Der Vorteil der mRNA-Impfstoffe sei, dass sie schon milliardenfach verimpft und damit sehr gut erforscht sind. Auch die zugelassenen Vektor-Impfstoffe sind gut verträglich.

"Beide Formen der Corona-Impfung kann auch immungeschwächten Menschen verabreicht werden, das ist bei Lebendimpfstoffen meist nicht der Fall", sagt die Internistin. Bei Lebendimpfstoffen werden nämlich Viren so abgeschwächt, dass sie keine Infektion mehr auslösen können, aber noch eine gute Immunantwort auslösen und so vor einer Infektion schützen – wie zum Beispiel bei Masern.

Irrtum 5: "Die Corona-Impfung kann unfruchtbar machen."

"Die Befürchtung, dass sich die Impfung auf die Fruchtbarkeit negativ auswirkt, ist unbegründet. Beim Corona-Impfstoff ­­­­­­­­­­­– wie bei allen anderen Impfstoffen auch –  muss, bevor sie überhaupt am Menschen getestet werden können, im Tierversuch gezeigt werden, dass sich der Impfstoff nicht negativ auf eine Schwangerschaft und die Reproduktion auswirkt", weiß Anahita Fathi.

Irrtum 6: "Vor allem Geimpfte verbreiten das Virus."

Noch im Sommer hatten Studien bei Geimpften, die sich mit Covid-19 infiziert haben, gleich hohe Viruslasten wie bei Ungeimpften gefunden. Die Annahmen aus diesen Studien beruhten auf PCR-Tests, bei denen der sogenannte Ct-Wert bestimmt wurde. Dieser Wert beschreibt, wie viele Zyklen gebraucht werden, um Sars-CoV-2 nachzuweisen. Ein kleiner Wert bedeutet eine hohe Viruslast. Das sagt aber nicht automatisch aus, dass diese Person hochinfektiös ist. Der Grund: Durch den PCR-Test und die Bestimmung des Ct-Werts wird nur die Virus-RNA, also das Erbgut der Viren, nachgewiesen und nicht wie viele der Viren ansteckend sind. Durch mehrere Untersuchungen ist mittlerweile bekannt, dass die Viruslast bei Geimpften deutlich schneller sinkt als bei Ungeimpften und auch wenn bei Geimpften eine ähnlich hohe Viruslast festgestellt wurde – wie bei Menschen ohne Impfschutz – waren die Viruspartikel bei den Menschen mit Impfschutz weniger oft infektiös. Auch Virologe Christian Drosten erklärte im NDR Podcast "Coronavirus-Update", dass die Durchbruchsinfektionen bei Geimpften meistens milder verlaufen als Infektionen bei Ungeimpften. Weil Geimpfte weniger infektiös seien, geben sie das Virus auch weniger weiter.

Eine kürzlich veröffentliche Studie hat im Modell untersucht, welchen Anteil Ungeschützte am Infektionsgeschehen haben. Die Untersuchung von Forschenden der Humboldt-Universität Berlin ist als Preprint erschienen. In ihrem Modell begutachten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Infektionsdaten vom 11. Oktober bis zum 7. November. In dieser Zeit war die Reproduktionszahl bei 1,2. Eine infizierte Person hat also im Mittel 1,2 Personen angesteckt. Für die Impfeffektivität nutzen die Forschenden den vom Robert Koch-Institut angenommenen Durchschnittswert von 72 Prozent. Das Modellergebnis: 76 Prozent aller Ansteckungen gehen auf Ungeimpfte zurück, die andere infizieren. Die Forschenden haben dies auch für eine Impfeffektivität von 50 bis 60 Prozent berechnet, dabei sind es noch 67 Prozent aller Ansteckungen, die auf Ungeimpfte zurückzuführen sind. Wie in jeder Modell-Studie können natürlich in den Annahmen Schwächen liegen – zum Beispiel bei einer geringeren Impfeffektivität als der angenommenen.


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