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Borneo Ältester Nachweis von Amputation: Forscher entdecken einfüßigen Steinzeitmenschen

Steinzeitmensch mit Amputation / Illustration
Künstlerische Darstellung: Dem Steinzeitmenschen wurde als Kind der linke Unterschenkel amputiert
© Jose Garcia (Garciartist) and Griffith University
Der älteste Nachweis einer Amputation war bislang ein einarmiger Bauer aus Frankreich. Doch nun zeigt ein neuer Fund: Solche OPs gab es bereits mehr als 20.000 Jahre früher

Ein auf Borneo gefundenes Skelett mit nur einem Fuß ist Forscherinnen und Forschern zufolge der älteste Nachweis einer Amputation. Der oder die prähistorischen Chirurgen hätten die Operation vor etwa 31.000 Jahren bereits mit viel medizinischem Sachverstand durchgeführt, schreibt das Wissenschaftlerteam im Fachblatt "Nature". Bislang galt die Unterarm-OP eines Bauern in Frankreich vor rund 7000 Jahren als frühester Nachweis.

"Der neue Fund auf Borneo zeigt, dass Menschen schon verletzte oder von Krankheit betroffene Gliedmaßen abnehmen konnten, lange bevor sie mit Ackerbau begonnen hatten und sesshaft geworden waren", wird Ko-Studienleiter Maxime Aubert von der australischen Griffith University in einer Mitteilung der Hochschule zitiert.

Um das Alter des Skeletts zu bestimmen, hatten die Forscher in der Nähe des Grabes gefundene Kohlestücke mit der Radiokarbonmethode (C14) datiert. Zudem wurde mit einer anderen Technik auch das Alter eines Backenzahns bestimmt.

Das Skelett wurde in der Kalksteinhöhle Liang Tebo im indonesischen Teil von Borneo gefunden. Die Höhle besteht aus drei Kammern, ist etwa 160 Quadratmeter groß und zum Teil mit Felsenkunst bemalt. Bei Ausgrabungen im Jahr 2020 hatte man dort das ziemlich komplette Skelett eines rund 20 Jahre alten Menschen (Homo sapiens) entdeckt, der dort bestattet worden war. Ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, lässt sich den Forscherinnen und Forschern zufolge nicht sicher sagen.

Bei den Ausgrabungen stellten sie fest, dass dem Skelett der linke Fuß fehlt. Die Forscher gehen davon aus, dass dem Steinzeitmenschen etwa ein Drittel des linken Beines bei einer Operation abgenommen wurde. Die Art, wie Schienbein und Wadenbein durchtrennt sind, lasse nicht auf einen Unfall oder einen Tierangriff schließen, schreiben die Wissenschaftler.

Steinzeit-Chirurgen müssen sich gut mit der Anatomie des Menschen ausgekannt haben

Auch eine Bestrafung halten die Forscher für unwahrscheinlich, unter anderem weil der Mensch nach der Operation offenbar gut gepflegt wurde und noch mindestens sechs Jahre lebte. Ungewöhnliches Knochenwachstum als Folge eines Heilungsprozesses an den abgetrennten Knochen lasse den Schluss zu, dass die Amputation bereits im Kindesalter erfolgte.

Die Forscher betonen, dass Amputationen in der westlichen Welt erst seit etwa 100 Jahren zum Standard-Repertoire von Chirurgen gehören. Zuvor galten die Überlebenschancen als sehr gering, unter anderem weil Antibiotika zum Vermeiden von Infektionen fehlten.

Der oder die Steinzeit-Chirurgen müssten sich bereits sehr gut mit der Anatomie von Gliedmaßen, Muskeln und Gefäßsystem des Menschen ausgekannt haben, folgern die Forscher. Denn sie operierten offenbar ohne tödlichen Blutverlust und ohne dass der Patient später an einer Infektion gestoben wäre. Es sei vermutlich nötig gewesen, die Amputationswunde regelmäßig zu säubern und zu desinfizieren, womöglich mit heimischen Heilpflanzen.

Knochen
Die Aufnahme der Knochen zeigt das linke und rechte Bein mit Beckengürtel. Ein Teil des linken Unterschenkels samt Fuß fehlt
© Tim Maloney

"Es war eine große Überraschung, dass dieser frühe Jäger eine sehr schwerwiegende und lebensgefährliche Operation im Kindesalter überlebte", sagt Ko-Autorin Melandri Vlok von der University of Sydney. "Seine Wunde heilte und bildete einen Beinstumpf. Und dann lebte dieser Mensch über Jahre in bergigem Gelände mit eingeschränkter Beweglichkeit. Das legt einen hohen Grad an Pflege durch die Gemeinschaft nahe." Das für den Eingriff notwendige Wissen sei vermutlich über einen langen Zeitraum durch Versuch und Irrtum entstanden und über Generationen weitergegeben worden, heißt es in der Studie.

Unklar ist, warum das Bein abgenommen werden musste. Auch über die Art des Werkzeuges kann nur spekuliert werden, schreibt Charlotte Ann Roberts von der Durham University in einem Kommentar zur Studie. Die Forscher gehen von einem scharfen Gegenstand aus. "Eine weitere spannende Frage ist, ob das Kind für die OP Schmerzmittel bekam, beispielsweise pflanzenbasierte Beruhigungsmittel", schreibt Roberts.

Valentin Frimmer, dpa

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