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Überlebenskünstler Das Monstrum von Kreta: Forschende spüren einer geheimnisvollen Baumart nach

Seit vielen Jahren sind Forschende einer rätselhaften uralten Baumart auf der Spur. GEO begleitet sie auf einer Expedition durch die kretischen Berge
Zwei Kretische Zelkoven vor dem Nachthimmel
Im Gegenlicht zeichnen sich zwei Kretische Zelkoven vom Nachthimmel ab. Sie wachsen nur auf Kreta, als Relikte eines längst vergangenen Erdzeitalters
© Maximilian Gödecke für GEO

Verborgen in den Bergen Kretas lebt "ein Monstrum, das man fast nicht umbringen kann", wie Gregor Kozlowski voll Bewunderung sagt. Seit Jahren ist der Forscher diesem Monstrum auf der Spur. Es hat Mammuts überlebt und andere Feinde, die längst vom Erdball verschwunden sind; Dürre und Kälte überstanden, seit Jahrmillionen. Dabei kann es sich kaum fortpflanzen. Wäre es ein Dinosaurier, die Welt stünde Kopf. Doch Gregor Kozlowski sucht auf Kreta eine der seltensten Baumarten der Erde. Und da fällt die allgemeine Begeisterung bescheidener aus. Ganz zu Unrecht, wie sich erweisen wird: Die Kretische Zelkove, bis zu 20 Meter groß, ist ein höchst lebendiges Fossil. Mit welchen Tricks hat sie das geschafft?

Kozlowski und zwei Kollegen zwängen sich durch einen Zaun aus rostigen Eisenmatten. Ihre Expedition beginnt auf einem Schotterplatz, auf dem ein bemalter Kleinbus ohne Räder verstaubt. Hinter dem Zaun zieht sich ein Wäldchen aus struppigen Bäumen und Büschen einen Hang empor. Hier zeigt die Insel nichts von dem, was Reisende an ihr lieben: das Meer, die antiken Prachttrümmer und die Schluchten, auch wenn sie nah sind. Ausgerechnet in diesem Niemandsland am Fuße der Weißen Berge soll sich eine botanische Sensation verbergen?

Die Büsche sind teils mehr als 500 Jahre alt, die großen Bäume meist deutlich jünger

Nach wenigen Metern sind die Forscher am Ziel. Expeditionsleiter Gregor Kozlowski, Direktor des Botanischen Gartens der Universität Freiburg in der Schweiz, packt braune Kaffeefilter aus. Ein paar davon reicht er dem Forstwissenschaftler Giuseppe Garfì. Der 65-jährige Sizilianer ist der wohl beste Kenner der Gattung Zelkova. Der dritte im Bunde, Dariusz Gwiazdowicz, polnische Koryphäe für wirbelloses Kleingetier wie Milben und Springschwänze, inspiziert vermooste Stämme und Asthöhlen.

"Ich nehme die großen Bäume, nimm du die kleinen", bittet Kozlowski seinen Freund Garfì und greift nach einem Zweig über seinem Kopf. Davon pflückt er 20 Blätter in einen Kaffeefilter, jedes gut zwei Zentimeter lang, an den Rändern gezackt. Garfì dagegen muss sich tief beugen, um Blätter von einem kniehohen Strauch zu klauben. Dessen Blätter sind nur halb so groß, und die dicht verästelten Zweige erinnern an Filz.

An ihren Wurzeln bildet die Zelkove Klone ihrer selbst. Diese können die Mutterpflanze mit Nährstoffen versorgen: eine nützliche Strategie in schweren Zeiten. Echter Nachwuchs hingegenist selten. Er keimt aus befruchteten Samen und hat daher eigene Wurzeln   
An ihren Wurzeln bildet die Zelkove Klone ihrer selbst. Diese können die Mutterpflanze mit Nährstoffen versorgen: eine nützliche Strategie in schweren Zeiten. Echter Nachwuchs hingegenist selten. Er keimt aus befruchteten Samen und hat daher eigene Wurzeln
 
© Maximilian Gödecke für GEO

Mit etwas Abstand sieht es so aus, als würde Garfì Blaubeeren pflücken, während sich Kozlowski nach Äpfeln streckt. Busch und Baum haben für das ungeschulte Auge keinerlei Ähnlichkeit – und doch gehören beide zur selben Art.

"Gregor, hier ist etwas falsch!" Kozlowski erinnert sich sehr gut an den Anruf von Laurence Fazan, die zum Projektstart vor 16 Jahren als Studentin genau hier unterwegs war. Rund 40 Zelkoven sollte es dort geben, hatten einheimische Botaniker geschätzt. Nach einer halben Stunde im Gelände griff Fazan zum Telefon. "Gregor, wir finden Hunderte!"

Kozlowskis Team hat seither hochgerechnet, dass es in Kretas Bergen mehr als eine Million Zelkoven gibt! Aber nur 20.000 davon in Gestalt von Bäumen, der große Rest sind Sträucher.

Altersbestimmungen lieferten die nächste Überraschung: Die Büsche sind teils mehr als 500 Jahre alt, die großen Bäume meist deutlich jünger. Sehr merkwürdig und zugleich ein Ansporn.

"Wir wollten diesen Baum immer weiter erforschen", sagt Kozlowski, der inzwischen 60 Jahre alt ist. Am Anfang war seine vierjährige Tochter mit dabei. Jetzt studiert sie und sagt: "Hör endlich auf mit deiner Zelkove."

"Aber wie soll man aufhören, wenn eine Art so viel zu erzählen hat?", fragt Kozlowski, der im Laufe der Jahre ein internationales Zelkova-Forschungsnetzwerk von rund 30 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aufgebaut hat. Auch eine eigene Webseite hat die Pflanze. Aber jetzt muss Schluss sein. Kozlowskis Forschungsmittel laufen aus. Auf dieser letzten Expedition will er mithilfe von DNA-Analysen der Blätter noch eine Frage beantworten, die ihn von Anfang an beschäftigt. Er zeigt um sich: "Sind all diese Bäume und Sträucher hier verschiedene Individuen?"

"Oder sind sie womöglich alle ein und derselbe Baum?"

66 Millionen Jahre zuvor: Die Welt geht unter – und blüht auf

Die Geschichte der Zelkove beginnt mit jenem Meteoriteneinschlag vor 66 Millionen Jahren, der die Dinosaurier auslöscht. Staub und Asche verdunkeln über Jahre die Welt, Pflanzen können kaum noch Fotosynthese betreiben. Hunderttausende Arten sterben, darunter auch zwei Drittel der Bäume. Die Wälder jener Zeit sind geprägt von Palmfarnen, Nadelhölzern und Ginkgogewächsen, allesamt "Nacktsamer", also Pflanzen, deren Samen nicht von einem Fruchtblatt umschlossen sind.

Kretas größte Zelkove
Der Rackham-Baum: Kretas größte Zelkove, benannt nach einem Forscher, zieht auch Expeditionsleiter Gregor Kozlowski (r.) Guiseppe Garfì (o.) und Dariusz Gwiazdowicz (l.) an. Dimos Dimitriou, Leiter der Forstdirektion Chania, und Ilektra Remoundou vom Institut MAICh begleiten das Team.
© Maximilian Gödecke für GEO

Der Tod aber gebiert Leben: Schlagartig werden zahlreiche ökologische Nischen frei. Es beginnt nicht nur der Siegeszug der Säugetiere, sondern auch der Vormarsch der Blütenpflanzen bekommt einen gewaltigen Schub. In Gestalt von Laubbäumen und unzähligen farbig blühenden Kräutern locken diese "Bedecktsamer" Insekten und andere Bestäuber an; in schmackhafte Früchte verpackt, werden ihre Samen gefressen und andernorts wieder ausgeschieden. Diese Strategien haben vermutlich dazu beigetragen, dass es heute nur noch rund 1.000 Arten von Nacktsamern und etwa 300.000 Blütenpflanzen gibt.

Besonders gute Startbedingungen für das blühende Leben bieten das subtropische Klima und die abwechslungsreiche Topografie Ostasiens. Dort entwickelt sich auch die Gattung Zelkova aus der Familie der Ulmengewächse.

Ein Barockgarten voller Gespenster

Mit lautem Gebimmel wandern Schafe über die Straße durch die Omalos-Ebene in den Weißen Bergen auf Kreta, blockieren einen Bus, der Touristen zur nahe gelegenen Samaria-Schlucht bringt. Tausende durchwandern den spektakulären Canyon jeden Tag.

Kaum jemand folgt dem Holzschild "Uralter Abelitsia-Baum". Bei einem Dino-Park würde wohl jeder abbiegen. Aber wer weiß schon von dem kretischen Überlebenskünstler?

Kozlowski spricht hier von "Pflanzenblindheit", für Botaniker ein Dauerthema. Bäume und Sträucher sind für die meisten Menschen nur Hintergrund. Schon in Höhlenmalereien kommt nichts Pflanzliches vor. Vielleicht, weil wir selbst Säugetiere sind.

Auch die meisten Stiftungen engagieren sich lieber für charismatische Tierarten als für Pflanzen. Ein Ungleichgewicht, schließlich gibt es dreieinhalbmal so viele Baumarten wie alle Säugetier- und Vogelarten zusammen: rund 60.000. Und ein Drittel sind vom Aussterben bedroht. Kozlowski hatte Glück, dass er die Schweizer Privatstiftung Franklinia für seine Forschung gewinnen konnte. Sie fördert den Schutz seltener Baumarten.

Allenfalls hartgesottene Botaniker finden den Trampelpfad zum "uralten Abelitsia-Baum". Er führt durch einen bizarren Bonsai-Wald. Neben Zelkoven-Sträuchern stehen Miniatur-Kermeseichen und Ahorn-Zwerge, deren scharfspitzige Blättchen an eine Stechpalme erinnern. Manche von ihnen sind flach wie Bodendecker, viele sehen aus wie zauselige Vogelscheuchen. Hier und da erheben sich akkurat gerundete Fantasiegestalten wie in einem Barockgarten.

Kreta aus der Luft
Kreta ist geprägt von zahlreichen geologischen Umwälzungen. Über zeitweilige Landbrücken zum Festland konnten Pflanzen auf die gebirgige Insel einwandern, darunter die Zelkove
© Maximilian Gödecke für GEO

"Im Barock wollten Gärtner durch Formenschnitte ihre Beherrschung der Natur demonstrieren", erzählt Giuseppe Garfì. "Hier aber sind Ziegen am Werk."

Hunderttausende weiden in Kretas Bergen und fressen die frischen Triebe der Bäume. Stellen sie sich auf ihre Hinterläufe, reichen sie zwei Meter hoch.

Die Zelkove setzt sich zur Wehr: Wenn ein Tier an ihren frischen Trieben knabbert, reißt es mit den Blättern auch die Rinde ab. Zurück bleibt ein spitzer, hölzerner Kern. So verwandeln sich die Triebe bei Fraßattacken in Dornen, die weiter innen liegende Blätter schützen. Deren Fotosynthese reicht aus, um die Pflanze am Leben zu erhalten. Viele Büsche wirken mehr grau als grün, so dominant ist das dichte Astgewirr.

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Die vegetativen Triebe, die dem Wachstum dienen, werden gefressen. So werden die Bonsais immer älter, ohne nennenswert zu wachsen. Und nie haben sie die Chance, im Frühjahr Blüten zu entwickeln. Denn Fruchttriebe entwickeln sich nur an Trieben des Vorjahres.

Garfì stellt sich neben eine Bonsai-Zelkove, die aussieht wie eine mannshohe, leicht bauchige Vase, aus der oben große Zweige herausragen – außer Reichweite für die Ziegen. Dadurch konnten die Triebe durchstarten und in nur einem Jahr bis zu 80 Zentimeter lang werden.

Nach ein paar Hundert Metern erreichen die Forscher den gesuchten Baum-Methusalem. Mehr als 700 Jahre muss es her sein, dass Triebe von Kretas größter Zelkove den gefräßigen Ziegen entkommen sind. Heute ist der Baum fast zwanzig Meter hoch, mit ausladender Krone und einem Stamm, so dick, dass ihn die drei Männer vermutlich knapp gemeinsam umfassen könnten. Er wird "Rackham-Baum" genannt, nach dem verstorbenen englischen Botaniker Oliver Rackham, der viel über die Entstehung der kretischen Landschaft geschrieben hat.

Jeder Baum ist ein eigenes Ökosystem. Wir kennen bisher nur die Spitze des Eisbergs – Gregor Kozlowski

Der rechte Arm von Dariusz Gwiazdowicz verschwindet in einer Höhle am Fuße des Stammes. Dann zieht er eine kleine Menge Holzmehl heraus und füllt sie samt etwas bemooster Rinde in eine Tüte. "In einer Handvoll Material können sich Hunderte Arten Milben, Springschwänze und Spinnen finden", erklärt der Spezialist für Raubmilben. "Sie zu bestimmen, kann Jahre dauern." Zehn neue Arten von Springschwänzen und Milben hat er schon auf der Kretischen Zelkove entdeckt. Darunter die Raubmilbe Hypoaspisella kozlowskii, die er nach Gregor Kozlowski benannt hat.

Wie komplex allein die Welt kleiner Gliederfüßer auf der Kretischen Zelkove ist, lässt eine Entdeckung von Kozlowskis Doktorandin Laurence Fazan erahnen: eine zuvor unbekannte Gallmücke, die ihre Eier ausschließlich in die Staubfäden der Zelkova-Blüten legt. Die Pflanze umschließt sie sodann mit einer Galle. Aus den kleinen braunen Kugeln schlüpften unter Fazans Aufsicht jedoch nicht nur Mückenlarven, sondern auch drei ebenfalls unbekannte parasitische Wespenarten. Sie legen ihre Eier wiederum in die Gallen. "Bei der Bestimmung der Wespen mussten wir aufhören", räumt Kozlowski ein. "Jeder Baum ist ein eigenes Ökosystem. Wir kennen bisher nur die Spitze des Eisbergs."

Giuseppe Garfì sammelt Blätter für Genanalysen
Giuseppe Garfì sammelt Blätter für Genanalysen. Ziegen verwandeln Zelkoven (o.), Ahorn (l.) und Kermeseichen in bizarr geformte Büsche
© Maximilian Gödecke für GEO

Der Botaniker kniet zwischen dicken Baumwurzeln und gräbt vorsichtig mit einem Taschenmesser einen Sämling aus: vier Blättchen an einem drei Zentimeter langen Stiel mit feinsten Wurzeln. Kozlowski lässt das Pflänzchen in eine Tüte gleiten. "In ein paar Tagen würde es ohnehin von Ziegen oder Schafen niedergetrampelt werden", entschuldigt er sein Tun und erklärt: "Das muss Nachwuchs vom Rackham-Baum sein."

Denn die Frucht, die wie ein unförmiges Nüsslein wirkt, fällt nie weit vom Stamm. Alle sechs Zelkova-Arten weltweit haben bis heute den gleichen ungewöhnlichen Verbreitungsmechanismus: Im Herbst werfen sie reife Früchte mitsamt einem Stück Zweig ab. Dessen trockene Blätter dienen als Segel, die den Fall verlangsamen und die Frucht im Wind noch ein Stück weitertragen.

Bio-Ingenieurinnen haben im Labor ein ballistisches Modell für das "chaotische Flugmuster" der Samen erstellt. Bei leichtem Wind dürfte demnach der Flugradius der Früchte des Rackham-Baums rund 130 Meter betragen. Im Vergleich zu anderen Baumarten ist das nicht viel. Offenbar war es also stets das Ziel der Zelkove, innerhalb ihres angestammten Ökosystems zu bleiben – und nicht, sich neue geografische Räume zu erobern.

Doch genau das ist passiert.

Kozlowski: "Das muss man sich mal vorstellen: Mit 130 Metern pro Jahr hat es die Zelkove von Ostasien bis nach Europa geschafft."

Wanderjahrmillionen

Vor 35 Millionen Jahren ist die Zelkove in den Mischwäldern der nördlichen Hemisphäre bereits weit verbreitet, selbst auf Grönland, dem "grünen" Land. Denn das Klima in Europa und in der Arktis ist wärmer und feuchter als heute. Als sich das Himalaja-Gebirge in unüberwindbare Höhen auffaltet und die Wüste Gobi entsteht, teilen sich asiatische und europäische Zelkove in verschiedene Arten auf.

Katsouna, der kretische Hirtenstarb
Katsouna heißt der kretische Hirtenstarb, traditionell aus Zelkovenholz geformt
© Maximilian Gödecke für GEO

Andernorts ebnet die Tektonik der Zelkove neue Wege: Vor knapp sechs Millionen Jahren schließt sich vorübergehend die Straße von Gibraltar, und das Mittelmeer fällt trocken. So gelangt die Zelkove auf dem Landweg nach Sizilien und Kreta. Einige Hunderttausend Jahre später entwickelt sich das mediterrane Klima aus heißen, trockenen Sommern und milden, feuchten Wintern. Also wandert die Zelkove in höhere Lagen und passt sich im Laufe der Evolution an: Ihre Blätter bilden eine wachsartige Oberfläche mit feinen Haaren, die vor Verdunstung schützt. Zugleich kann ihr Gewebe mehr Wasser speichern.

Doch dann, vor 2,6 Millionen Jahren, bricht ein neues Erdzeitalter an, geprägt von eiszeitlichen Klimaschwankungen. Das Quartär hat dramatische Auswirkungen auf die globale Pflanzenwelt. Europa ist besonders betroffen: Während im Norden die Gletscher vorrücken, ist der Weg in den wärmeren Süden versperrt. Von Ost nach West verlaufen inzwischen die Alpen, und das Mittelmeer ist wieder gefüllt. Als vor 20.000 Jahren die letzte – und härteste – Eiszeit Europa überzieht, verschwinden viele Baumgattungen vom Kontinent, nur wenige Arten überleben als "Relikte" in isolierten Refugien. Darunter die Buche, die unter anderem im heutigen Albanien und auf der italienischen und der iberischen Halbinsel Zuflucht findet und nach dem Ende der Eiszeit wieder nordwärts wandert.

Auch die letzten Festland-Zelkoven sterben. Nur ganz im Süden, auf Sizilien und Kreta, leben zwei unterschiedliche Arten fort. Auf Kreta überdauern die Bäume nur oberhalb von 900 Metern, an rund 40 Standorten in vier Bergregionen (siehe Karte Seite 90). Genetisch unterscheiden sich diese Populationen deutlich, sie müssen also schon lange voneinander isoliert sein.

Vier weitere Zelkova-Arten überleben im Kaukasus und in Ostasien.

Heute gibt es weltweit nur einige Hundert Reliktbaumarten aus längst vergangenen geologischen Epochen, in Europa sogar nur ein Dutzend. Weil sie schon so viele Klimawandel überlebt haben, könnten sie für die aktuelle Erderwärmung besonders gut gewappnet sein. "Wenn es weiter wärmer wird, können Reliktbäume eine Führungsrolle übernehmen", so Kozlowski. "Die Flügelnuss aus dem Kaukasus verbreitet sich schon wieder. Sie wird in ein paar 10.000 Jahren auch wieder bei uns wachsen."

Die Kretische Zelkove aber bleibt auf der Insel gefangen.

Selbstverteidigung mit Borsten, Dornen, Stacheln

Gregor Kozlowskis Team fährt ins Zentrum Kretas, um am Berg Kedros weitere Proben zu sammeln. In engen Serpentinen geht die Fahrt vorbei an Terrassen mit Olivenhainen, Zypressen und Pinien, und schließlich biegen die Forscher auf eine Piste ab, die in steile Schotterhänge getrieben wurde. Kleine Steinlawinen säumen den Weg, ein Gänsegeier kreist hoch über ihnen.

Schafe und Ziegen auf Kreta
Den vielen Schafen und Ziegen trotzt Kretas typische Polstervegetation mit flachem Wuchs, Borsten und Stacheln
© Maximilian Gödecke für GEO

Kaum ein Baum wächst hier, Pflanzenkissen überziehen die Hänge: Silberdisteln, Thymian, rosafarbene Igelpolster. "Es gibt 100, 200 Arten auf Kreta, die eine Polsterform haben", erklärt Kozlowski. "Wie die Zelkove haben sie sich angepasst, um nicht gefressen zu werden." Mit Borsten, Stacheln, Dornen – oder einem so flachen Wuchs, dass sie nicht abgebissen werden können.

Und wie die Zelkove sind viele dieser Pflanzen einst vom Festland eingewandert und haben sich auf Kreta zu eigenen Arten entwickelt: angepasst an das mediterrane Klima und die ständige Beweidung. Zugleich bietet die kretische Landschaft mit ihren Bergen, Schluchten und Rinnen viele Mikro-Refugien mit jeweils eigenem Klima. Ein Zehntel von Kretas Pflanzenarten ist endemisch, kommt nur hier vor.

Doch wie der Botaniker Oliver Rackham vor mehr als 40 Jahren feststellte: "Die vielen Verteidigungsmechanismen der Pflanzen können sich nicht in den wenigen Jahrtausenden seit Ankunft der Schafe und Ziegen entwickelt haben."

Zwerghippos und Bonsai-Bäume

Vor zwei Millionen Jahren beginnt eine völlig andere Liga von Pflanzenfressern nach Kreta einzuwandern: Rotwild, Mammuts, Flusspferde. Sie schwimmen vom europäischen Festland herüber. In ihrer alten Heimat konnten ihnen Europäische Löwen, Säbelzahnkatzen und Hyänen gefährlich werden, auf Kreta jedoch gibt es keinen Fleischfresser, der größer ist als ein Dachs. Die Einwanderer haben also nichts zu befürchten. Allerdings ist das Nahrungsangebot auf der Insel begrenzt.

Also schrumpfen sie: die Mammuts auf das Maß einer Holsteiner Kuh, die Flusspferde auf die Größe von "Zuchtsauen auf einer Landwirtschaftsschau", das Rotwild auf "Taschenformat", so der Wissenschaftsautor David Quammen in einem Buch über Inselökologie.

Milbenexperte Dariusz Gwiazdowicz sammelt Rinde mit Moosen und Flechten von einer Zelkove
Milbenexperte Dariusz Gwiazdowicz sammelt Rinde mit Moosen und Flechten von einer Zelkove. In 250 Gramm leben bis zu 2.500 Wirbellose. Sie zu bestimmen, dauert Jahre
© Maximilian Gödecke für GEO

Auf dem Speiseplan der Pflanzenfresser stehen auch die Zelkoven. Die haben fortan kaum noch eine Chance, sich zu stattlichen Bäumen zu entwickeln. Also bewehren sie sich mit stachelartigen Trieben – und überleben als Bonsais.

Zwergmammuts und Hippos sterben bereits vor Jahrhunderttausenden aus. Das Rotwild verschwindet vor rund 10.000 Jahren, als auch die ersten Menschen nach Kreta gelangen. Möglichweise wurde es ausgerottet. Zugleich bringen die ersten Siedler neue Fressfeinde auf die Insel: Ziegen und Schafe.

Da ist die Kretische Zelkove bereits gewappnet. Doch das Überleben als Bonsai hat bekanntlich einen hohen Preis: Nur wenige Bäume kommen zur Blüte und können sich durch Samen fortpflanzen. Und das seit nunmehr zwei Millionen Jahren.

Aber Zelkova abelicea hat einen Weg gefunden, sich dennoch zu vermehren. Und zwar ohne Nachwuchs.

Wie Kabel in verschiedenen Stärken verlaufen Wurzeln am erodierten Rand der Piste. Zwischen Kalkgestein liegt kaum noch Erde. Eine schüttere Zelkove, einen halben Meter hoch, klammert sich an ein Stück Fels. "Kein guter Standort", sagt Giuseppe Garfì. Dann folgt er einer Wurzel mehrere Meter an der Böschung entlang. Sie führt zu einer anderen Zelkove. "Diese Pflanze ist eine jüngere Version der Zelkove am Felsen", erklärt Garfì. "Falls nötig, kann sie ihre Mutterpflanze mit Nährstoffen versorgen."

Überleben als Klon

Diese Strategie ist typisch für Pflanzen, die schwierige Bedingungen überleben müssen: Sie bilden an ihren Wurzeln Triebe, aus denen neue Pflanzen entstehen. Diese "vegetative Regeneration" erfordert keine Blüten, keine Bestäubung. Sie ist ungeschlechtlich. "Das ist also kein Nachwuchs", erklärt Garfì. "Das hier sind alles Klone."

wissenschaftliche Zeichnung für die Erstbeschreibung einer Raubmilbe
Die wissenschaftliche Zeichnung für die Erstbeschreibung einer Raubmilbe zeigt Ober- undUnterseite eines Weibchens. Entdecker Gwiazdowicz hat die kaum einen Millimeter große Art nach Expeditionsleiter Kozlowski benannt
© Maximilian Gödecke für GEO

Eine geniale Überlebenstaktik aus dem Labor der Evolution.

Doch auf lange Sicht kann sie auch in eine Sackgasse führen. Das hat Garfì, der in Palermo am Institut für Biowissenschaften und Bioressourcen arbeitet, auf seiner Heimatinsel Sizilien beobachtet.

Im Jahr 1991 stößt Garfì bei einer Waldinventur auf ein ihm unbekanntes Gebüsch. Nach sorgsamer Prüfung erweist es sich als eine neue Zelkoven-Art. Eine Sensation! Wer hätte gedacht, dass es Ende des 20. Jahrhunderts in Europa noch eine unbekannte Baumart gibt?

Dass Zelkova sicula so lange unentdeckt blieb, ist kein Wunder: Es gibt nur zwei Standorte, in 300 bis 500 Meter Höhe, jeder kleiner als ein Hektar. Und auch diese Zelkoven sind nur Büsche. Allerdings nicht deswegen, weil sie von Ziegen kurzgehalten werden, sondern weil es ihnen hier an Nährstoffen und Wasser mangelt.

Das Mediterranean Agronomic Institute of Chania (MAICh) dient dem Erhalt bedrohter und endemischer Arten Kretas. In seinem botanischen Garten verbreiten sich Klone einer Zelkove. In einer Kühlkammer des Instituts zeigt Mitarbeiter Michalis Choreftakis die dort lagernden Zelkoven-Samen (r.)
Das Mediterranean Agronomic Institute of Chania (MAICh) dient dem Erhalt bedrohter und endemischer Arten Kretas. In seinem botanischen Garten verbreiten sich Klone einer Zelkove. In einer Kühlkammer des Instituts zeigt Mitarbeiter Michalis Choreftakis die dort lagernden Zelkoven-Samen (r.)
© Maximilian Gödecke für GEO

Aus der Not heraus haben sie sich nur noch vegetativ vermehrt. Und inzwischen können sie nichts anderes mehr: Durch eine Mutation haben ihre Zellen anstelle der üblichen zwei Chromosomensätze drei. Die Sizilianische Zelkove ist also "triploid" – und kann sich daher nicht mehr geschlechtlich fortpflanzen. Umso mehr Energie steckt sie in die Bildung von Klonen. Jede der beiden Populationen auf Sizilien besteht aus einigen Hundert Büschen, die genetisch identisch sind. "Es gibt von Zelkova sicula also nur zwei Individuen", so Garfì. "Vielleicht sind sie schon viele Tausend Jahre alt."

Der Forstwissenschaftler kennt ähnliche Fälle: Die Ursprünge der Amerikanischen Zitterpappel "Pando" in Utah reichen möglicherweise schon 80.000 Jahre zurück. Dieses älteste und größte bekannte Klonkollektiv bildet eine 43 Hektar große Waldfläche. Und auf Tasmanien gibt es ein 43.600 Jahre altes Silberbaumgewächs namens Lomatia tasmanica. Es besteht aus 500 Klonen und ist der letzte Organismus dieser Art. Denn diese Überlebenskünstler haben ein Problem: Sie können keine fruchtbaren Samen produzieren, die von Wind oder Tieren verbreitet werden.

So konnte sich auch die Sizilianische Zelkove keine neuen Standorte erschließen, als das Klima nach dem Ende der letzten Eiszeit wieder besser wurde. Sie bleibt auf ewig verwurzelt am Rand zweier Wasserrinnen, die einen Teil des Jahres trockenfallen. Sollten sich die Bedingungen ihres Standortes verschlechtern, gibt es keinen Ausweg für sie.

Es sei denn, jemand hilft nach.

Kretische Rottulpe
Die Kretische Rottulpe wächst nur auf einem Bergplateau
© Maximilian Gödecke für GEO

Garfì hat einen jungen Wurzeltrieb von Zelkova sicula im gut gewässerten Garten seiner Mutter gepflanzt und ein grünes Wunder erlebt. Er hatte einen Strauch erwartet, doch Zelkova sicula wächst zum Baum. Nach nur 15 Jahren hat der Stamm bereits mehr als 30 Zentimeter Durchmesser, die breite Krone ist 11 Meter hoch. "Es ist das erste Mal nach 20.000 Jahren, dass die Sizilianische Zelkove normal wächst", so Gregor Kozlowski. "Es ist die Auferstehung eines Reliktbaumes."

Aber eben eine ungeschlechtliche. Auf Sizilien hat die Zelkove ihre Fruchtbarkeit für immer verloren. Auf Kreta besteht noch Hoffnung.

Unfruchtbare Frucht

Auf Regalen, in Kisten und auf Tischen stapeln sich mit Blüten gefüllte Aluschalen, in Schachteln stehen Gläser voller Samen, in denen handgeschriebene Zettel stecken. Aus einer vergilbten Zeitung ragt eine vertrocknete Distel. "Hier landet alles, was wir im Feld sammeln", erklärt Christina Fournaraki. Sie leitet die Samenbank und das Herbarium des Mediterranean Agronomic Institute of Chania, kurz MAICh.

Das Institut ist spezialisiert auf den Schutz bedrohter und endemischer Arten Kretas und hat neben der Forstdirektion Chania Kozlowskis Forschung eng begleitet. Die wichtigste gemeinsame Frage: Wie lässt sich die Kretische Zelkove bewahren?

Als sichere Bank dienen Botanische Gärten. Ähnlich wie Zoos bei seltenen Tieren stellen sie den Arterhalt sicher. Gregor Kozlowski leitet selbst einen, hält solche Ex-situ-Kulturen für die Zelkove jedoch nicht für optimal: "Die Wachstumsbedingungen sind andere, es fehlt an Platz und an genetischer Vielfalt." Denn Zelkova abelicea wächst zwar in weltweit mehr als 100 Botanischen Gärten, aber fast alle Pflanzen stammen von nur zwei, drei Populationen aus den Weißen Bergen ab.

Kretische Rutenglockenblume
Ein Zehntel der Pflanzen auf Kreta sind endemisch. Dazu zählt die Kretische Rutenglockenblume, die im bröckelnden Putz von Chanias Altstadt wie im Fels an der Küste Halt findet
© Maximilian Gödecke für GEO

Der beste Schutz ist in situ, vor Ort. Das MAICh hat daher zusammen mit den lokalen Forstdirektionen an zahlreichen Standorten kleine Gruppen von Bonsai-Zelkoven eingezäunt. Die Ziegen kommen also nicht an sie heran. Und tatsächlich treiben die Pflanzen in ihren Gehegen kräftig aus.

Nach fünf Jahren blühen sie vielleicht zum ersten Mal, dann können ihre Samen im geschützten Areal keimen. So die Theorie. Aber manche Baumgehege werden immer wieder von Hirten geöffnet. Schließlich stehen die "Erholungsflächen" auf ihren angestammten Weideflächen und locken mit besonders gutem Ziegenfutter. "Größere Schutzflächen lassen sich bei den Hirten wohl nicht durchsetzen", so Kozlowski.

Doch selbst wenn die Bäume blühen und Früchte tragen, heißt auch das noch nicht, dass sie Nachwuchs bekommen können. Das offenbart sich in Fournarakis Labor – mithilfe von "Agriculex".

Das Gerät bläst Luft durch ein mit Samen gefülltes Sieb in eine vertikale Plexiglassäule. Leichte Samen wirbeln ganz nach oben und werden in einen Auffangbeutel geleitet. Schwere Samen fallen ins Sieb zurück. Sie sind schwerer, weil der Embryo in ihrem Innern voll entwickelt ist. Nur sie können keimen.

Bei Zelkoven aus Ost- und Zentralkreta liegt der Anteil keimfähiger Samen fast bei null. Nur am besten Standort, dem Omalos-Plateau in den Weißen Bergen, steigt die Rate teilweise über zehn Prozent. Das ist immer noch sehr wenig.

Kretische Dattelpalme
Die Kretische Dattelpalme, typisch für die Preveli-Schlucht, findet sich auch in der Türkei: Sie ist ein Relikt jener Zeit, als Kreta noch keine Insel war
© Maximilian Gödecke für GEO

Selbst unter relativ guten Bedingungen investieren die Bäume also mehr Energie in ihre vegetative Vermehrung als in die geschlechtliche. Über lange Zeiträume entstehen so immer größere Individuen, aus immer mehr Klonen.

"Vielleicht ist das der Schlüssel", sagt Gregor Kozlowski. "Die Kretische Zelkove kann allen Problemen trotzen. Auch wenn sie verbissen wird, wenn es zu warm oder zu trocken ist, kann sie sich vermehren und ein paar Jahrtausende abwarten. Das ist fast paradox. Wir wollten die Zelkove schützen. Und dann haben wir entdeckt: Das ist ein Monstrum, das man fast nicht umbringen kann."

Ein neues Rätsel

Einige Monate nach der Expedition liegen erste DNA-Analysen vor. Für die Forscher bergen sie eine neue Sensation: Auch auf Kreta gibt es viele triploide Individuen. Allerdings nur im klimatisch günstigeren Westen, also dort, wo sich die Bäume auch noch durch Sex fortpflanzen können. Verbirgt sich dahinter eine weitere Überlebensstrategie?

Nach 16 Forschungsjahren, nach seiner finalen Expedition, kommt Gregor Kozlowski zu dem Schluss: "Wir haben das Geheimnis von Zelkovas Überlebenskraft immer noch nicht gelöst."

Unglücklich ist er darüber jedoch nicht. Im Gegenteil.

Mittagsmahl im-Ida-Gebirge
Die Expedition war als Abschluss von 16 Jahren Forschung auf Kreta gedacht. Doch der Abschied von den kretischen Unterstützern (v.r.n.l.) Dimos Dimitriou (Forstdirektion), Dany Ghosn und Ilektra Remoundou (MAICh) wird nicht von Dauer sein: Die Zelkove stellt sie vor ein weiteres Rätsel. 
© Maximilian Gödecke für GEO

Giuseppe Garfì hat schon neue Fördermittel aufgetrieben. Im nächsten Sommer wollen die beiden nach China reisen, zu Zekova schneideriana, einer engen Verwandten der Kretischen und Sizilianischen Zelkove. Dann in den Südkaukasus und natürlich wieder nach Kreta. Kozlowski sagt froh: "Jetzt geht es erst richtig los!"

Erschienen in GEO Nr. 04 (2026)

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