Die Goten plünderten Rom, formten eine der fortschrittlichsten Gesellschaften ihrer Zeit und legten den Grundstein für die Entstehung früher europäischer Staaten. Und doch bleibt bis heute rätselhaft, was dies für ein Volk war, das die damalige Ordnung aufwirbelte.
Historikerinnen und Historiker gehen davon aus, dass die Goten ihre Ursprünge in Skandinavien haben. Von 200 bis 700 nach der Zeitenwende durchquerten sie zunächst den europäischen Osten, dann den Westen. Dass dies die ethnische Zusammensetzung der Gruppe veränderte, belegt nun eine in der Fachzeitschrift "bioRxiv" erschienene Studie. Sie widerlegt die Vorstellung, dass alle Goten eine gemeinsame Herkunft hatten, sie also eine ethnische Einheit bildeten.
Raubzüge und Wanderungen prägten die gotische Kultur
Forschende aus Bulgarien und den USA untersuchten dafür DNA-Proben von 38 menschlichen Überresten aus zwei gotischen Begräbnisstätten im heutigen Bulgarien. Die Gräber stammen aus dem 4. bis 5. Jahrhundert. Dabei stellten die Forschenden fest, dass die untersuchten Überreste eine große genetische Vielfalt aufweisen, von nordeuropäischen bis anatolischen Einflüssen, doch ihre Spuren reichten sogar bis Ägypten und Subsahara.
Auf ihrem Weg durch Europa plünderten und siedelten die Goten in den unterschiedlichsten Regionen: von der Ostsee bis zum heutigen Polen, vom Schwarzen Meer bis in den gesamten Mittelmeerraum. Über die Jahrhunderte stießen verschiedene ethnische Gruppen dazu, darunter die aus Zentralasien stammenden Hunnen sowie iranische Steppennomaden wie die Sarmaten oder Alanen. Den gotischen Verbänden schlossen sich auch lokale Provinzialvölker an, etwa Bauern und Bergleute aus dem heutigen Rumänien. Es entstand eine multiethnische Gemeinschaft aus Nord- und Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika.
Tradition und Kultur statt Gene und Abstammung
Was die Goten als Gemeinschaft zusammenhielt, waren nicht Genetik und Herkunft, sondern Kultur und Traditionen. Sie verband die gotische Sprache, die altgermanische Sprache war zu jener Zeit in Europa weit verbreitet. Zudem einte sie der Arianismus, eine frühe Variante des Christentums. Integrierend wirkte auch der übermächtige Nachbar, das römische Reich, mit dem sie zuweilen zusammenarbeiteten, den sie zuweilen aber auch bekämpften.
Das Ende der Goten markiert den Übergang der Antike zum Mittelalter. Sie gingen in den Bevölkerungen auf, deren Staaten in dieser Umbruchszeit in Europa entstanden – darunter die Bulgaren.