Lebensmittel Von "weniger süß" bis "zuckerfrei": Was hinter beliebten Zucker‑Versprechen steckt

Schriftzug "Zuckerfrei" in Zucker
Nicht alles, was gesund klingt, ist es auch
© GH / Adobe Stock
Aufdrucke wie "weniger süß" oder "ohne Zuckerzusatz" klingen gesund, sind oft aber mehr Marketing als Gesundheitsvorteil. Was die gängigen Formulierungen wirklich bedeuten

Zu einer Vielzahl von Produkten gibt es im Supermarkt mittlerweile auch eine entsprechende Light-Variante. Zusätze im Produktnamen wie "Balance", "Zero" oder "Fitline" lassen solche Lebensmittel automatisch gesünder erscheinen. Und das kommt bei Kundinnen und Kunden an: Viele greifen zu diesen Produkten in dem Glauben, Fett oder Zucker einzusparen und sich damit gesünder zu ernähren.

Doch nicht alles, was die Nahrungsmittelindustrie als gesund vermarktet, ist es auch. Studien zeigen, dass Menschen Joghurts oder Müslis mit Hinweisen wie "ohne Zuckerzusatz" oder "weniger süß" klar überschätzen – sie gelten spontan als besser, selbst wenn die Kalorien- oder Zuckermenge ähnlich hoch sind.

Gleichzeitig sind viele Begriffe gesetzlich nicht oder nur teilweise definiert. Hersteller eröffnen sich dadurch Spielräume, die sie marketingwirksam nutzen. Orientierung geben am Ende vor allem drei Dinge: die Zuckermenge in der Nährwerttabelle, die Zutatenliste – und bei vielen Produkten zusätzlich der Nutri‑Score.

"Ohne Zuckerzusatz"

Die Angabe "ohne Zuckerzusatz" ist in der EU klar geregelt: Es dürfen keine einfachen oder zweifachen Zucker zugesetzt werden – also kein Haushaltszucker, kein Traubenzucker, keine Sirupe, kein Honig. Ebenso tabu sind andere Zutaten, die explizit wegen ihrer süßenden Wirkung eingesetzt werden, etwa Agavendicksaft, Apfelsaftkonzentrat oder Dicksaft.

Wichtig: Das heißt nicht "zuckerfrei" – die Produkte dürfen weiterhin von Natur aus Zucker enthalten, zum Beispiel Fruchtsäfte, Smoothies oder kakaohaltige Getränke. Ein Smoothie "ohne Zuckerzusatz" kann dadurch mehr Zucker liefern als eine Cola. Ob es tatsächlich eine Zuckerbombe ist, zeigt nur die Nährwerttabelle. Hersteller dürfen zudem häufig Süßstoffe oder Zuckeraustauschstoffe einsetzen, ohne dass der Claim "ohne Zuckerzusatz" dadurch unzulässig wird.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Wer gezielt zugesetzten Kristallzucker, Sirupe oder Honig meiden möchte, bekommt ein klares Kriterium.  

Marketing: Das Gesundheitsimage ist oft überzogen – weder Kaloriengehalt noch der insgesamt hohe natürliche Zuckergehalt werden durch den Claim begrenzt.

Rechtlicher Status: Rechtlich klar geregelt, gehört zu den offiziell definierten nährwertbezogenen Angaben.

"Zuckerfrei"

Der Begriff "Zuckerfrei" ist rechtlich definiert: Das Produkt darf maximal 0,5 Gramm Zucker pro 100 Gramm oder 100 Milliliter enthalten. Die Angabe bezieht sich auf Zucker im Sinne der Verordnung, nicht auf generell "süß schmeckend" – oft sind dafür Süßstoffe oder Zuckeralkohole im Einsatz. 

Lebensmittel, die von Natur aus Zucker enthalten, können so in der Regel nicht als "zuckerfrei" beworben werden. Typische Beispiele sind stattdessen Kaugummis, bestimmte Diätgetränke oder zuckerfreie Bonbons.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Für Menschen mit Diabetes oder sehr strenger Zuckerreduktion kann "zuckerfrei" echte Orientierung bieten.

Marketing: "Zuckerfrei" heißt nicht automatisch kalorienarm – Fette oder andere Zutaten können das kompensieren, die Kalorienbilanz bleibt also im Zweifel ähnlich.

Rechtlicher Status: Rechtlich klar geregelt, mit festgelegter Obergrenze für den Zuckergehalt.

"Zuckerreduziert" / "reduzierter Zuckeranteil"

Der Produkthinweis "zuckerreduziert" ist erlaubt, wenn der Zuckergehalt im Vergleich zu einem üblichen Referenzprodukt um mindestens 30 Prozent gesenkt ist. Auf welcher Vergleichsbasis gerechnet wird, muss für Verbrauchende nicht immer transparent sein – meist orientiert sich der Hersteller an einem eigenen "Standardprodukt" oder einem Marktmittel.

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Der Energiegehalt muss deshalb aber nicht zwingend sinken: Wird der Zucker zum Beispiel durch mehr Fett oder Stärke ersetzt, kann die Kalorienzahl praktisch gleich bleiben.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Innerhalb einer Produktgruppe kann ein "zuckerreduziertes" Produkt ein kleiner Schritt in die richtige Richtung sein – etwa bei Fruchtjoghurt oder Limonade.

Marketing: Der Gesundheitsvorsprung wird oft überschätzt; im direkten Vergleich mit naturbelassenen Alternativen (etwa Naturjoghurt) schneidet die "reduzierte" Variante häufig trotzdem schlechter ab.

Rechtlicher Status: Rechtlich geregelt, es ist mindestens eine Reduktion um 30 Prozent vorgeschrieben.

"Weniger süß"

"Weniger süß" klingt nach einem deutlichen Zuckervorteil, ist aber rechtlich nicht definiert. Hersteller dürfen die Formulierung frei nutzen, solange sie nicht nachweislich täuschend ist – ob tatsächlich weniger Zucker enthalten ist, bleibt unklar.

Studien zeigen, dass Verbrauchende "weniger süß" automatisch mit einem reduzierten Zuckergehalt verbinden, obwohl das in der Praxis gar nicht zwingend zutrifft. Der Geschmack kann etwa mit Aromastoffen, Säuren oder Süßstoffen so verändert werden, dass das Produkt weniger süß wirkt, ohne dass der Zuckeranteil deutlich sinkt.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Im besten Fall handelt es sich tatsächlich um Produkte mit weniger Zucker. Das lässt sich aber nur im Einzelfall prüfen.

Marketing: Aus Verbrauchersicht ist "weniger süß" einer der kritischsten Claims – er suggeriert Gesundheitsvorteile, ohne irgendeine verlässliche gesetzliche Mindestanforderung zu erfüllen.

Rechtlicher Status: Nicht rechtlich geregelt, es gibt keine feste Definition oder Mindestreduktion.

"Mit der Süße aus Früchten" / "mit Fruchtsüße" / "natürliche Süße"

Hinweise auf Verpackungen wie "mit der Süße aus Früchten", "mit Fruchtsüße", "natürlich gesüßt" oder "natürliche Süße" sind rechtlich kaum konkret geregelt. Häufig steckt dahinter nichts anderes als Zucker aus konzentrierten Fruchtsäften, Fruchtpürees oder Fruchtsirup – chemisch ist dieser Zucker für den Körper ähnlich zu bewerten wie anderer Zucker.

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Solche Aussagen verleihen Produkten einen "natürlichen" oder "cleanen" Anstrich, obwohl die Zuckermenge im Ergebnis hoch sein kann. Bei Riegeln, Kinder-Quetschies oder Müslis gelangen so mit einem "gesunden" Image leicht 40 bis 50 Prozent Zucker in die Packung.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Die Herkunft der Süße wird transparenter – wer lieber Fruchtsaft als Haushaltszucker im Zutatenverzeichnis sehen möchte, bekommt diese Information.

Marketing: Für den Blutzucker, die Karies- und Kalorienbilanz macht es kaum einen Unterschied, ob der Zucker aus Apfelsaftkonzentrat oder Zuckerrübe stammt. Der gesundheitliche Mehrwert ist also gering.

Rechtlicher Status: Nur allgemein durch das Verbot der Irreführung begrenzt, aber nicht als eigener nährwertbezogener Produkthinweis definiert.

"Ohne Süßungsmittel"

"Ohne Süßungsmittel" bedeutet, dass keine Süßstoffe oder Zuckeraustauschstoffe wie Sorbit, Xylit oder Saccharin zugesetzt wurden. Es sagt jedoch nichts darüber aus, ob und wie viel Zucker im klassischen Sinne enthalten ist – Zucker, Sirup, Honig oder Fruchtdicksäfte sind weiterhin erlaubt.

Die Aussage spielt häufig auf Skepsis gegenüber Süßstoffen an und soll das Produkt "natürlicher" wirken lassen. Für die Gesamtzuckermenge und die Kalorienbilanz ist sie dagegen praktisch ohne Aussagekraft.

Nutzwert oder Marketing?

Nutzwert: Für Menschen, die Süßstoffe bewusst meiden möchten, kann der Hinweis hilfreich sein.

Marketing: Wer weniger Zucker oder Kalorien erwartet, wird von "ohne Süßungsmittel" systematisch in die Irre geführt.

Rechtlicher Status: Nicht als standardisierter Nährwert‑Claim definiert, wird aber über das Irreführungsverbot rechtlich eingehegt.

Was das für den Alltag bedeutet

Beim Einkaufen hilft es, zwischen klar geregelten und vor allem werblichen Aussagen zu unterscheiden. Rechtlich definierte Angaben wie "zuckerfrei", "zuckerreduziert" oder "ohne Zuckerzusatz" haben zwar einen gewissen Informationswert, sagen aber wenig über die Gesamtgesundheit eines Produkts aus.

Vage Formulierungen wie "weniger süß", "natürliche Süße" oder "mit der Süße aus Früchten" sind dagegen meist Marketing: Sie spielen mit dem Image eines gesunden Lebensstils, ohne eine echte Nährwertgarantie zu liefern. Wer Zucker wirklich reduzieren möchte, trifft die beste Entscheidung daher nicht anhand der Versprechen auf der Vorderseite, sondern anhand der nüchternen Zahlen in der Nährwerttabelle – und vergleicht Zuckergehalt, Kalorien und Zutatenliste kritisch miteinander. Eine leicht zu merkende Faustregel: Ab etwa zehn Gramm Zucker pro 100 Gramm gilt ein Produkt als eher zuckerreich.