Seereise Mit dem Frachtschiff durch Deutschland

Mit Containern voller Windeln und Wein ging GEO-SAISON-Redakteurin Petra Sadowsky auf einem Rheinfrachtschiff in Duisburg an Bord und ließ sich treiben, mit allem Komfort
Binnenschiff mit Bordhund
Gassi fahren, das Hafentreiben im Blick - spannend ist das Schiffshundeleben; viele Frachter sind am Arbeitsplatz und Familienheim

Mit 20 km/h von Duisburg nach Rotterdam

Der Wind schubst mich vor sich her, während ich über den schmalen Eisensteg balanciere. Er verläuft zwischen einem drei Etagen hohen Wall aus Stahlcontainern und dem Rhein, der einen Meter unter mir fließt. Eine Reling gibt es nicht, nur ein lose um die Ladung gespanntes Stahlseil gaukelt mir Halt vor.

Um mich herum wummert und rauscht es, die Luft riecht nach Diesel und den Kühen, die am Ufer grasen. Weiden und Felder ziehen sich wie gebügelt bis an den weiten Horizont. In einer winzigen grauen Halbmondbucht steht ein Angler und winkt. Ich bin sicher, dass er mich beneidet.

Ich erlebe die aufregendste Talfahrt meines Lebens. Flussschiffer benutzen Gebirgsjargon: Steuern sie stromaufwärts, sprechen sie von einer „Bergfahrt“. Ich fahre abwärts auf der 110 Meter langen "MS Theodela".

Zusammen mit Tausenden Dosen Energy-Drinks, Weinkisten, Windelkartons, Küchenkleingeräten – einer Ladung von gut 2000 Tonnen – bringt sie mich mit etwa 20 Kilometern pro Stunde auf Rheinarmen von Duisburg nach Rotterdam und wieder zurück. Mit Be- und Entladeaufenthalten dauert der Ausflug in die mir ferne Welt der Häfen und Wasserstraßen drei Tage und zwei Nächte.

Der Steg führt von meiner Kabine am Heck zum Bug, zu einer windgeschützten Freifläche, gerade groß genug für ein Sonnenbad. Ich breite meine Jacke neben der armdicken Ankerkette aus und lasse die niederrheinische Tiefebene vorbeiziehen. Über ihr explodieren Vulkane aus Wolken, als wollte der Himmel die Ereignislosigkeit auf Erden wettmachen.

Blick von der Rheinbrücke, Wesel, Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Zu einem weiten Horizont können Gedanken in der niederrheinischen Tiefeben fliegen

Auf dem Fluss herrscht eine andere Zeitzone

Bei Wesel erzählt eine zerbombte Brücke vom Zweiten Weltkrieg, und der ausgehöhlte Korpus einer Raffinerie vom Strukturwandel. Die Zwillingstürme des Doms kündigen Xanten an, der Rest der Römerstadt verbirgt sich hinter Deichen und Bäumen.

Wie viel Zeit zwischen den Städten verstrichen ist? In Wahrheit eine gute Stunde, gefühlt mein halbes Leben. Ich habe dem langen, ruhigen Fluss neben mir Erinnerungen und Träume anvertraut. Wie gut es tut, einen so mächtigen und verschwiegenen Zuhörer zu haben.

Wenn er mir nicht gerade Antworten und Fragen zuraunt, applaudiere ich den Flugkünsten der Möwen über mir und vermesse Kohleberge zwischen Daumen und Zeigefinger.  Entgegenkommende Schiffe schieben die schwarzen Kegel durch das Landschaftsbild, die aussehen, als hätten pedantische Riesenmaulwürfe sie aufgehäuft.

Der 1800-PS-Schiffsmotor stampft einen mitreißenden Rhythmus, und während ich mit Kopfhörern in meine MP3-Bibliothek abtauche, um wie ein DJ nach passenden Melodien zu suchen, tippt mir Vlastimil, der Matrose, auf die Schulter, das Abendessen sei fertig. Schon?

Ein Frachtschiff kostet mehrere Millionen Euro

In der Wohnküche des belgischen Kapitäns Stefan Corin duftet es nach Kräutern und Braten. Der schwarze Marmorboden und die weiße Landhausküchenzeile schimmern, 150 Quadratmeter misst sein Quartier, möbliert wie eine Vorstadtvilla. Ein Frachtschiff kostet mehrere Millionen Euro, wer auf dem eigenen fährt, ist ein sogenannter Partikulier.

Stefan Corin gehören drei Schiffe, damit gilt er als Reeder. "Der Job ist hart, aber macht sich bezahlt." Bis auf Ferienwochen lebt er mit seiner Partnerin auf dem Fluss, "in einer anderen Zeitzone", sagt er. Auf Uhren sei kein Verlass, pro Strecke könne sich der Fahrplan leicht einmal um einen Tag verzögern, weil Kräne kaputt, Kranführer krank, Liegeplätze besetzt seien.

"An Bord können Sie sich prima in Gelassenheit üben", sagt er. Die Reise endet mit zwölf Stunden Verspätung. So gut bin ich geworden, dass ich strahle, als ich von Bord gehe.

Deutschland,Nordrhein-Westfalen

Bei Xanten kündigt eine Mühle die Niederlande an

Anbieter von Binnenschiffreisen

  • INTERNATIONALE FRACHTSCHIFFREISEN PFEIFFER GMBH

    Seit 1982 vermittelt die Agentur Mitreisegelegenheiten auf Frachtschiffen; auf einigen kann man das Auto verladen lassen, auf einigen versorgt man sich selbst. Unsere Autorin reiste in der gemütlichen Kabine der "MS Theodela"“ mit und wurde von der Partnerin des Kapitäns fantastisch individuell vegetarisch bekocht. Gegessen wurde mit der dreiköpfigen Mannschaft am schön gedeckten Familientisch.

    Besonderes Highlight: Wer sich traut, kann nach dem Stadtbummel in Rotterdam vom Kai aus auf das etwa einen Meter entfernt vorbeifahrende Frachtschiff aufspringen.
    Über Tel. 0202-45 23 79, 3 Nächte/VP auf der "MS Theodela" ab 330 € p. P.
     
  • EBERHARD BUTENHOF GMS BAYERISCHER WALD

    An Achterdeck, so weit wie möglich vom Maschinenlärm entfernt, gibt es eine gut ausgestattete Ferienwohnung für Selbstversorger mit Etagendoppelbett.

    Tel. 0171-861 46 17; Woche ab 245 € p. P., Kinder unter 16 frei, unterschiedliche Routen
     
  • MS MICHAELA

    Selbstversorger können 6 oder 13 Tage lang in einer der beiden gut ausgestatteten Kabinen mitreisen.
    Tel. 0172-927 63 55; Woche ab 490 €, unterschiedliche Routen
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