Meeresbiologie Wal verlässt Lübecker Bucht – wann strandet der nächste?

Luftaufnahme eines Buckelwals im flachen Wasser der Ostsee
Gestrandeter Buckelwal vor dem Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Inzwischen hat sich das zehn Meter lange Tier aus der Notlage befreit
© René Schröder / News5 / picture alliance
Der gefangene Buckelwal hat sich befreit. Zurück bleiben Fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass sich ein solches Ereignis wiederholt? Ist der Fall gar ein Vorbote für weitere?

Die Bilder sind noch sehr präsent: ein gewaltiger Wal im flachen Wasser der Ostsee, gefangen auf einer Sandbank. Umzingelt von Menschen, die helfen wollen. Oder auch flankiert von Baggern, die den Boden abgraben, um dem Meeressäuger einen Fluchtweg zu eröffnen. Am Ende das große Finale, zumindest vorerst: Das Tier befreit sich selber aus der Zwangslage, steuert nun offenbar tiefere Zonen an. Während sich darüber allmählich Erleichterung breitmacht, wirft der Fall grundsätzliche Fragen auf. Werden solche Giganten häufiger an den Strand getrieben als früher? Könnte der Buckelwal-Fall vom Timmendorfer Strand also gar ein Vorbote sein für mehr? 

Walstrandungen gehören seit jeher zur Naturgeschichte der Ozeane. Sie sind aus historischen Berichten bekannt, die Jahrhunderte zurückreichen. Und auch die Lage von Tausende Jahre alten Fossilien, die Forschende identifizierten, beweist, dass dies kein Phänomen des Industriezeitalters ist. Alte oder geschwächte Tiere wurden seit jeher an Land gespült. Und doch hat sich etwas verändert. Weltweit werden inzwischen Tausende Strandungen pro Jahr registriert. In einigen Regionen zeigen die Daten außerdem deutliche Zunahmen, etwa an den Küsten Großbritanniens. Aber was steckt dahinter?

Die Deutung ist komplex. Denn zwei Entwicklungen überlagern sich – und beide haben mit dem Menschen zu tun. Zum einen bringt Homo sapiens heute mehr Tiere in Schwierigkeiten als noch vor hundert Jahren. Vor allem durch Kollisionen mit Schiffen: Verletzte Wale stranden häufig. In Netzen und Leinen der Fischerei verheddern sie sich, was mit ähnlichen Konsequenzen einhergehen kann. Und: Meeressäuger verfügen über ein empfindliches Gehör, das ihnen auch bei der Orientierung hilft. Unterwasserlärm beeinträchtigt diesen Sinn massiv, etwa das Brummen von Schiffsmotoren, der Sound des Sonars oder Explosionen bei Sprengungen. All das wird in Zukunft vermutlich kaum weniger störend sein. Und sich womöglich eher noch verstärken.

Umweltgifte und Plastikmüll tragen darüber hinaus zur Belastung und Schwächung der Wale bei. Und das könnte die Zahl der Strandungen erhöhen. Wahrscheinlich ist auch: In vielen Fällen wird es eine Mehrzahl von Gründen sein, die Meeressäuger aufs Ufer treiben. Das macht Ursachenforschung und Prognosen nicht einfacher.

Viele Studien sehen in Strandungen ein Anzeichen für ökologischen Stress

Aber: Es existiert eben noch die zweite menschliche Komponente – wir widmen den Tieren weit mehr Aufmerksamkeit als früher. Durch ein systematisches Monitoring, durch bessere Technik etwa lassen sich die Routen der Wale besser verfolgen, werden Vorfälle vermutlich häufiger gemeldet, auch weil Strandbesucher schnell mal ihr Handy zücken und Bilder posten.

Was früher unbemerkt blieb, wird heute also eher dokumentiert. Viele Studien jedoch sehen in den Strandungen sehr wohl ein Anzeichen für ökologischen Stress mit steigender Tendenz. Gut möglich, dass es also in Zukunft häufiger zu lebensbedrohlichen Anlandungen der tonnenschweren Tiere kommt, auch in Deutschland. In der Nordsee wie auch in der Ostsee, wo jetzt der Buckelwal in die Bredouille geriet. 

Wieder frei: Buckelwal lässt die Ostseeküste hinter sich
© IMAGO/ Agentur 54 Grad / Felix Koenig
Buckelwal lässt die Ostseeküste hinter sich
© Video: ntv

Normalerweise ist die flache Ostsee nach Angaben der Deutschen Stiftung Meeresschutz gar nicht als Heimat für große Wale bekannt. Dass sie überhaupt hier auftauchen, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit am Hunger: Auf der Suche nach Nahrung folgten sie Fischschwärmen, sagte Almut Neumeister vom Deutschen Meeresmuseum der Deutschen Presse-Agentur. Gerade junge Wale würden auch gern ihre Umgebung sondieren. Allein 2025 seien einige Buckelwale gesichtet worden. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Meeresschutz tauchten in den vergangenen Jahrzehnten aber auch schon Belugas, Narwale und Zwergwale in der Ostsee auf.

Auch eine wachsende Walpopulation könne ein Grund sein, vermutet Almut Neumeister, warum in den vergangenen Jahren häufiger große Wale die Ostsee durchkreuzten. Viele Tiere fänden aber den Weg zurück in die Nordsee. Und sie stranden gar nicht. Bleibt zu hoffen, dass es der Buckelwal aus der Lübecker Bucht ebenfalls in die Freiheit schafft.