GEO: Frau Bunz, in welchen Situationen befinden sich die Tiere, die Animal Rescue Kharkiv (ARK) rettet?
Sylvie Bunz: Jeder Tag ist anders. Aber je länger der Krieg dauert, desto ähnlicher werden sich die Situationen. Es sind oft Hunde und Katzen, die sich verängstigt in die zertrümmerten Häuser zurückziehen, denn die Tiere bleiben da, wo sie ihr Leben verbracht haben. Oft werden die Hunde auch noch angekettet oder eingesperrt in Zwingern zurückgelassen. Das sind Tiere, die auch in Friedenszeiten ein entbehrungsreiches Leben haben. Und nun kommen noch der Krieg und die Flucht ihrer Halterinnen und Halter hinzu. Gerade die angeketteten oder eingesperrten Hunde sind oft sehr abgemagert und krank. Es braucht sehr viel Einfühlungsvermögen, um solche Tiere zu holen. Die Teams müssen dabei flexibel sein. Einmal war ein Team gerufen worden, um Hunde zu retten. Was sie dann fanden, waren acht verängstigte Schafe, die in das zertrümmerte Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses geflüchtet waren. Weil es Beschussgefahr gab, hatte das Team weit entfernt geparkt – und musste die ängstlichen Tiere nun einzeln zum Auto tragen.
Wie erfährt ARK überhaupt, wo und welche Tiere gerettet werden müssen?
Animal Rescue Kharkiv ist sehr bekannt in der Region. Es spricht sich schnell herum, wer dort Tiere rettet. Und auch das Militär gibt diese Informationen weiter. Wenn Militärangehörige in die Dörfer kommen oder Dörfer evakuieren, dann sagen sie den Bewohnern: Wenn ihr nicht alle Tiere mitnehmen könnt, ruft die Tierrettung an. Aktuell verschärfen die russischen Angriffe aus dem Norden die Situation extrem. Im Moment müssen 60 bis 80 Tiere am Tag gerettet werden. Vorher waren es vielleicht 80 in einer Woche. Es sind so viele Menschen geflüchtet, so viele Tiere zurückgelassen worden.
Die Frontlinie ist mehr als 1200 Kilometer lang. Wissen Sie, wie es in anderen Regionen aussieht?
Die Teams fahren bis in das Donezk-Gebiet, bis zu 300 Kilometer. Was in den übrigen Regionen passiert, kann ich nicht sagen.
Wie läuft so ein Rettungseinsatz ab?
Über die Hotline laufen fast rund um die Uhr Anfragen ein. Entweder, es bitten Menschen, die selbst geflüchtet sind, darum, dass ihre Tiere herausgeholt werden – oder Nachbarn informieren uns über zurückgelassene Tiere. In der Nacht werden dann die Rettungsaktionen für den kommenden Tag geplant – immer in enger Abstimmung mit dem Militär, denn die Einsätze finden in militärischem Sperrgebiet statt. Das Militär informiert die Rettungsteams darüber, wo gerade gekämpft wird – und wie heftig. Und wie lange die Teams voraussichtlich Zeit haben für ihren Einsatz.
Riskieren die Tierretter in solchen Einsätzen ihr Leben?
Ja, diese Einsätze sind lebensgefährlich. Ich habe gestern ein Video bekommen, in dem zu sehen ist, wie ein Team gerade Tiere aus einem Hof holt, als drei Häuser weiter ein Geschoss einschlägt. Feuer bricht aus, die Tiere müssen schnell verladen werden. Einer vom Rescue-Team sagt: "Beruhigt euch, wir kommen hier raus!" Wenn es möglich ist, nehmen auch Soldaten und Soldatinnen Tiere mit. Unsere Teams holen sie dann später beim Militär ab. Ob es Hunde oder Katzen sind, die sich anfassen lassen, oder ein paar Kaninchen oder eine Entenmutter mit Küken.
Soldaten haben Zeit, sich über Entenküken Gedanken zu machen?
Ja. Auf der einen Seite haben viele Tiere in der Ukraine ein entbehrungsreiches Leben, wie wir an denen sehen, die angekettet oder eingesperrt zurückgelassen werden. Aber viele Ukrainer und Ukrainerinnen, auch im Militär, sind äußerst tierlieb. ARK hat kürzlich ein Video über eine junge Soldatin veröffentlicht, die im Einsatz, wann immer es ging, Tiere gerettet hat – bis sie an der Front starb. Ihr Mann war auch Soldat, durfte aber nach ihrem Tod den Dienst verlassen. Er arbeitet jetzt beim Rettungsteam von ARK – und führt die Mission seiner Frau fort.
Werden bei solchen Einsätzen auch Menschen gerettet?
Natürlich. Häufig sind es Senioren, die aus ihren Häusern nicht rauswollen, auch wenn sie wissen, dass es lebensgefährlich ist. Die haben nur ihr Haus und das Stück Land, auf dem sie leben. Wenn es wirklich eng wird, fahren unsere Teams raus und holen nicht nur Tiere, sondern auch Senioren, und bringen sie zu ihren Familien in der Ukraine. Bis vor zwei Wochen hatten wir Kontakt zu einer alten Dame, die für uns regelmäßig Tiere aufgenommen und versorgt hat. Um sie herum lag schon alles in Trümmern, aber sie wollte auf keinen Fall ihr Dorf verlassen – und ist dann bei einem Angriff gestorben. Auch mit so etwas muss das Team klarkommen.
Wie halten die Leute das aus?
Es ist schwer vorstellbar, wie man mit diesen Erfahrungen leben kann. Sie haben gelernt, vor allem die zu sehen, die sie retten können. Wenn sie diesen Job nicht machten, wären die 17.000 Tiere, die sie bislang gerettet haben, elend gestorben. Innerhalb des Teams wird viel über die Erlebnisse gesprochen. Es sind wirklich ganz besondere Menschen. Wir hatten schon oft freiwillige Tierärzte aus anderen Ländern – aber sie schaffen das zumeist nicht.
Bekommen die Retter psychologische Unterstützung?
Ich biete regelmäßig an, dass wir das organisieren. Die Antwort aus Charkiw ist: Wir wissen, dass ihr im Westen das so macht. Aber wir klären das unter uns. Sie möchten das nicht mit jemandem besprechen, der nicht auch jeden Tag zumindest Ähnliches erlebt. Ich frage immer wieder, aber man kann niemanden zu dieser Form der Aufarbeitung zwingen.
Nur wenige Kilometer entfernt von Charkiw im Osten des Landes wird gekämpft. Gab es schon Tote oder Verletzte in den Rettungsteams?
Tote gab es zum Glück noch nicht, aber wir hatten einige schwierige Situationen. In der Nähe von Charkiw wurden zwei Menschen auf dem Gelände des ehemaligen Hundeheims durch herumfliegende Bombensplitter verletzt. Und bei einem Einsatz wurde eine junge Frau schwer am Bein verletzt. Deshalb ist es so wichtig, dass die Menschen, die mit den Teams ausrücken, mindestens zwei Jahre Militärerfahrung haben. Die Befehlsketten müssen funktionieren. Man muss wissen, wo und wie man sich bewegen kann. Zurückerobertes Gelände wird vom russischen Militär meistens vermint. Hinter jeder Tür, auf jedem Spielplatz, den man betritt, in jedem Vorgarten kann ein Sprengsatz lauern.
Zurück zu den Tieren: Was passiert mit den geretteten?
Alle Tiere, die draußen gefunden und gesichert werden, kommen erst einmal in die Tierklinik. Dort checkt das Team, ob sie verletzt oder krank sind. Viele haben ansteckende Krankheiten oder Parasiten. Die Hunde und Katzen kommen dann für drei Wochen in Quarantäne. Wenn es ihnen gut geht, werden sie geimpft. Die Katzen kommen nach einer weiteren Woche, je nach individuellen Bedürfnissen, in passende Gruppen im liebevoll eingerichteten, 400 Quadratmeter großen Katzenhaus. Für Hunde, aber auch andere zahme Tiere, Pferde, Esel, Ziegen, bauen wir gerade knapp 30 Kilometer entfernt von Charkiw eine 14 Hektar große Anlage. ARK sucht über seine europaweiten Kontakte Tierheime, die möglichst viele der Tiere aufnehmen und sie ihrerseits an liebevolle Menschen vermitteln. Zusätzlich veröffentlichen sie auch Fotos von geretteten Tieren auf ihren Kanälen, mit Angabe der Region, in der sie gefunden worden. Das Beste ist natürlich in jedem Fall, dass die Tiere zu ihren Haltern und Halterinnen zurückkommen, denn die Tierheime sind überall überlastet. "Gerettet", sind die Tiere für uns erst, wenn sie bei lieben Menschen ankommen – und ein hoffentlich schönes Leben haben dürfen. Das ist bei so vielen Tieren eine sehr große Aufgabe.
Klappt es mit der Zusammenführung, wenn die Besitzerinnen oder Besitzer nach Westeuropa geflüchtet sind?
Die Ukraine ist ein nicht gelistetes Drittland, das bedeutet, es dauert vier Monate, bis ein Hund oder eine Katze überhaupt in die EU einreisen darf. Bis Herbst, Winter 2023 haben wir ungefähr 60 Prozent der Tiere, die gerettet wurden, mit ihren Haltern und Halterinnen wiedervereint, die ins europäische Ausland geflüchtet waren und ihre Tiere wiederhaben wollten. Diese Quote schaffen wir zurzeit nicht, es sind jetzt vielleicht 20 bis 30 Prozent. Es sind einfach zu viele Tiere. Manche von ihnen waren vielleicht auch schon vorher heimatlos.
Ein Kriegsende ist nicht abzusehen, und damit auch kein Ende des Leids für Mensch und Tier. Was motiviert die Retter?
Es ist eine Sisyphos-Arbeit, wir rollen den Stein immer den Berg hinauf, und er kullert wieder runter. Wir schaffen es nie, alle Tiere zu retten, weder in der Ukraine noch in Rumänien oder anderswo auf der Erde. Aber ist es eine Option, das nicht zu tun? Wir bei PETA tun das Beste für Tiere, solange es uns möglich ist. Die Ukrainer und Ukrainerinnen vor Ort haben außerdem eine unglaubliche Mischung aus Humor, Optimismus und Realismus. Wenn man Igor, der das Projekt in Charkiw leitet, fragt, was im Oktober ist, dann sagt er: "Frag mich im Oktober noch mal. Vielleicht sind wir bis dahin alle tot."
Die Tierschutz- und Tierrechtsorganisation PETA Deutschland unterstützt Animal Rescue Kharkiv (ARK) und seine 85 Mitarbeitenden finanziell und strategisch, beim Aufbau einer Tierklinik ebenso wie mit Fahrzeugen für den Tiertransport oder 1600 Tonnen veganem Hundefutter. Das Projekt betreut mittlerweile 1300 Hunde, Katzen, Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner, Tauben, Gänse, Enten, Schwäne, Fische und viele andere Tiere. Insgesamt 17.000 Tiere konnten bislang gerettet werden. Einen Eindruck von der Arbeit der Rettungsteams von ARK vermittelt dieses Video, veröffentlicht im Juni 2024 nach Gefechten um die Stadt Toretsk im Osten der Ukraine.