Den Reiz schöner Gemüsesorten erkennen – dazu lädt Bärbel Steinberger in ihrem Buch "Alte Gemüsepflanzen wiederentdeckt" ein. Lesen Sie bei uns exklusiv ein Kapitel (leicht gekürzt):
Ein Gartenbeet kann man in ein wahres Prachtgemüsebeet verwandeln, das über Wochen verzaubert. Nicht der Nutzen steht hier an erster Stelle, sondern die Augenweide und die Lust an ungewohnter Kombination von Gemüsen mit ansprechender Gestalt.
Der Küchengarten des Königs
Einst unerlässliche Quelle für die Eigenversorgung der Klöster sowie die Belieferung der höfischen und adligen Küche mit Gemüse, Obst und Kräutern, sind die historischen Küchengärten heute fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Adel und Klerus liebten die Kombination von Genuss und Schönheit. Der heute größte Küchengarten weltweit, der "Potager du Roi" des Renaissanceschlosses Villandry an der Loire, wurde im 16. Jahrhundert unter Ludwig XIV. als irdisches Paradies konzipiert.
Mit seinen buchsbaumumsäumten Beeten, in denen die ausgefallensten Pflanzenkombinationen zu bestaunen sind, ist er ein lebendes Denkmal und dient gleichzeitig vielen anderen Potagers als Vorbild. Gemüse, Kräuter, Blumen und Obst sind kunstvoll kombiniert, ergeben Muster, beeindrucken durch ihr Farben- und Formenspiel – eine ungewöhnliche, bestaunenswerte Mischung aus Ästhetik und Nutzen.
Diese extravagante Art der Pflanzenverwendung inspirierte in den letzten Jahren sowohl Gartendesigner als auch Privatgärtner. Ob in "West Dean Gardens" und "Walmer Castle" (England), in "Kasteel Twickel" und "Kasteel Muiderslot" (Niederlande), am "Chateau Saint Jean d’Beauregard" oder am "Chateau de Miromesnil" (Frankreich): der "Potager du Roi" ist zum Vorbild einer neuen Gartengeneration geworden.
Auch in Deutschland begeistert dieses Thema mittlerweile, und alte Schlösser werden mit ihm wiederbelebt. Ob am Schloss Eutin, am Schloss Benrath oder im Hofgarten Veitshöchheim: Der Küchengarten lebt und mit ihm die Verwendung alter Gemüsearten und -sorten in ihrer unglaublichen Vielfalt. Krauser Grünkohl neben fedrigem Dill, lilafarbene Bohnen zu magentafarbener Melde und pink gestreiftem Mais: das Experimentierfeld ist groß, der Gärtner braucht nur etwas Mut und Leidenschaft.
Schönheit, Nutzen, Bequemlichkeit
Nach Jean de la Quintinye, Leiter des Potagers am Hof Ludwigs XIV. von Frankreich, sollte ein Küchengarten drei Grundeigenschaften besitzen: Nutzbarkeit, Schönheit und Bequemlichkeit. Das ist auch in der heutigen Zeit gefragt. Es gilt, den Reiz des schönen Gemüses zu entdecken: Die filigranen Blüten der Zucchini, die rot-grün gesprenkelten Salatköpfe, die winzigen gelben Johannisbeertomaten, den mächtigen Blütenstand des Rhabarbers oder die imposante Erscheinung des Palmkohls.
Augenschmaus und Gaumenfreude
Betrachtet man das Gemüse nicht nur kulinarisch, sondern auch optisch, ist man verwundert, wie viele Gemüse zum Beispiel höchst attraktive Blätter haben, die sich in Größe, Form, Farbe und auch Textur stark voneinander unterscheiden. Oder aber, wie viele unterschiedliche Formen die Gattung Kürbis hervorbringt, von der Variabilität der Tomaten ganz zu schweigen.
Die Kombinationsmöglichkeiten sind unendlich. Jahr für Jahr besteht die Kunst darin, ästhetische Aspekte mit den Anforderungen einer gesunden Mischkultur zu vereinbaren. So kann sich jeder im eigenen Garten seinen persönlichen "Potager" gestalten und Augenschmaus mit Gaumenfreude verbinden. Was die Bequemlichkeit betrifft, die der Hofgärtner damals als dritten Punkt aufzählte, muss man aber erwähnen, dass es ganz ohne Arbeit nicht funktioniert. Nur mit sorgfältiger Planung, Pflanzung und Pflege ist ein Abbild von Villandry zu schaffen. Doch der Lohn für diese Mühen ist gewiss: Ein paar zuckersüße Erdbeeren hier, ein paar frisch gepalte Erbsen dort und ein pflückfrischer krauser Blattsalat zum Abendessen. Hat man erst einmal den Blick für die Schönheit von Gemüse bekommen, fällt es manchmal schwer, es zu ernten. Auberginefarbene Kapuzinererbsen erfreuen eben fast mehr das Auge als den Gaumen.
Prachtgemüsebeet anlegen: Pflanztipps
Die Pflanzen des Prachtgemüsebeets gehören vorwiegend zu den Starkzehrern, das bedeutet, sie benötigen reichlich Nährstoffe, vor allem Stickstoff. Vor der Pflanzung gibt man deshalb eine große Portion Kompost aufs Beet und arbeitet ihn oberflächlich in den Boden ein. Sinnvoll ist zu Beginn eventuell eine zusätzliche Düngung mit Hornmehl oder nach der Pflanzung mit Brennnesseljauche. Cardy, Federkohl und Palmkohl wachsen nur prächtig, wenn sie mit genügend Nährstoffen versorgt werden.
| Gemüse | Besonderheiten |
| Cardy | silberlaubig, große Blätter; braucht Platz; Cardy ist mehrjährig (mit Winterschutz!), ab dem zweiten Jahr blaue Blüten; die Stängel können nach 3 bis 4 Wochen gekocht werden |
| Federkohl "Hoher Roter Krauser" | magentaroter Federkohl; wird recht hoch; gewelltes Laub; Blätter erst nach dem ersten Frost essen |
| Palmkohl "Nero di Toscana" | dunkelgrün; etwas kleiner als Federkohl, weniger frosthart |
| Rote Gartenmelde | einjährig; hält nicht die ganze Saison; rasch wachsend; kann pinciert werden und wächst dann buschiger; versamt sich leicht, wird aber nicht lästig; wenn die Blätter Ende August braun werden, können sie entfernt werden; rote Blätter wie Spinat verwenden |
| Roter Mangold | dekorative rotstielige Sorte; verwenden wie den gewöhnlichen Mangold |
| Winterlauch | bläulich gestreifte Blätter; frostresistent; überwintert draußen und blüht wunderschön im zweiten Jahr |
| Rote Bete "Non Plus Ultra" oder "Bull's Blood" | dekoratives dunkles Laub mit durchscheinenden Farbtönen in Gelb und Grün; in kleinen Gruppen eher am Beetrand pflanzen; Ernte vor dem ersten Frost |
| Lattich "Forellenschluss" | rot-grün gesprenkeltes Laub; wenn er zu blühen beginnt, nach Belieben entfernen; zum Verzehr vor der Blüte ernten; in die Lücke kann nochmals Salat gepflanzt werden |
| Stangenbohne "Blauhilde" | blauhülsig mit blauen Ranken; können den Sommer hindurch geerntet werden |
Gepflanzt wird relativ dicht, die Pflanzendecke soll sich bald schließen. Bei der Verwendung von Prachtgemüsen wird ebenso vorgegangen wie bei Zierpflanzen. Sie werden also nicht wie Gemüse üblicherweise in Reih und Glied gepflanzt. Man unterscheidet sogenannte Leitstauden, das sind die stattlichen und dominanten Pflanzen, die "Chefs" im Beet, und ihre kleineren Begleiter. Zuerst platziert man die Gemüse mit Leitfunktion. Dies sind Cardy und Stangenbohne. Den Ort für die Stangenbohnen markiert man mit Bohnenstangen: Man steckt drei davon im Abstand von 50 bis 60 Zentimetern in den Boden, sodass sie ein Dreieck bilden. Die oberen Enden bindet man zusammen. Die Bohnensamen werden jedoch erst Ende Mai gesät! Cardy hat einen ausladenden Wuchs, die Stangenbohnen hingegen streben rasch in die Höhe und bilden so einen Blickpunkt. Anschließend gruppiert man die Begleiter, das Beigemüse, hinzu. Zuerst die größeren, das heißt den Federkohl "Hoher Roter Krauser" und den Palmkohl "Nero di Toscana". Vor allem der rote Federkohl kann sehr imposant werden, der Palmkohl wächst dagegen etwas gedrungener. Die kleineren Gemüse setzt man in Grüppchen dazu, so den rotstieligen Mangold, die Rote Bete "Non Plus Ultra", die Gartenmelde und den Lattich "Forellenschluss".