Inzwischen zeigt sich vielerorts ein neues Bild: Immer mehr Menschen lassen den Rasenmäher im Frühling stehen, das Gras wächst knöchelhoch, und Löwenzahnblüten ragen daraus hervor. Der Trend "No Mow May", also mähfreier Mai, soll zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen. Gleichzeitig erfüllt er den geheimen Wunsch vieler Menschen, nicht mehr ständig mähen zu müssen. Denn welche Vorteile ziehen wir schon daraus? Bewegung und Zeit an der frischen Luft können wir auch ohne die lästige Arbeit haben. Genießen wir also die Tätigkeit selbst, dieses monotone, fast meditative Schaffen? Wohl kaum: Vom Geräuschpegel einmal abgesehen, erzeugen Benzin- und Elektromäher Hektik, weil sie es ermöglichen, alle paar Tage "nur mal schnell" den Rasen zu mähen. Da steckt die Eile schon im Vorsatz, als wäre man auf der Flucht oder jagte hinter etwas her: Dem langersehnten Feierabend, dem Ende der To Dos, der Selbstoptimierung.
Und plötzlich ist man in der Abfolge verschiedener Vorgänge gefangen: Zuerst die Akkus laden oder Benzin nachfüllen, Gartenmöbel und Kinderspielzeug aus dem Weg räumen, Kanten trimmen, mähen, alles zurück an seinen Platz bringen, noch den losen Grasschnitt von der Terrasse fegen und später bloß nicht in der ganzen Wohnung verteilen – was natürlich trotzdem passiert. Der halbe Rasen rieselt aus den Schuhen, also als nächstes der Griff zum Handfeger, dann die grün verfärbten Socken in die Waschmaschine schmeißen – alles "nur mal schnell".
Aber wieso nochmal? Damit wir anschließend mit einer Tasse Kaffee am Fenster stehen können, um das getane Werk zu begutachten. Muss man auch, wenn man davon zehren möchte, denn schon in wenigen Tagen werden die Grashalme, der Löwenzahn, die Gänseblümchen wieder unregelmäßig nachgewachsen sein – und dahin ist das schöne Bild. An seine Stelle tritt der Beweis für unser Scheitern, für unseren missglückten Versuch, alles unter Kontrolle zu bringen. Nur können wir es dort nicht halten, und das nachwachsende Gras mokiert sich über uns.
Das stundenlange Mähen betrachtet Katrin de Vries in ihrem Buch "Ein Garten offenbart sich" rückblickend als eine "recht fragwürdige Tortur". Sie meint, wir lebten in einer Zeit des sinnlosen Tuns, und erinnert sich an ihre Kindheit: Im Garten der Großeltern gab es keinen Rasen, sondern Wiese und Acker. Der Großteil des Grundstücks diente dem Obst- und Gemüseanbau, auf der einzigen freien Grünfläche wurde im Sommer die frisch gewaschene Wäsche gebleicht. Die "Bleek", wie diese Wiese hieß, ständig kurz zu halten, ergab schlicht keinen Sinn. Sie wurde zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, mit der Sense gemäht.
Auf einer solchen Fläche wächst mehr als nur Gras: Wildpflanzen wie Hahnenfuß, Wiesenschaumkraut, Schafgarbe und Hornklee können sich etablieren. Ein bis zweimal im Jahr ist eine Mahd (mit der Sense oder dem insektenschonenden Balkenmäher) sinnvoll. Geschwungene Wege durch das Gras, Liegeflächen, Spielbereiche für Kinder und die Grenze zum Nachbarsgrundstück kann man regelmäßiger mähen. Wer langen Atem beweist, erhält so mit der Zeit eine mosaikartige und artenreiche Wiese. Das wogende Grün ist ein erholsamer Anblick, nicht das Objekt eines permanenten Korrekturbedarfs.
Der kurz geschorene Rasen hingegen ist ökologisch nahezu wertlos. Bei jedem maschinellen Mähvorgang sterben zwischen 60 und 90 Prozent der darin lebenden Tiere, darunter Insekten, Spinnen und Amphibien. Den Überlebenden fehlen nach der Mahd Nahrungsgrundlage und Rückzugsort. Auch jede andere Funktion, wie die des Nutzgartens, haben die meisten Grundstücke eingebüßt. Der Boden ist anfälliger für Trockenheit, im Sommer verbrennt der geliebte Rasen - zurück bleibt eine braune Ödnis. Und Wäsche bleicht hier längst niemand mehr.
Der einzige Zweck des Ganzen: Auf überschaubarem Terrain Ordnung und Sauberkeit inszenieren. Es hat etwas von territorialer Besitzaneignung, wenn wir uns ein Stück Land unterwerfen, das schon vor uns da war und noch nach uns da sein wird. Wir allein entscheiden, wer oder was hier leben darf. Und so schaffen wir einen vermeintlich sicheren Rahmen, in dem wir uns, ohne einen wie auch immer gearteten Angriff befürchten zu müssen (sei es von vermeintlichen Schädlingen oder der kritischen Nachbarschaft), präsentieren und frei entfalten können. Aber eben nur wir.
Und wie frei sind wir da noch, wenn wir wöchentlich zum Mäher greifen müssen, statt im hohen Gras zu liegen und ein gutes Buch zu lesen? Es ist eine Anpassung an gesellschaftliche Normen, der sich selbst naturverbundene und ruheliebende Menschen nur schwer entziehen können. Der englische Rasen war und ist Symbol von Status und Zugehörigkeit – ein Aushängeschild nicht nur für Ordnung, sondern auch für das Vorhandensein von Zeit, Geld und physischer wie psychischer Gesundheit.
Mit der Nutzung großer Aufsitzmäher sinkt die körperliche Anstrengung zwar gen null, gleichzeitig wächst wortwörtlich der Abstand zu dem, was da bearbeitet wird. Die größtmögliche Distanz aber schaffen Mähroboter, die nicht einmal mehr die Anwesenheit des Gärtners oder der Gärtnerin erfordern. Sie halten den Rasen, sofern sie nicht an einem Wackelkontakt kranken oder sich in einer Mulde festgefahren haben, kontinuierlich kurz. Ein echter Gewinn – aber für wen eigentlich? Nicht für Wildpflanzen und Insekten, auch nicht für den Boden oder das Mikroklima im Garten. Von verstümmelten Igeln ganz zu schweigen. Gewinnen tut vor allem die Rasenindustrie: Jährlich kommen zahlreiche neue Modelle auf den Markt. Im ersten Quartal 2025 wanderten allein in Deutschland 110.000 Geräte über die metaphorische Ladentheke – 45 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Und wer noch keinen Mähroboter sein Eigen nennt, knattert weiter mit schwerem Gerät durch den Garten. Denn inmitten des menschengemachten Artensterbens können wir es uns noch immer leisten, nutzloses Grün als Statussymbol zu präsentieren – oder etwa nicht?