Interview "Wildnis ist ein Moodbooster" – Wie wilde Gärten glücklich machen

Frau sitzt in einer Wildblumenwiese
Farben, Konturen, Lichtspiele: Natürliche Reize wirken sich positiv auf unser Wohlbefinden aus
© sacho / Adobe Stock
Echte Wildnis gibt es kaum noch. Dort, wo wir sie erahnen können, sind wir gesünder und glücklicher, sagt die Biodiversitätsexpertin Dr. Antje Arnold

GEO: Frau Dr. Arnold, in Ihrem Buch "Let’s go wild" schreiben Sie, es gäbe etwas tief in uns, das uns immer wieder nach draußen zieht. Warum sollten wir diesem Impuls öfter nachkommen?

Antje Arnold: Wildnis ist ein Moodbooster. Sie sorgt für gute Stimmung.

Warum?

Heutzutage sind wir einer permanenten Reizüberflutung ausgesetzt, und das erschöpft uns. Aufenthalte in der Natur aktivieren psychophysiologische Programme, die dagegenhalten. Wir können gedankliche Dauerschleifen leichter durchbrechen und gewinnen Distanz zu unseren Problemen. Nervenwachstum und Kreativität werden gefördert, das Arbeitsgedächtnis wird reaktiviert, sodass wir uns Dinge leichter merken können. Unsere natürlichen Killerzellen werden auf Vordermann gebracht, der Blutdruck kann sinken, und Entzündungen nehmen ab. Unterm Strich regenerieren wir viel schneller in der Wildnis, wir sind geistig fitter, gelassener und besser gelaunt.

Die Natur bietet ja aber selbst viele Reize.

Dr. Antje Arnold
Die Molekularbiologin Antje Arnold verfasste bereits mehrere Bücher zum Thema Insektenschutz und Biodiversität
© Heike Müller-Fuhrmann

Unsere Vorfahren lebten Millionen Jahre in der Wildnis, die Nahrung, Schutz und Orientierung versprach. Natürliche Reize haben uns evolutionär geprägt. Sie bringen uns wieder in die Ruhe und gleichzeitig in eine besondere Aufmerksamkeit. Rachel und Stephen Kaplan beschreiben in ihrer "Attention-Restoration"-Theorie (ART), wie unaufdringliche Reize die gerichtete Aufmerksamkeit entspannen und die subjektive Erschöpfung reduzieren können. Dazu gehören unterschwelliges Blätterrauschen, diffuse Farb- und Lichtspiele, Vogelstimmen sowie natürliche Düfte. In versiegelten Landschaften oder geschlossenen Räumen mangelt es an diesen natürlichen Reizen. Wenn wir zusätzlich den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen, fehlt eine dritte Dimension, und die permanente Zweidimensionalität schadet uns. 

Ist man mit einem Wohnort auf dem Land der Glück verheißenden Wildnis automatisch näher?

Nein, unsere Kulturlandschaften in Mitteleuropa sind durchkultiviert bis zum letzten Quadratmeter: Felder in rechteckigen, linearen Formen, keine organischen Strukturen und keine natürlichen Verläufe. Oft gibt es dazwischen nicht einmal mehr Bäume oder Hecken. Das sind sehr reizlose Räume.

Was macht das mit uns?

Es erzeugt ein Gefühl von Leere und Ohnmacht. Die Wildnisforschung belegt, dass die positiven Effekte der Natur mit der ökologischen Vielfalt korrelieren. Je komplexer eine Landschaft, desto nachhaltiger ist die neurophysiologische Regeneration. Wir sind visuelle Wesen und reagieren extrem auf visuelle Reize. In monotonen Landschaften gibt es wenig, woran das Auge hängenbleibt. Auf den ersten Blick haben wir alles erfasst, und das kann zu Langeweile und Überdruss führen. Es gibt nichts Spannendes, nichts Unerwartetes, wo es sich genauer hinzusehen lohnt.

Vielen dürfte das ganz recht sein. Manche Menschen schauen gern über gereihte Felder. Studien belegen sogar, dass immer mehr Menschen sich vor der Natur fürchten.

Das rührt daher, dass wir uns so sehr von der Natur entfremdet haben. Es fehlt an ökologischem Wissen. Und es kommt auf die kulturelle Prägung an. Die Angst vor Spinnen wird beispielsweise von Generation zu Generation weitergegeben. Aber ich bin davon überzeugt, dass jeder die Wildnis lieben lernen kann, und dann auch spüren wird, wie gut sie tut.

Wo können wir echte Wildnis erleben?

Kaum noch. In Deutschland ist weniger als ein Prozent der Fläche wild. In Nationalparks, etwa im Bayerischen Wald, bekommt man ein Gefühl dafür, was Wildnis bedeutet, aber das ist kein Vergleich zu den Landschaften, die es zu Beginn des Holozäns noch gab.

Wie sah damals das Landschaftsbild aus?

Höchstwahrscheinlich glich Mitteleuropa vor der Besiedelung durch den Menschen einer Parklandschaft. Es gab Vielfalt und strukturelle Natur. Große Pflanzenfresser schufen offene Inseln und Lücken, in denen neue Pflanzen gedeihen konnten. Dabei wurde auch mal ein Baum umgerissen, es lag also alles kreuz und quer. Heute gibt es in unseren Nutzwäldern kaum Totholz, in einem echten Urwald sind es um die 50 Prozent. Es gibt schon einige gute Rewilding-Projekte in Europa, wo große Pflanzenfresser ausgewildert wurden, um diese Landschaftsstrukturen wieder zu schaffen. Aber insgesamt haben wir hauptsächlich schnurgerade angelegte Wirtschaftswälder. Besser wäre eine mosaikartige Landschaft. Vor allem Randstrukturen im Wald haben deutlich mehr Artenvielfalt, weil es Übergangsbereiche gibt, die aus hohen Bäumen, mittelhohen Gehölzen, besonnten Bereichen und Blühstreifen bestehen. Das sind die eigentlichen Hotspots der Biodiversität in Mitteleuropa. Und da entsteht eine völlig andere Optik.

Und eine solche Optik sollten wir auch im Garten anstreben?

Ja, der Vorteil eines Wildnisgartens ist, dass wir die positiven Effekte genießen können, ohne weit reisen zu müssen. Das spart Zeit und Kosten. Außerdem kommen wir hier zu einer Selbstwirksamkeit.

Das klingt kontraintuitiv: Selbstwirksam sind doch eher diejenigen, die den Garten in Schuss halten.

Vielen Menschen ist bewusst, dass wir ein Problem mit dem Artensterben haben. Die Trends sind nach wie vor schlecht, obwohl wir schon lange intensiv über das Thema sprechen. Da fühlt man sich ohnmächtig. Aber indem ich aktiv sein kann, komme ich wieder in die Selbstwirksamkeit. Es ist wichtig, dass wir selbst zu Gestalterinnen und Gestaltern werden, und die greifbaren Zeichen der Veränderung sehen. Kaum schafft man vielfältige Strukturen, kommen heimische Tiere, zum Beispiel schillernde Goldwespen oder auch ganz besondere Säugetiere wie Siebenschläfer.

Goldwespe im Naturgarten
Die Gemeine Goldwespe ist nicht nur wegen ihrer metallisch glänzenden Optik spannend: Sie gehört zu den Kuckuckswespen, die parasitär von anderen Wildbienen und Wespen leben. Ihre Eier legt sie dazu in die Brutröhren der Wirtsarten. Mit etwas Glück lässt sich dieses Schauspiel im eigenen Garten beobachten
© Rudolf Wittmann

Viele haben solche Tiere noch nie gesehen.

Genau. Dass jede Generation immer weniger Natur und Wildnis überhaupt kennenlernt, ist fatal. Ich kann ja nichts vermissen, was ich gar nicht kenne. Und der Gewöhnungseffekt ist enorm: Wenn ein großer schöner Baum, an dem man immer vorbeiging, plötzlich fehlt, fällt einem das am Anfang noch auf, aber irgendwann wird es zur Gewohnheit. Das gleiche passiert, wenn es immer weniger summende Insekten oder zwitschernde Vögel gibt. Es ist deshalb ganz wichtig, dass wir den Umgang mit Wildnis wieder lernen. Und dazu können Gärten einen großen Teil beitragen.

Wie legt man einen Wildnisgarten an?

Man muss versuchen, unterschiedliche Lebensraumtypen herzustellen, etwa in Form von Totholz, Trockenmauern, einer Blumenwiese, einer Hecke mit heimischen Sträuchern. Der Fokus sollte aber auch auf Mikrohabitaten liegen. Das können Mauselöcher, Maulwurfshügel, Ameisenhaufen und kleine Pfützen sein. Sogar extra eingebrachte Dunghaufen liefern völlig neue Lebensräume. Außerdem kann man bedrohte und seltene Pflanzen wählen, um spezialisierte Insekten zu stärken. Insgesamt ist es wichtig, ein Stück weit natürliche Dynamiken zuzulassen. Pflanzen dürfen im Wildnisgarten beispielsweise wandern, also ihren Standort ändern.

Löst der Anblick von Unkraut und Wildwuchs bei vielen Menschen nicht eher Stress aus?

Am Anfang ist es vielleicht verstörend, wenn man glaubt, die Kontrolle zu verlieren. Da kommt Panik auf, aber wenn man lernt, loszulassen, eröffnen sich ganz neue Gelegenheiten. Man muss nicht mehr jede Woche den Rasen mähen und "Unkraut" zupfen, stattdessen kann man sich Zeit nehmen und in die Beobachtung gehen. Dadurch entdecken wir das wieder, was uns oft fehlt: Leben im Moment und die Abwesenheit von Druck.

Den Rasenmäher öfter mal stehen zu lassen und stattdessen natürliche Entwicklungen zu beobachten kann laut Antje Arnold zu mehr Gelassenheit führen
Den Rasenmäher öfter mal stehen zu lassen und stattdessen natürliche Entwicklungen zu beobachten kann laut Antje Arnold zu mehr Gelassenheit führen
© Antje Arnold

Für mehr Achtsamkeit empfehlen Sie eine "Gartensafari".

Genau, dabei kann man interessante Situationen und Tiere entdecken. Wilde Tiere in ihrem natürlichen Gebaren zu beobachten, fasziniert uns. Viele Menschen gehen gern in den Zoo, aber das ist nicht vergleichbar. Entdeckt man auf einer Bergwanderung plötzlich einen Steinbock, wird man mucksmäuschenstill und ehrfürchtig. Solche Begegnungen lösen das Gefühl aus, dass es etwas gibt, was größer ist als man selbst. Und das kann man auch im Garten spüren, wenn man eine ganz besondere Art zum ersten Mal entdeckt. Die Langhornbiene verkörpert für mich die perfekte Eleganz in einem winzigen Wesen. Ich bin hin und weg, wenn ich sie sehe und beobachte, wie sie sich abmüht, um ihre Brutröhren anzulegen und für ihre Nachkommen zu sorgen. Deshalb kann ich nur jedem raten, im Garten auf Safari zu gehen.

Viele Menschen scheuen womöglich die Reaktion der Nachbarn, wenn sie ihren Garten verwildern lassen. 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass neben der anfänglichen Irritation eine leise Faszination einsetzen kann. Meine Nachbarn haben eine riesige Rasenfläche, auf der sich Kartäusernelken von meiner Dachbegrünung ausgesät haben. Zuerst wollten sie den Rasen komplett neu kultivieren, also vertikutieren, düngen, neu einsäen. Aber der Sohn sagte, sie sollten die Nelken stehen lassen. Als sie schließlich pink blühten, hatten meine Nachbarn einen Aha-Effekt im eigenen Garten. Mittlerweile mähen sie diese Fläche immer später.

Mein wilder Garten soll also in der Lage sein, Menschen zum Umdenken zu bewegen?

Absolut. Weil die Wirkung gut sichtbar ist. Für das Thema "Wildblumenwiese" hatte anfangs niemand Verständnis, aber am Ende kann doch jeder an das Thema anknüpfen, und es wird akzeptiert. Es ist ein Lernprozess. Wir kommen aus einer Ära, in der Ordnung und Sauberkeit überhandgenommen hatten, natürlich müssen wir Wildnis erst mal wieder neu lernen. Und das muss eine bewusste Entscheidung sein.

Buchtipp für die weitere Lektüre: "Let's go wild: Wie wilde Gärten glücklich machen", 2026 erschienen bei Gräfe und Unzer, 224 Seiten, 28 Euro, auch erhältlich bei Thalia und Amazon

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