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Feuer in Brandenburg Forschung in Flammen: Der Wald brannte genau dort, wo Waldbrand untersucht wurde

Löschhubschrauber über einem See
In der Umgebung von Treuenbrietzen bekämpfte die Feuerwehr über Tage einen Waldbrand. Ein Löschhubschrauber etwa tankte Wasser am Seddiner See.
© dpa
Nahe Berlin stand der Forst in Flammen. Genau dort, wo zahlreiche Forschende über Jahre der Frage nachgingen, wie sich Waldbrand verhindern lässt. Jeanette Blumröder koordinierte das Großprojekt, das auch GEO intensiv begleitet hat

GEO: Frau Blumröder, am Freitag, 17. Juni 2022, brach auf der Fläche des ehemaligen Stadtwaldes Treuenbrietzen in Brandenburg ein Feuer aus. Genau auf der Fläche, die bereits im August 2018 von einem Großbrand betroffen war, und die Sie seither in Kooperation mit vielen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausführlich erforscht haben – um Brände zu verhindern. Wie erleben Sie die Situation?

Dr. Jeanette Blumröder: Eine Projektmitarbeiterin entdeckte während ihrer Forschungsarbeit vor Ort am vergangenen Freitag Rauchentwicklung und meldete das Feuer umgehend der Feuerwehr. Mein Mitgefühl gilt allen Betroffenen und den Menschen, die unter schwierigsten Bedingungen den Brand bekämpfen. Aber auch für unsere Forschung ist dieses neue Feuer ein schwerwiegendes Ereignis: In den letzten Jahren wurden bereits zahlreiche wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse erzielt. Ein Teil unserer Untersuchungsflächen sieht jetzt natürlich ganz anders aus und damit das ursprünglich geplante Versuchsdesign. Aber auch jetzt sind die Flächen für unsere Untersuchungen sehr interessant. Leider wurden durch das Feuer viele Messgeräte zerstört.

Was genau haben Sie erforscht?

Der Brand 2018 war Ausgangspunkt für zwei Forschungsprojekte. Zunächst begann das Centre for Econics and Ecosystem Management der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde mit einem geringen Budget und in Kooperation mit dem damaligen Eigentümer, der Stadt Treuenbrietzen, auf einem Teil des Stadtwalds mit Untersuchungen zur Entwicklung der Flächen nach dem Brand im Projekt "CleverForst". Aus dieser Initiative und der Kooperation mit der Universität Potsdam ging ein großes Forschungskonsortium hervor, das acht Institutionen umfasst. Das Projekt "Pyrophob" erforscht die Entwicklung von Waldflächen nach einem Feuerereignis und soll Antwort geben auf die Frage, wie unsere Wälder beschaffen sein müssen, damit sie widerstandsfähiger werden.

Wir haben von GEO das Projekt "Pyrophob" im letzten Jahr mit einem Team begleitet und erklärt. Was ist seither geschehen?

Wir haben mit sehr vielen Personen und Messgeräten eine Vielzahl von Daten erhoben. Die Dimension des Projekts fand bereits internationale Beachtung. Im Frühjahr zum Beispiel besuchten Waldbrandspezialisten aus aller Welt im Rahmen einer Forschungskonferenz die Projektflächen bei Treuenbrietzen. Der neuerliche Brand ist also nicht nur aus gesellschaftlicher, sondern auch aus wissenschaftlicher Sicht bitter: Die Flächen hatten zum Teil nach dem Brand 2018 bereits eine starke ökologische Entwicklung erlebt.

Welche zum Beispiel?

Es hatten sich etwa ein dichter Bewuchs von Pionierbaumarten, vor allem der Zitterpappel, eingestellt, der Boden wurde bereits wieder von einer Moosschicht und Krautpflanzen bedeckt. Es zeigten sich erste Vorteile der mikroklimatischen Pufferung der neuen Strukturen auf der Fläche, also etwa durch Totholz, das nach dem Brand 2018 absichtlich nicht weggeschafft wurde. Damit wurde prinzipiell die Entwicklung eines später weniger brennbaren Waldes eingeleitet.

Aber nun brannte es genau dort wieder.

Ja, es war klar, dass noch für einige Jahre weiterhin ein gewisses Brandrisiko bestehen würde, das allerdings nicht dasjenige von unverbrannten, noch grünen Kiefernforsten übersteigt. Die strukturarmen Kiefernforsten sind generell gut brennbar, wie wir ja auch in benachbarten Gebieten und bereits 2018 in Treuenbrietzen feststellen konnten. Das Projekt "Pyrophob" hat in dem Gebiet Wetterstationen installiert und betreibt ein dichtes Netz von zusätzlichen Geräten, die etwa Auskunft über Temperaturen und Luftfeuchtigkeit geben. So konnten wir in den vergangenen Jahren dokumentieren, dass auf den nun erneut zerstörten Flächen extreme Bedingungen herrschten, etwa hohe Temperaturen und geringe Feuchte.

Haben diese Bedingungen nun den Brand erleichtert? Oft ist auch von alter Munition als mögliche Ursache die Rede.

Das wissen wir nicht. Aber ich habe wenige Stunden nach dem Ausbruch des jetzigen Feuers der zuständigen Einsatzleitung Informationen zur Kampfmittelsituation übermittelt. Denn im Rahmen der Vorarbeiten zu unserer Forschung wurde auch deutlich, dass von der auf den Flächen verborgenen Munition ein Risiko ausgeht. Leider stellte sich heraus, dass die Kampfmittelbelastung auf den besonders kritischen Flächen so groß war, dass eine völlige Räumung nicht zu machen war. Dies sind genau diejenigen Bereiche, auf denen die Brände 2018 sowie jetzt erneut ausbrachen.

Portrait von Jeanette Blumröder im Wald
DIe Forscherin Jeanette Blumröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und koordiniert das Großprojekt "Pyrophob", in dem Forschende von acht Institutionen den Wald in der Umgebung von Treuenbrietzen untersuchen
© Julius Schrank

Es könnte sich also Munition selbst entzündet haben? 

Es ist fraglich, ob bereits Wetterbedingungen für eine Selbstentzündung von Munition gegeben waren. Generell ist diese phosphorhaltige Munition leicht entzündlich, vor allem wenn sie bereits einem Feuer ausgesetzt war. In den folgenden Tagen, nach Ausbruch des Feuers, trugen die heißen Temperaturen und zunehmende Winde mit teilweise starken Böen zur Ausbreitung des Feuers bei. Gleichzeitig mit dem Brand auf den Projektflächen traten in der näheren Umgebung und auch in anderen Teilen Brandenburgs unabhängig voneinander weitere Feuer auch in noch lebenden Kiefernforsten auf. Munitionsbelastung ist allerdings an vielen Orten in Brandenburg ein Problem. Leider besteht auch die Möglichkeit, dass – fahrlässige – Brandstiftung zu den Ursachen gehört. Aber dies wurde noch nicht unabhängig geklärt.

All das wäre ohne den Klimawandel kaum möglich.  

Ja, die Klimakrise erhöht die Risiken der Austrocknung, des Absterbens und des Abbrennens von Wäldern. Dies gilt vor allem, wenn gleich mehrere extreme Ereignisse hintereinander auftreten, also etwa Dürren, Hitzewellen und Stürme. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Art der Landnutzung erheblich zu Austrocknung und Aufheizung der Landschaft beiträgt. So trägt etwa die Übernutzung von Wasserressourcen für die Bewässerung und industrielle Produktion massiv dazu bei, dass auch Wälder in Brandgefahr geraten. Das größte Risiko aber geht von Nadelbaumplantagen wie den Brandenburger Kiefernforsten aus, die nach wie vor über 70 Prozent der Fläche dominieren.

Ohne Kiefernmonokulturen gäbe es in Brandenburg also kein vergleichbares Waldbrandrisiko?

Ja, in Kiefernwäldern – vor allem wenn sie als Reinbestände keine Laubbaumarten aufweisen - können sich Brände, einmal entfacht, rasend schnell ausbreiten. Die Bäume und die zu Boden gefallenen Nadeln sind harzhaltig, der Boden unter Kiefern verändert sich ungünstig und erlaubt zum Teil leicht brennbaren Arten wie Gräsern eine starke Ausbreitung während gleichzeitig die Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten, sehr gering ausgeprägt ist.

Was ist also zu tun, damit es rund um Treuenbrietzen und an anderen Orten nicht wieder brennt?

Entgegen häufig geäußerter Vermutungen können in nahezu allen Teilen des Landes prinzipiell Laubmischwälder wachsen. Es ist nicht richtig, dass einzig die Kiefer in Südbrandenburg gedeihen könne, wie zahlreiche Beispiele vorhandener Laubmischwälder zeigen. Wie genau sich das Waldbrandrisiko senken lässt, wollten wir eben mit "Pyrophob" erforschen. Aber schon jetzt ist klar: Wälder benötigen mehr Strukturen, die das Mikroklima und den Boden kühlen sowie die Wasserrückhaltung verbessern. Dazu gehört auch Totholz am Boden, das sich zersetzt und Humus bildet. Totholz bedeutet nicht automatisch eine wachsende Brandgefahr – es braucht etwas Zeit sich zu zersetzen, um dann mehr Wasser zu speichern. Es stellt vielmehr eine wesentliche Chance für die zukünftige Bodenentwicklung dar.


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