Das Absinken großer Flussdeltas gefährdet einer Studie zufolge Millionen Menschen. In vielen Regionen sinken die Deltas demnach sogar schneller als der Meeresspiegel klimabedingt steigt. Dort leben nach Studienangaben etwa 236 Millionen Menschen.
"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Bodensenkung kein Problem der fernen Zukunft ist – sie findet bereits jetzt statt, und zwar in einem Ausmaß, das den klimabedingten Meeresspiegelanstieg in vielen Deltas übersteigt", sagte Mitautor Manoochehr Shirzaei von der Hochschule Virginia Polytechnic Institute and State University (Virginia Tech).
Hunderte Millionen Menschen wohnen in Deltas
Obwohl Flussdeltas laut Studie nur etwa ein Prozent der Landfläche einnehmen, leben dort rund fünf Prozent der Weltbevölkerung - schätzungsweise 350 bis 500 Millionen Menschen. Darunter seien 10 der 34 Megastädte der Welt.
Als Hauptursachen der Absenkung nennt das Team im Fachjournal "Nature" eine übermäßige Grundwasserentnahme, Öl- und Gasförderung, mangelnde Sedimentzufuhr durch Staudämme und städtische Expansion. Die Gruppe um Leonard Ohenhen von der University of California in Irvine hat 40 Deltas mit Hilfe europäischer Sentinel-Satelliten analysiert. Die Messungen, die Änderungen der Oberflächenhöhe im Millimeterbereich zeigen, erfolgten von 2014 bis 2023.
Viele Deltas sinken schneller als Meeresspiegel steigt
"An vielen Orten führen die Grundwasserentnahme, der Mangel an Sedimenten und die rasche Verstädterung dazu, dass der Boden viel schneller absinkt als zuvor angenommen", sagte Ohenhen. Mitautorin Susanna Werth von der Virginia Tech betonte: "Diese Prozesse hängen direkt mit menschlichen Entscheidungen zusammen, was bedeutet, dass die Lösungen auch in unserer Hand liegen."
Beim gemeinsamen Delta von Rhein und Maas in den Niederlanden ist die Änderung des Grundwasserspeichers laut Studie ein bedeutender Faktor.
Zugleich lobt das Autorenteam die Reaktion einiger Politiker: Viele Deltas in wohlhabenderen Staaten weisen eine robuste Steuerung durch die Regierung auf. Dazu zählen die Forschenden neben dem Rhein-Maas-Gebiet etwa die Deltas vom Gelben Fluss in China, von der Weichsel in Polen, vom Po in Italien und vom Mississippi in den USA. "So gilt etwa der integrierte Hochwassermanagementansatz im niederländischen Delta, der ökologische Wiederherstellung mit infrastrukturellen Befestigungen kombiniert, als Modell für Resilienz gegenüber Küstengefahren", schreibt das Team.
Oftmals wenig Möglichkeiten für die Anpassung
Für viele Deltas, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, sei die Anpassungsfähigkeit durch institutionelle, soziale und finanzielle Beschränkungen jedoch eingeschränkt.
Die derzeitigen durchschnittlichen Senkungsraten übersteigen laut Studie in 18 der 40 untersuchten Deltas den lokalen Meeresspiegelanstieg. Bei ebenfalls rund der Hälfte der analysierten Deltas seien mehr als 90 Prozent der Deltafläche von Absinken betroffen - zum Beispiel bei den Deltas von Mississippi, Niger, Nil, Rhein–Maas, Po, Weichsel und Mekong.
Als ohnehin tiefliegende Landschaften mit oft weniger als zwei Metern Höhe sind Deltas laut Studie besonders anfällig für viele Umweltfaktoren wie Meeresspiegelanstieg, Sturmfluten, veränderte Temperatur- und Niederschlagsmuster sowie andere Umweltbelastungen, die durch den Klimawandel noch verstärkt werden.
Deltas mit besonders ausgeprägten Absinkgebieten, in denen mehr als 50 Prozent der Deltafläche schneller als 5 Millimeter pro Jahr sinken, sind laut Studie unter anderem die von Nil, Po, Weichsel, Gelber Fluss und Mekong. In zwölf der analysierten Deltas betrage die Absenkungsrate weniger als zwei Millimeter pro Jahr.
Dabei müsse man die langfristigen und sich verstärkenden Effekte berücksichtigen, sagte Ohenhen der Deutschen Presse-Agentur dpa. "2 bis 5 Millimeter pro Jahr entsprechen 2 bis 5 Zentimeter pro Jahrzehnt, aber über die typische Lebensdauer von Infrastrukturen von 50 bis 100 Jahren sind das 10 bis 50 Zentimeter zusätzliche Absenkung." Für Hochwasserschutzsysteme stelle dies eine erhebliche Veränderung der Risikoberechnung dar, die bei der Errichtung möglicherweise nicht berücksichtigt worden sei.
Hinzu komme der klimabedingte Meeresspiegelanstieg. Für das Rhein-Maas-Delta ergebe sich aus dem Meeresspiegelanstieg von 6 Millimetern und einer Absenkung von 3 Millimetern ein relativer Anstieg von 9 Millimetern pro Jahr. Das seien etwa 10,8 Zentimeter in 12 Jahren beziehungsweise 22,5 cm in 25 Jahren, "sofern sich die Raten nicht weiter erhöhen".
Als besonders gravierend sieht Ohenhen in einigen Deltas den Salzwassereintrag an, weil er nicht linear verlaufe. Schon kleine Höhenänderungen könnten ein rasches Vordringen von Salzwasser in landwirtschaftliche Flächen und Süßwasserleiter auslösen. "Im Mekong-Delta hat selbst eine moderate Absenkung dazu geführt, dass Salzwasserfronten sich um Dutzende Kilometer landeinwärts verlagert haben – mit verheerenden Folgen für die Reisproduktion."
Kleine Veränderungen mit nachhaltiger Wirkung
"Die zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass scheinbar kleine Veränderungen die grundlegenden Ausgangsbedingungen, von denen jede Küstenplanung ausgeht, nachhaltig verändern", sagte Ohenhen der dpa. Als wirksamste Maßnahmen zur Verringerung der Gefährdung sieht er Investitionen in Grundwassermanagement, Sedimentwiederherstellung und widerstandsfähige Infrastruktur.