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Meeresmüll Plastik am Strand sorgt für immer mehr weibliche Meeresschildkröten

Kunststoffe wirken am Strand wie eine Isolierschicht. Das lässt Bodentemperatur steigen
Kunststoffe wirken am Strand wie eine Isolierschicht. Das lässt Bodentemperatur steigen
© AfriramPOE/Shutterstock
Forscher warnen, dass immer mehr Kunststoffteile an abgelegenen Stränden bislang wenig beachtete Folgen für die Artenvielfalt haben. Auch Meeresschildkröten sind betroffen

Plastik in den Ozeanen ist nicht nur eine Gefahr für Meerestiere, die Kunststoffteile für Nahrung halten oder sich darin verheddern. Einen bislang wenig beachteten, aber folgenreichen Nebeneffekt beleuchten nun Forscher der Universität von Tasmanien und dem britischen Natural History Museum. Sie beobachteten, dass Plastik an den Küsten den Strand aufheizt.

Auf der Henderson-Insel im Südostpazifik und auf den Kokosinseln im Indischen Ozean nahmen sie an sechs Stationen Messungen in fünf Zentimeter Tiefe vor. Wo besonders viel Kunststoffteile den Strand bedeckten, wurde es am wärmsten: Bis zu 2,45 Grad Celsius lag die Tageshöchsttemperatur über dem plastikfreien Vergleichsstrand.

Plastikteile wirken wie eine Wärmedämmung

Die Forscher sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Plastikverschmutzung und den höheren Temperaturen: Zwar verändert der angespülte Kunststoff nicht die Wärmeleitfähigkeit oder die Speicherfähigkeit von Boden und Sand. Dafür scheint es, ähnlich wie eine Wärmedämmung, die Fähigkeit des Bodens zu beeinträchtigen, über den Tag gespeicherte Wärme an die Umgebung abzugeben.

Die Orte der Untersuchung hatten die Forscher mit Bedacht gewählt. Denn schon frühere Studien hatten gezeigt, dass hier besonders viel Ozeanplastik an Land gespült wird. Bis zu drei Kilogramm Kunststoffteile fanden die Wissenschaftler pro Quadratmeter. Und das, obwohl viele Regionen der Inseln unbewohnt sind. Schon bei früheren Erhebungen waren auf Henderson 38 Millionen und auf den Kokosinseln 414 Millionen Kunststoffteile gefunden worden – zusammengenommen ein 256 Tonnen schwerer Plastik-Berg.

Strandfauna in Gefahr

Die Forscher weisen darauf hin, dass schon geringe Temperaturschwankungen für bestimmte Bodenorganismen lebensbedrohlich sein können. Die Hauptautorin des Reports, Jennifer Lavers von der Universität von Tasmanien, warnte im Guardian vor heißen, "toten Zonen" am Strand, in denen Würmer und Wirbellose kaum noch überleben könnten. Mit Konsequenzen für das ganze Ökosystem, denn diese Organismen dienen durchziehenden Zugvögeln als Nahrung.

Aber auch Meeresschildkröten sind durch die höheren Temperaturen bedroht. Denn sie lassen ihre Eier von der im Seesand gespeicherten Wärme ausbrüten. Da die Temperatur über das Geschlecht des Embryos entscheidet, könnten steigende Bodentemperaturen dazu führen, dass vermehrt Weibchen schlüpfen. Die Forscher befürchten nun, dass sich dieser Effekt mit den Auswirkungen der globalen Durchschnittstemperaturen addiert – und so zu einer Gefahr für ganze Schildkröten-Populationen wird. Eine frühere Studie war zu dem Schluss gekommen, dass ein Temperaturanstieg um 2,6 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts dazu führen könnte, dass viele Embryonen absterben oder nur noch weibliche Tiere schlüpfen.

Plastik in den Ozeanen ist ein ungelöstes – und wachsendes – Problem: die globale Kunststoffproduktion verdoppelt sich alle zehn Jahre. Prognosen zufolge könnten um die Mitte des Jahrhunderts zwölf Milliarden Tonnen auf Müllhalden landen. Und ein Teil davon auch in den Ozeanen.


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