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Rohstoffgewinnung "Atemberaubendes Potenzial": Streit um Flachwasserbergbau im Meer

Bohr- und Förderinsel "Mittelplate A"
Blick auf die Bohr- und Förderinsel "Mittelplate A" der RWE und der Wintershall Holding GmbH im schleswig-holsteinischen Wattenmeer vor Friedrichskoog
© picture-alliance/ dpa | Christian Hager
Seit Jahren warnen Umweltschützer vor den Risiken von Tiefseebergbau. In flachen Meeresgebieten bauen Unternehmen bereits Mineralien und Metalle ab. Was bedeutet das für die Umwelt?

Ende 2021 wandte sich das Unternehmen Scandinavian Ocean Minerals (SOM) an die schwedischen Umweltbehörden. Das Bergbauunternehmen beantragte eine Genehmigung für Probebohrungen in der Bottensee - einem Teil der Ostsee zwischen Schweden und Finnland. Ziel ist letztlich der Abbau von Manganknollen in 60 bis 150 Metern Tiefe, also in einem relativ flachem Meeresgebiet. Dazu bräuchte das Unternehmen auch eine Ausnahmeregelung vom generellen Verbot in Schweden, abgebaute Bodensedimente wieder zurück ins Meer zu leiten.

Eine Entscheidung ist in Schweden noch nicht gefallen, doch der Fall illustriert zweierlei: Die Welt dürstet nach Rohstoffen. Und immer stärker in den Fokus rückt dabei auch der Abbau von Bodenschätzen vom Meeresgrund.

Hier richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit bislang vor allem auf den sich erst allmählich entwickelnden Tiefseebergbau, also die Förderung von Rohstoffen wie etwa Manganknollen oder Massivsulfiden aus bis zu 5000 Metern Wassertiefe. Dafür hatte die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) mit Sitz in Kingston, Jamaika, schon Anfang des Jahrtausends Erkundungslizenzen für ein Gebiet im zentralen Pazifik - die Clarion-Clipperton-Zone (CCZ) - vergeben, auch an Deutschland.

Doch noch immer scheint der Tiefseebergbau weit entfernt zu sein - technisch aufwendig, teuer und für die noch teilweise unbekannte Umwelt äußerst riskant. Mit steigenden Rohstoffpreisen und sich verschärfenden geopolitischen Konflikten könnte diese Form des Bergbaus näherrücken. Derzeit bereitet die ISA ein internationales Regelwerk für den Abbau von Bodenschätzen aus der Tiefsee in internationalen Gewässern vor.

Flachwasserbergbau ökologisch fragwürdig

Einfacher zu heben wären Bodenschätze vom Festlandsockel, also jenen Meeresgebieten, die den Küsten vorgelagert sind. Bei Wassertiefen von meist bis 200 Metern lassen sich Rohstoffe nicht nur wesentlich leichter abbauen als in der Tiefsee, man muss sie auch weniger weit transportieren. Hinzu kommt: Bis zu einer Distanz von maximal 200 Seemeilen - gut 370 Kilometer - von der Küste gelten Areale als ausschließliche Wirtschaftszone, über den Abbau entscheiden also nationale Behörden.

Doch gerade dieser Flachwasserbergbau - auch Schelfbergbau genannt - ist manchen Experten zufolge ökologisch noch fragwürdiger als der bezüglich der Umweltfolgen nur teilweise erforschte Tiefseebergbau. "Im Gegensatz zum Tiefseebergbau ist in diesem Bereich die Biomasse an Organismen viel höher", sagt Annemiek Vink von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. "Außerdem wird das Phytoplankton beeinträchtigt, das für die Speicherung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre sehr wichtig ist."

Dabei werden auf den Kontinentalsockeln schon seit weit mehr als 100 Jahren Rohstoffe gefördert: Da sind zum einen Öl- und Gasplattformen in aller Welt. Auch in deutschen Hoheitsgewässern werden die beiden fossilen Brennstoffe gefördert: in der Nordsee im Ölfeld Mittelplate vor der Dithmarscher Küste und und im Erdgasfeld Doggerbank. Hinzu kommt der weltweite Abbau von Sand und Kies für Bauzwecke - auch in der deutschen Nord- und Ostsee.

Mineralien und Metalle im Fokus

Doch inzwischen rücken andere Bodenschätze im Flachwasser in den Blick von Bergbauunternehmen: Mineralien und Metalle. Das schreiben die Forscherinnen Laura Kaikkonen und Elina Virtanen aus Helsinki im Fachblatt "Trends in Ecology and Evolution". So werden etwa vor der Küste von Namibia seit dem Jahr 2002 bis in eine Tiefe von etwa 130 Metern Diamanten abgebaut. Den größten Metallabbau im Meer weltweit verorten die Autorinnen vor der Küste von Indonesien: Dort wird großflächig Zinn gefördert.

Und vor der mexikanischen Pazifikküste sollen Phosphorite - also phosphorhaltige Sedimente etwa zur Herstellung von Dünger - aus einer Tiefe von 50 bis 100 Metern gehoben werden. Derzeit prüfen mexikanische Umweltbehörden einen entsprechenden Antrag.

"Die Offshore-Industrie hat mit Öl und Gas angefangen", sagt der BGR-Experte Carsten Rühlemann. Allerdings würden dabei Öl- oder Gaslagerstätten unter dem Meeresboden angezapft. "Beim Abbau mineralischer Rohstoffe werden dagegen große Bereiche flächenhaft abgebaggert."

Auf dem Kontinentalsockel liegt ein Drittel der terrestrischen Landmasse

Durch solchen großflächigen Abbau geraten die Unternehmen nicht nur in Konflikt mit Anwohnern und Umweltverbänden, sondern auch mit anderen potenziellen Nutzern eines Meeresareals - etwa Fischerei, Tourismus und Transportschifffahrt.

Dass sich die Suche nach Rohstoffen im Meer näher zur Küste verlagert, schrieben Forscher vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel schon 2017. Auf dem Kontinentalsockel liege unter dem Meeresspiegel ein riesiges Gebiet von etwa einem Drittel der gesamten terrestrischen Landmasse, betonten Mark Hannington, Sven Petersen und Anna Krätschell in "Nature Geoscience".

Da diese riesigen Schelfgebiete zum Großteil geologische Erweiterungen des Gesteins an Land seien, könnten mineralische Bodenschätze, die an Land abgebaut werden, auch im Sockel vor der Küste erschlossen werden, heißt es. "Wenn man die Zahl der Erzdepots betrachtet, die nahe der Küste an Land bekannt sind, dann ist das Potenzial des Kontinentalschelfs vor der Küste atemberaubend."

"Wenn Sedimente großflächig abgetragen werden, verschwindet der Lebensraum samt Organismen."

Doch wie sensibel die Öffentlichkeit in Industrieländern auf Meeresbergbau reagieren kann, zeigt ein Beispiel aus Neuseeland. Dort wurde ein Antrag zur Förderung von eisenreichen Sänden vor der Nordinsel kürzlich abgelehnt. Das Unternehmen Trans-Tasman Resources Limited (TTR) wollte 20 Jahre lang vor der Westküste der Insel jährlich bis zu 50 Millionen Tonnen solchen Sandes fördern - gegen den Widerstand von Fischereiverbänden, Umweltschützern und Organisationen der Maori-Ureinwohner.

Die Umweltbehörde EPA hatte die Lizenz schon bewilligt, wurde aber im Oktober 2021 vom Supreme Court überstimmt. Der oberste Gerichtshof verwies den Antrag zurück an die EPA - mit der Auflage, die historischen Verträge mit den Ureinwohnern stärker zu beachten.

TTR streitet weiterhin für eine Lizenz. Der Abbau biete Neuseeland eine beispiellose wirtschaftliche Chance, das Unternehmen finanziere wissenschaftliche Begleitforschung, und die Schäden für die Umwelt seien nur kurzzeitig und ohnehin überschaubar, schrieb TTR-Geschäftsführer Alan Eggers im August in der Tageszeitung "New Zealand Herald".

Das bezweifelt Tim Packeiser von der Umweltorganisation WWF: "Wenn Sedimente großflächig abgetragen werden, verschwindet der Lebensraum, samt der dort lebenden Organismen." Hinzu komme, dass überschüssiges Substrat voraussichtlich wieder ins Meer zurückverklappt werde, betont der Meeresökologe. Dies sei ein "Todesurteil" für sensible Ökosysteme, insbesondere Korallenriffe.

Regulierungen beim Flachwasserbergbau in Gesetzgebungen unzureichend berücksichtigt

"Da Flachwasserbergbau bislang vielerorts nicht in Erwägung gezogen wurde, ist die Umweltregulierung in vielen nationalen Gesetzgebungen unzureichend berücksichtigt", schreiben Kaikkonen und Virtanen. Diese Grauzone schaffe die Möglichkeit, Regeln zu umgehen, und biete beträchtliche Risiken für die Umwelt.

Der Bergbau entferne die Sedimente und damit die Lebensgrundlage der Bewohner des Meeresbodens, schreibt das Duo, dadurch könnten Arten lokal aussterben. Zudem würden die beim Abbaggern oder Absaugen aufgewirbelten Sedimentwolken das Wasser eintrüben und Organismen ersticken. "Hinzu kommt eine mögliche Freisetzung gefährlicher Substanzen aus dem Sediment und die Störung von Meeresbewohnern durch Lärm, Licht und Erschütterungen durch die Arbeiten."

Das eingangs erwähnte schwedische Unternehmen Scandinavian Ocean Minerals bewertet das anders: Grundsätzlich biete der Abbau von Manganknollen in der Ostsee die Chance für einen "Übergang zu einer Gesellschaft ohne fossile Brennstoffe", heißt es auf der Website. Schließlich könnten die daraus gewonnenen Mineralien etwa für Batterien, Solarzellen und Halbleiter verwendet werden.

Die Folgen des Abbaus auf die Ostsee seien zudem begrenzt: Das Ökosystem sei dort relativ artenarm, und weil zum Meeresboden ohnehin kein Licht gelange, gebe es dort keine Photosynthese. "Daher beeinträchtigt eine lokale Sedimentfahne am Boden die Primärproduktion von Algen nicht", betont dass Unternehmen, es spricht von einer "grünen Offshore-Industrie".

Walter Willems, dpa

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