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Grenzwertig In Kiel wird ein Radweg zum Hindernisparcours - um Auto-Emissionen zu drücken

Jetzt auch mit Schilderwald: Filteranlagen auf dem Radweg am Theodor-Heuss-Ring in Kiel
Jetzt auch mit Schilderwald: Filteranlagen auf dem Radweg am Theodor-Heuss-Ring in Kiel
© NABU/Frank Pliquett
Statt Fahrverbote für Dieselfahrzeuge auszusprechen, lässt die Stadt Kiel die Luft entlang einer stark befahrenen Straße filtern. Die Anlagen dafür stehen auf dem Radweg

Grenzwerte sind zum Schutz von Bürgerinnen und Bürgern da. Eigentlich eine prima Sache - auch und gerade, wenn es um Schadstoffbelastungen in Städten geht. Wäre da nur nicht die Sache mit dem Diesel. Seit Dieselmotoren als maßgebliche Ursache von zu hohen Feinstaub- und Stickoxidwerten erkannt wurden, schlagen die Wellen in den Kommunen hoch: Fahrverbote für dieselgetriebene Autos scheinen ebenso unausweichlich wie unpopulär. In der Landeshauptstadt Kiel geht man nun einen unkonventionellen Weg.

Am Theodor-Heuss-Ring, einer der am stärksten befahrenen Straßen der "Fahrrad-" und "Klimastadt", wurde jahrelang der Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter überschritten. Unschön und gesundheitsschädlich für die Mieter der Wohnhäuser, die nur durch einen Rad- und einen Gehweg von der Fahrbahn getrennt sind. Die Deutsche Umwelthilfe klagte sogar auf Nachbesserung des städtischen Luftreinhalteplans. Und bekam vom Oberverwaltungsgericht in Schleswig Recht.

Während die Stadt in Revision ging, präsentierte sie eine eigenwillige Lösung des Problems: Im vergangenen Jahr ließ sie entlang des kritischen Abschnitts sechs Container mit Filteranlagen aufstellen. Die saugen auf der Straßenseite die Abgase an und blasen zur Fahrrad- und Gehwegseite die gereinigte Luft aus. Der Grenzwert sei im Jahr 2020 deutlich unterschritten worden, freute sich die Stadt, und auch 2021 liege man bislang darunter. So sei der Monatsmittelwert im Februar mit 38 Mikrogramm pro Kubikmeter "sehr erfreulich".

Filterboxen stehen auf dem Radweg

Anwohner, Umweltverbände und Radler sind trotzdem genervt: Die Boxen stehen nämlich auf der gesamten Breite des Fahrradwegs. Den Autofahrern wollte man keinen Platz wegnehmen. Fahrradfahrer auf dem Weg in die Innenstadt müssen sie nun umradeln – und sich dabei den Gehweg mit den Fußgängern teilen. Konflikte sind dabei programmiert, aber offenbar sah die Polizei bislang großzügig über die Ordnungswidrigkeit hinweg. Schließlich muss laut StVO auf dem Fußweg das Rad geschoben werden.

Offenbar um Rechtssicherheit zu schaffen, ließ die Stadt nun auf der 190 Meter langen Strecke 14 Schilder aufstellen, die das Radfahren auf dem Gehweg ausdrücklich erlauben.

Ob die Maßnahme die Akzeptanz der Boxen erhöht, ist fraglich. Von einem "Placebo" spricht etwa die Deutsche Umwelthilfe. Und auch beim Umweltverband NABU löst die Filterlösung – Beschilderung hin oder her – nur Kopfschütteln aus. Hier denkt man größer. "Mittelfristig", so heißt es in einer Pressemitteilung, müsse die Innenstadt ohnehin autofrei werden. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht mit dem gut gemeinten Schilderwald gar ein "neues Level an Absurdität" erreicht.

Der Hersteller der Filterboxen, Robert Krüger, nannte seine Luftfilter gegenüber dem Deutschlandfunk unterdessen eine „Bückentechnologie“. In drei, vier Jahren erledige sich das Problem von selbst – durch die "natürliche Auslese" der alten Dieselfahrzeuge.


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